Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Von orthodoxer Seite ist dem Nabbinerverband -auch der Wechselbalg des Vetorechts, dessen Name allein schon aufreizend wirken muß, zugeschoben worden. Fort mit diesem Zankapfel aus allen ferneren Debatten! Auch Dr. Jacob fordert etwas ganz anderes; -es kann nach ihm gar nicht zu einem Veto oder einem Plazet kommen. Wir sind einig mit ihm in der Ueberzeugung. daß religiösen Konflikten bei der gemeinsamen Arbeit von Vorstand und Rabbiner, die wir für heilsam halten, vorgebeugt werden könne. Geben Sie dem Rabbiner den Vorsitz in der Kultkommission und das Referendum im Vorstand, und der Veto streit ist für die meisten Rabbiner erledigt! Komme»» Absti»»nnungen gegen ihn vor, dann ist immer noch möglich, daß die Gemeinde ihren Beschluß unausgeführt läßt; i»n äußersten Falle wird der Rabbiner einen anderen geeigneteren Wirkungskreisfür seine Ueberzeugungen suchen müssen. Das religiöse Gebiet ist kein Tummelplatz für Kraftproben; das viele Regieren ist hier vom Nebel; und das Dekretieren wird nicht besser, wenn es vorn Rabbiner ausgehen sollte. Diese könnten sich beinahe gehoben fühlen, daß ihnen gegenwärtig angeblich die Entscheidung zugeschoben werden soll. Aber sie wissen ganz gut, daß die Dinge anders liegen. Zudem sind sie äußerst locker organisiert, und wirtschaftlich so schwach, daß ihr geschäftsführender Ausschuß nicht nach Bedarf zusammentreten kam:, von General-Versammlungen gänzlich zu schweigen! Daher kommt es, daß sie nicht fertig werden können. Wenn es auf die Macht ankäme, so wissen wir ganz genau, daß wir schon von vornherein verloren hätten. Daß inan aber Bedenke»» trägt, einen leichten Sieg über uns zu erfechten, nehmen wir als Zeichen einer ernsteren Würdigung unserer Stellung. Aber erst wenn Sie mehr Rabbiner zu Ihren kirchenpolitischen Verhandlungen hinzuziehen wollten, würden »vir das Gefühl loswerden, daß uns das Recht verkümmert »vird, an »naßgebender Stelle uns kontradiktorisch zu äußern. Das ist unser dringendster Wimsch. E Librl und Luchkunlt. as in den letzten Jahren gewachsene Interesse für Religion ist naturgeinäß auch auf die Erzeugung schöner Buchausgaben nicht ohne Einfluß geblieben. Dies lehrt auch ein Gang durch die „Internationale Ausstellung von Luxusbüchern", die die altangesehene Buchhandlung Asher & Co. in ihre»»» neuen Geschäftshaus, Behrenstraße 17, veranstaltet hat. Dort sind einige intiin eingerichtete Räuine mit schönen und seltenen Büchern gefüllt — mit Freude sah ich darunter einige schöne Ausgaben biblischer Schriften. Nur ein deutscher Verlag, Georg Müller in München, wagte sich in letzter Zeit an das Problem, die ganze Bibel in schöner und lesbarer Forin herausz»»bringen. Er teilte sie in vier handliche Bände in einein schmalen For»»»at, ließ — wie heute so oft — die beim Lesen störenden Absätze fort und druckte eiue billigere Ausgabe in Halbleder und eine teuere auf Bütten und in Gauzleder. Der Jnselverlag brachte ein dünnes Bändchen in Leder für nur vier Mark heraus, „eilte Wibel in Auswahl". Mir erschien diese Auswahl recht miß- ■ glückt, was aber nur lehrt, wie zwecklos solche Buchmacherei ist, da doch nur selten der Geschmack »nehrerer 'getroffen wird. Da man aber heute gerade Einzelschriften der Bibeb gern vom künstlerischen Standpunkt aus liest, so haben Privatpressen mit Vorliebe dergleichen gedruckt, Besonders schön sind die im - Jnselverlage erscheinenden Drucke -der Ernft- Ludwig-Presse, unter der Leitung von Kleukens. Diese Presse, die ihr Entstehe»» dem kunstsinnigen Großherzog von Hessen verdankt, druckte das Hohe Lied und das Buch Esther. In Riesenformat werden auf der Pan-Presse des Verlages Paul Cassirer Bücher der Bibel gedruckt. Es erschien das Buch Judith. Corinth wählte es sich als Jllustrationsobjekt entsprechend seinem auf das Bewegt-Lebendige gespannten Talent. Es wird Temperanzfrage sein, wie man sich zu. diesen genial-brutalen, hingefegten farbigen Steinzeichnungen stellt. Auch in diesem Blatte darf nicht unerwähnt bleiben die neue Ausgabe der vier Evangelien, die der Verlag Eugen Diederichs drucken ließ. Professor Koch zeichnete eine neue gotische Schrift, die allerdings in ihrer Schwere leicht ermüdet, während das Ganze, der dunkle Ledereinband mit Schließen, das massive Format, das tiefschwarz bedruckte gelbliche Papier wie aus eine»»» Guß wirkt. Nachahmenswert ist das Register, nach den» man die einzelnen Legenden leicht findet. Zwei englische Gesamtausgaben der Bibel sind ausgestellt, die beide die typischen Vorzüge der sosehr fortgeschrittenen englischen Buchkunst aufweisen: klare lateinische Lettern, Gediegenheit des Materials, Markierung wichtiger Stellen nur durch größeren oder farbigen Druck, Verzicht auf unorganischen Schmuck und als Sch»»tz des Buches ein gediegener Ledereinband. Dergleichen gibt es in Deutschland noch nicht. Die eine Bibelausgabe widmet jedem Buch ein Bändchen in Taschenforrnat, das Ganze ruht in einem Holzgestell. Die andere „The English Bible“ gibt den offiziellen Text der High Church in fünf Folio-Bänden wieder. Gedruckt auf der V0V68- Press ist diese Bibel in ihrer Vornehmheit wohl vorbildlich, während der Preis von 2409 Mark die Durchführung eines ähnlichen Unternehmens in Deutschland wohl unmöglich machen würde. Interessant in seiner ganzen Art ist auch „the prayer book of King Edward VII.“, das die für den englischen Gottesdienst nötigen Gebete, Psalmen us»v. enthält. Das erste, auf Pergament abgezogene Exemplar dieses auf der Essex house Press gedruckten Werkes wurde vorn verstorbenen König von England benutzt. Wir wollen uns freuen, daß die Ashersche Ausstellung, die so sehenstverte Schätze an Luxusausgaben birgt, auch die vorhandenen Ausgaben biblischer Schriften berücksichtigt, allerdings die Ideal-Ausgabe, vornehm und unaufdringlich, handlich und gediegen, wurde noch nicht gefunden. M. V. S. The Associated Jewish Charities of Chicago 1910. Von Rechtsanwalt Dr. Lamm. o nennt sich ein kleines Handbuch, das auf 140 Seiten Auskunft gibt über die Vereinigung der Jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in Chikago. Die A(ssociated). J(ewish) Gh(arities) sind eine Organisation, um Beiträge zu sammeln — regelmäßige Mitgliederbeiträge oder Schenkungen — zur Verteilung an solche jüdische Wohlfahrtsanstalten, die vo»n Arnt der Direktoren (Board ok Directors) von Zeit zu Zeit als dafür geeignet bestimmt werden. Augenblicklich werden 14 Anstalten und Vereine auf diese Art versorgt. Das kleine Handbuch ist echt amerikanisch auf den praktischen Zweck der Erhöhung bereits gezeichneter Beiträge und Zeichnung neuer Beträge eingerichtet. Es enthält deshalb eine größere Anzahl von Ztzichnungsformularen.