Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sinne von Verwaltern von Gnaden Mitteln gibt es nicht. Dagegen besteht das allgemeine Priestertum zu Recht, ausgeübt durch Vertrauensmänner (und Frauen) der Gemeinde aus allen Schichten und Berufen. Da haben wir die Grundzüge einer S y n o d e. Diese, nach Provinzen geordnet, stehe über der Einzelgemeinde in den großen Fragen; über allen stehe die Landessynode in den größten Dingen. Daß Provinz- und Landessynode vornehmlich auch Rabbiner haben müssen, fordert die Vernunft. Ist es richtig, daß das Judentum noch heute eine religiöse Kulturmacht sein und eine entsprechende Kulturmissic,i ausüben sollnicht aber sich in eine ethische Gesellschaft mit Gebetsfloskeln und von Sprechern gehaltenen Laienpredigten verwandeln soll, dann sind die Rabbiner die berufenen Träger dieser Aufgabe. Der Hang zur Gelehrsamkeit um ihrer selbst willen war in ihren Kreisen bis in die neueste Zeit so groß, daß ihm zugunsten der seelsorgerischen Tätigkeit gesteuert werden mußte. Aber sie sind, wie die Deutschen um sie herinsofern aus der unpraktischen Träumerei erwachtals sie wissen: wer heute sein gutes Recht, nur von der Güte anderer zu erhalten hofft, wird unfehlbar erdrückt. Herr Dr. Jacob hat nicht respektlos, sondern bitter von gewissen Vorständen, auch Akademikern gesprochen. Gerade weil wir in unseren westfälischen und rheinischen Großgemeinden ein herzliches Einvernehmen und einmütiges Zusammenarbeiten mit den Vorständen gewöhnt sind, können wir ohne Gefahr einer Mißdeutung auf Schäden in anderen Gemeinden und in der Hauptstadt verweisen. Je stärker wir die unantastbare, religiöse Autokratie aller Zwangeinheiten betonen, also eine buntgewürfelte Decke mit den 20 000 Nuancen der Farbenskala Herstellen, desto stärker springt die religiöse Prinzipienlosigkeit in die Augen, und befördern wir die innere Zersetzung. Die Stärke unserer religiösen Position, die in der Freiheit des Bekenntnisses beruhtwollen wir nicht preisgeben; selbst die Synoden haben da nicht hineinzureden. Eine verständige Leitung aber in zahllosen Fragen des Ritus, Kultus und Religionsunterrichts würde von allen Verständigen als eine Erlösung betrachtet werden, weil jetzt nur Zufälligkeiten, Kompromisse, Tastversuche und.dergleichen bestimmend sind. Berlin macht hierin eine Ausnahme, weil dort für Gemeindevorsteher die größere Auswahl herrscht, religiöse Gelehrsamkeit und religiöses Interesse zahlreich vorhanden sind und eine öffentliche Kritik geübt wird. Wieviel vorbildlicher hätte diese Gemeinde aber noch wirken können, hätte sie es verständen, sich in allen Fragen die organische Mitarbeit ihrer Rabbiner zu sichern! Das Judentum trägt den Schaden, wenn unsere Theologie entwertet wird. Es verfällt innerlich der Verflachung, nach außen der Verachtung. Schon jetzt hat sie es unendlich schwer, im Kampfe, für die Reinheit und Erhabenheit der jüdischen Welt- und Lebensanschauung zu bestehen. Von der eigenen Gemeinschaft preisgegeben, muß sie alles Ansehen neben den anderen Bekenntnissen verlieren. Daher aber stammt im tiefsten Grunde der Antisemitismus der konservativ gerichteten Geistereines Renan, Richard Wagner. Treitschke, Dühring,Chamberlain usw., daß sie meinen uns vorwerfen zu können: es sei uns nicht Ernst um das heiligste Gut der Menschheit, um die Religion. Was wollen politische Zurücksetzung, wirtschaftlicher Boykott, gesellschaftlicher Ausschluß sagen, gegen die Diffamierung der jüdischen Seele! - Nun würden Sie - sich, verehrter Herr Juftizrat, leichter mit uns versöhnen, wenn unser Liberalismus entschiedener wäre! Manche meiner Kollegen glauben wirklich an eine tragische Schuld ihrer Vorgänger vor 1O0 Jahren' die sie nun büßen müßten. Ich für mein Teil begreife ganz gut, daß die damaligen Rabbiner in der starken Veräußerlichung und Nachahmungssucht der Gemeinden kein Heil erblicken konnten, und ihnen daher auch zuerst das nach Ausdruck ringende, berechtigte Vorwärtsstreben Verdacht einflößte. Als die Bewegung sich läuterte, traten Frankel, Geiger und Holdheim an ihre Spitze und ihren Ideen huldigt heute die gesamte. Rabbinergeneration (natürlich mit starken Schattierungen) mit Ausnahme der Orthodoxie. Daß von dieser eine Gefahr für die gesunde Entwicklung des Judentums drohe, gebe ich zu. Rabbiner, die ihr Diplom erst nach Ablegung eines — Modernisteneides erhalten, sind ein Nonsens; ein Gelübde von ihnen zu verlangen, sich auf Lehrmeinungen festzulegen, verstößt direkt wider die guten Sitten. . Aber die Rabbiner sollten überall da als energische Neuerer Vorgehen, wo sie innerlich einen freieren Standpunkt gewonnen haben!? Ich möchte auf eine kulturhistorische Tatsache aufmerksam machen: Neuerer sind selten vom Fach. Den Buddhismus stiftete ein Prinz, das Judentum ein Hirt, den Islam ein Kaufmann; das Pulver erfand ein Mönch, die neuere Philosophie ein Glasschleifer, ein Arzt die Bibelkritik und das lenkbare Luftschiff ein Kavallerieosfizier. Darf man, um beim letzten Beispiel zu bleiben, deshalb alle Ingenieure Pfuscher nennen? - Religion als autoritative Weltanschauung ist eine konservative Macht; Theologen, die in dogmatischer Hinsicht liberal denken, fühlen doch konservativ. Sie versagen sich oft, trotz bester Gründe, den äußeren Bruch zu vollziehen, und lasten hier das Leben selbst seine Arbeit an dem Wandel der Meinungen vollziehen. Dafür verdienen sie keinen Tadel und kein Mißtrauen. ' Was Dr. Jacobs Referat betrifft, so erschien seine Beweisführung der rheinischen Konferenz so klar und überzeugend, daß sie die Drucklegung beschloß. Seine Forderungen ergaben sich ihm als Konsequenz aus der Vernunft der Dinge und der Entwicklung der Verhältnisse. Formulierte Anträge sind es nicht, solche hofft die Konferenz demnächst einzubringen, um ihre geschäftsmäßige Beratung zu sichern. Je länger die Verhandlungen dauern, desto mehr haben sich bisher die Gegensätze verschärft. Gegenwärtig wird geflissentlich die Behauptung verbreitet, daß für den Fall eines negativen Ergebnisses die Rabbiner dafür verantwortlich wären. Sie dächten nur an ihr Standesinteresse und ließen gewissenlos die angestrebte finanzielle Hebung der leistungsschwachen Gemeinden aus den Augen, seien daher mitschuldig an dem Verfall von Gottesdienst und Schule an vielen kleinen Orten. Dieser kränkende Vorwurf wird durch die eine Tatsache zunichte, daß die Rabbiner ja seit Jahren für die. Errichtung von Bezirksrabbinaten aus gesetzlicher Grundlage eintreten, also : genau dasselbe Ziel verfolgen wie der Entwurf. Der Unterschied ist nur, daß erstere eine religiöse Fürsorge ohne rabbinische Mitwirkung als unjüdisch grundsätzlich verwerfen, während Ihr Entwurf die Rabbiner wie Fremdkörper behandelt, die durch eine gegen sie gerichtete Gemeindeautonomie möglichst unschädlich gemacht werden müssen. Je stärker Sie nun den Einfluß derjenigen Rabbiner bekämpfen werden, die Ihrer Richtung näherstehen, desto größere Fortschritte wird die orthodoxe Propaganda machen. Beweis: schon jetzt das von.Frankfurt geleitete Vordringen der Vereine für die jüdischen (lies orthodoxen) Interessen Westfalens, bzw. Rheinlands, die die Separationsbewegung im ganzen Westen organisieren.