Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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unangefochten („toleriert") in Wien? Und wo?' Und gab es reiche und hervorragende darunter, etwa einen Namenbei welchem (ich führe Sie in das Detail einer Arbeit, die mich beschäftigt) Maria Theresia es einem hochgestellten Manne von Adel gestattet oder nachgesehen haben würde, wenn sie erfuhr, daß ein solcher zu einem Juden in einer Beziehung stand? Gab es in Wien (damals) keine jüdischen Fiskale oder Münzmeister oder „Residenten" auswärtiger kleiner deutscher Fürsten, wie z. B. Börnes Großvater in Frankfurt „Agent" der Kurfürsten von Kölln war. Gesetztein sogenannter Hofjude, z. B. vom Markgräflich brandenburgischen Hofe besuchte Wien, wo könnte ein so immerhin wohlhabender respektabler Herr 1763 in Wien abgestiegen sein, bei wem etwa als Gast- und Geschäftsfreund (ich will sagen um Kremnitzer Gold oder Edelsteine für seine heimische Münzstätte oder seinen. Herrn, den Fürsten, zu kaufen) ausgenommen sein? Der in der „untern Wörd" früher belegene und in die Leopoldskirche verwandelte Tempel, (ich glaube dicht in der Nähe, wo ich einmal an einem schönen Feiertage bei Ihnen zu Mittag war) wo lag er 1763? Da Hab ich meinen Köcher geleert! Lauter kleine Pfeile, die sich für Ihre große Güte und noch größere Gelehrsamkeit in diesem Fach — oder erfordert die Höflichkeit nicht umgekehrt zu sprechen? — in Merkzeichen verwandeln mögen, in Notabenes, um mir eine mich orientierende Auskunft zu geben." In den vorstehenden Bemerkungen ist gemeint Wolfs Schrift „Die Vertreibung der Juden aus Böhmen" im Jahre 1744 und deren Rückkehr im Jahre 1748, mit Benutzung archivalischer Quellen" 1869; die Schrift „Vom ersten bis zweiten Tempel" ist wohl eine kleine Gelegenheitsschrift, die ich nicht angeführt finde. Eine große Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien veröffentlichte Wolf erst 1876. Es' ist leicht möglich, daß Gutzkow die Beantwortung seiner Fragen für seinen obenerwähnten Roman „Fritz Ellrodt" brauchte. 4. Wieblingen bei Heidelberg, 19. Mai 1874. „Ihr Büchlein über „Grillparzer als Archivdirektor" habe ich mit Vergnügen gelesen und die Pietät bewundert, die selbst diese Sphäre im Leben des verehrten Mannes in helleres Licht stellt. Wie bei allem, was Sie schreiben, tut der milde und humane Sinn wohl, Ihr Freimut und Ihre Unparteilichkeit. Ist Ihnen der Grund bekannt, warum Grillparzer in Ungnade fiel? Castelli hat ihn mir erzählt. Ferdinandus feierte seinen Geburtstag, und Grillparzer sollte durchaus ein Gedicht dazu machen. Seine Wahrheitsliebe brachte ihn auf den unglücklichen Gedanken einen Jdeengäng zu wählen, wo die Prämisse lautete: Andere mögen-durch große Taten glänzen und bewundert werden. Du aber, — war der zweite Satz — bist geliebt; denn, lautet die Conclusio, „Du bist sehr gut". Letztere Wendung war der Refrain jedes Verses.- Die Wiener Spötter travestierten: „Denn Du bist sehr dumm". Der Hof war empört und Grillparzer — ein gemachter Mann". Gemacht steht hier jedenfalls in dem Sinne: gewesen oder gefallen. Die Schrift Wolfs „Grillparzer als Archivdirektor" war schon 1871 erschienen. Die Anekdote Über Grillparzer mag hier aus allgemeinem Interesse mitgeteilt werden, ob sie wirklich begründet ist, vermag ich nicht zu verbürgen. 5. Wieblingen, den 20. Mai 1875. „In Leipzig waren wir viel mit Goldschmidts zusammen, die Ihnen vielleicht bekannt zsind. Ich jäh recht, wie doch mein Uriel Acosta in die Empfindung vieler jüdischer Familien eingedrungen ist. Um so ausfallender, daß mir jetzt eine ganz junge, wie auf der Börse angeworbene jüdische Clique, namentlich in Wien und im Theater Opposition macht. Die jüdische Orthodoxie äußert sich in Berlin bei ^ungebildeten rohen Menschen, wenn ■' sie durch den Gelderwerbmanchmal. (sie!) auch die orthodoxen Rabbinen aus dem Polnischen oder Schlesischen nach Berlin kommen, in gewissen Momenten ganz brutal. So möchte ich z. B. kein Stück mehr zur ersten Aust führung Ihrem Stadttheater oder dem Berliner Königlichen anvertrauen. Dort herrscht die. französische Frivolität, hier die rohe, , provinzielle Verbildung — natürlich alles jüdisch. Von Einfluß der Christen ist nur „im ferneren Verlauf" noch die Rede." / . Zum Verständnis des. Vorstehenden sei daran erinnert, daß Gutzkow damals nicht nur körperlich krank war, sondern geradezu an Verfolgungswahn litt, der ihn überall Feinde sehen ließ.— Goldschmidts itt Leipzig find gewiß der bekannte Prediger M. A. Goldschmidt und seine noch jetzt lebende Gattin, Henriette, die in diesen Blättern nach Gebühr gewürdigt worden ist. ,; 6. Heidelberg, den 10. Januar 1876. „Gestern las ich die höchst anregende Parallele mit der Türkenfrage zu Josef II. Zeit, Dieser Aufsatz muß in Berlin und Ems von großer Bedeutung sein. Aber am Schluß zürnte ich Ihnen, daß ich dagegen hätte schreiben mögen. Wie konnten Sie so plötzlich das jüdische Gefühl, daß ja nun Bahn gebrochen sei, die.Religionsschranken zu beseitigen, dies Frohgefühl übertragen auf die Türkenfrage!! In dem ganzen lichtklaren Aufsatz glaubt man. Sie sähen die Türken für unverbesserlich vom Unglück an, und plötzlich schenken Sie der Versicherung der Reformtürken Glauben, Christ und Muselmann könnten .friedlich beisammen leben! Nein, 'die Stahlsche Theorie vom christlichen Staat ist bei den Sofias (Hetzkaplänen)- nicht aufgehoben. Die? Regeneration liegt ihnen nur im entfesselten Islam. Die Türken müssen aus Europa hinaus. Zwei Religionen können nebeneinander nur unter dem Neutralisierenden Einfluß der Bildung der staatlichen höchsten Reife stehen. Letztere erwirbt sich die Türkei niemals. Wir hatten ja noch 1847 im Kopfe Friedrich Wilhelm IV: Derwisch-Ideen. Das. Wort Reformen ist in der Türkei noch gar nicht diskutiert worden. Die Paschas, die in Paris, Wien, London waren und französisch parlieren, lernten nur unsere für Geld feilen Weiber, unsere Ballette und frivolen Romane kennen und kehren schüldenbehastet mit ihrer ganzen Nichtachtung occidentalischer Sitte zurück. Doch zürnen Sie mir nicht, wenn ich Mich so gehen lasse. Lasker sprach für die Jesuiten und die Wiener Juden für die Türken. Sonnemann will Elsaß-Lothringen den Franzosen erhalten! Das sind keine guten Zeichen der Toleranz, der Nathan- Gesinnung, sondern —"; - Die vorstehende sehr merkwürdige Ausführung bezieht sich gewiß auf einen der zahlreichen Artikel, die Wolf in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung"; veröffentlichte. Gutzkows Prophezeihung liest sich heute, da die in der Türkei eingeführten Reformen schon einige Zeit bestehen und Hoffnung aus Dauer zu versprechen scheinen, höchst eigentümlich. Wir Ssdbimr! Sendschreiben an Herrn Iuftizrat F. Mak o w er von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. - : 7"."' ii. . ■■ ■ irrigen wir üns daher über Grundtatsachen! Das Judentum ist seit Jahrtausenden Manifestation des rabbinischen Geistes. Neben, ja selbst vor den beamteten Gelehrten haben düs erste Wort die Übrigen Religionskündigen. Geistliche im