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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-17 · Heft 11 (17.3.1911) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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den Enthusiasmus für revolutionäre Ziele milgebracht, im neuen Milieu Amerikas,- - wo es weniger politische Schlachten im enthusiastischen Sinne des Kampfes gegen zarische Uebergriffe zu schlagen gibt, hat sich der revolutionäre Enthusiasmus in Bildungssehnsucht gewandelt. Der jahrtausende alte Trieb der Rasse zum Wissen als Selbstzweck trat hinzu, und so erklärt sich die merkwürdige Entwicklung des jüdischen Proletariats in New York, dessen Söhne und Töchter mit jedem Jahre zahlreicher in die intellektuellen Positionen des Landes 'einrucken. Schon zählt die „Columbia Universität" in New Aork einen wesentlichen Bruchteil jüdischer'Lehrkräfte. So können wir zusammenfassen, daß sich im freien Wettbewerb aller Anlagen,' wie sie das amerikanische Milieu gewährleistet, die entschiedene Eignung der Juden, soweit sie aus Osteuropa, stammen, für rein geistige Betätigungen klar erwiesen hat; etwa ähnlich übrigens, wie ja auch die Judenbevölkerung Rußlands in ihrer Elite bedeutende Intellektuelle, doch relativ wenig bedeutende Industrielle und Kaufleute hervorgebracht hat. Ein interessantes Zeichen dafür, daß die kommerzielle Richtung jüdischen Geistes nur gewissen Gruppen, den westeuropäischen und den von ihnen abstammenden Juden, nicht aber ihrer osteuropäischen Mehrheit eigen ist. Aus Mieten Karl Gutzkows sn Gerlon Walt. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. Unsere Zeitung hat nicht nötig, den Säkulartag Karl Gutzkows (17. März) besonders zu begehen, da in ihr von Gutzkows Verhältnis zum Judentum schön vielfach die Rede war. Vor einigen Jahren hatte an diesem Platze H. H. Hauben diese Beziehungen recht breit behandelt. Ich habe dann später einen von Gutzkows späteren Romanen: „Fritz Ellrodt", in dem viel Jüdisches vorkommt, beleuchtet und in einer Studie :, „Die Juden und das junge Deutschland" dem Vorwurf entgegenzutreten versucht, als wenn das junge Deutschlands wie seine Verfolger Vorgaben, irgendwie mit Juden zusammenhinge. Bekanntlich war Gutzkow und die zugleich mit ihm Verfemten: Wienbarg, Laube/ Mundt ein geborener Christ, und stand auch weder durch Verheiratung noch durch Verschwägerung mit jüdischen Kreisen in Verbindung. Freilich sind von Laube und Gutzkow häufig Juden dargestellt worden in günstigem, gelegentlich auch in ungünstigem Sinne; die Vorführung, ja Glorifizierung der Jüdin Delphine in Gutzkows erstem Roman' „Wally", die gewiß im Hinblick und unter Einfluß von Rahel Lewin entstand, ist wohl ein Hauptgrund zu dem Vorwurf gewesen, daß das junge Deutschland mit Juden und Judentum verbunden sei. ' Einen kleinen Beitrag zum Säkulartage mögen die hier nachfolgenden Briefe bringen, die mir von dem Sohne des Adressaten mit der Berechtigung der Veröffentlichung mitgeteilt wurden. Sie sind an Gerson Wolf gerichtet. Die mir anvertrauten Schriftstücke reichen von 1852 bis 1876, stellen aber keine regelmäßige Korrespondenz vor, denn der Briefwechsel ruhte oft viele Jahre und wurde nur durch Glückwünsche und Büchersendungen Wolfs unterbrochen. Der genannte Adressat ist der bekannte Philologe, Pädagoge und Geschichtsforscher Gerson Wolf, 1823 bis 1.892, der von 1850 bis 1884 als jüdischer Religionslehrer, von 1884 bis zu seinem Tode als Inspektor sämtlicher israelitischer Religionsschulen in Wien'tätig war.- Er war ein .außerordentlich fleißiger Schriftsteller; A. Brüll zählt (Allgemeine Deutsche , Biographie Band 43, S. 750 ff.) nicht -weniger als 25 größere Arbeiten auf, von denen sich etwa zwei Drijtel auf jüdische Dinge beziehen: außerdem hat Wolf, der auch dieser Zeitung ein treuer Mitarbeiter war, sehr viele Aufsätze in Zeitschriften publiziert. Er gab endlich eine ^Geschichte Israels für die israelitische Jugend" heraus, die es auf zehn Auflagen brachte. Wie die Beziehungen Gutzkows zu Wolf entstanden sind, wird aus unseren Briefen nicht ganz klar; es scheint, daß sie durch Wolfs Gattin geknüpft wurden, einer Nichte der Frau des bekannten Gelehrten Bernhard Beer in Dresden, mit dem Gutzkow wohl bekannt war, als er in der sächsischen Hauptstadt lebte; die Verbindung wurde dann durch gelegentliches Zusammentreffen aus Reisen gefestigt. Jedenfalls war die Vereinigung, ohne sonderlich lebhaft zu werden, eine echt freundschaftliche: Gutzkow wandte sich in manchen literarischen Nöten, wenn es galt, auf Wiener Blätter Einfluß zu gewinnen oder in dortigen Theatern etwas durchzusehen, an den in journalistischen Kreisen angesehenen Mann, und Wolf erbat gelegentlich Gutzkows Rat, z. V. darüber, ob er seinen Sohn in Heidelberg studieren lassen sollte. Außer solchen persönlichen, finden sich in den Briefen auch interessante literarische Stellen über Gutzkows Beziehungen zum Hoftheater und dessen Direktoren Laube und Dingelstedt. Ich begnüge mich hier damit, die Stellen hervorzuheben, die ein gewisses jüdisches Jntereffe besitzen. 1. Dresden, den 28. April 1852. Gutzkow dankt für Wolfs „inhaltsreiche, anregende Schrift" und fährt fort: „Vorläufig bin ich nur imstande, mein<Bewunderung vor Ihrer Gelehrsamkeit auszusprechen. Die Form der Behandlung, Noten und Noten wieder zu den Noten, verhindert etwas die rasche Ernte des Gewinnes, der sich hier für uns Laien machen läßt. Doch wo es sich um Tatsachen handelt, schadet eine Methode nichts, die schon von selbst das Gedächtnis auffordert, es sich auch nicht zu bequem zu machen. Man behält's desto besser." Aus der genannten Zeit ist mir nur eine Schrift Wolfs: „Ueber die Volksschule in Oesterreich" bekannt, auf die sich möglicherweise unser Brief bezieht, der übrigens die Darstellungsart Wolfs gut charakterisiert. 2. Weimar, 20. Juli 1864. Gutzkow dankt für die Teilnahme an seinem Jubeltage (seinem 25 jährigen Jubiläum als Dramatiker), wünscht Glück zu dem reichen und trefflich gedeihenden Kindersegen und sendet Grüße an die liebe Tante, die treffliche Frau Doktor Beer. 3. Berlin, 31. Mai 1870. „Noch bin ich Ihnen den Dank über die Zusendung Ihrer Schrift „Ueber die Vertreibung der Juden aus Prag" schuldig, die ich, man darf des Gegenstandes wegen nicht sagen, mit Vergnügen, sondern mit Abscheu gelesen habe, nur Ihre innige, gemütvolle und doch gerechte, dem verblendeten Zeitgeist Rechnung tragende Darstellung versöhnt mit den von Ihnen gewissenhaft verzeichneten Tatsachen. — Auch Ihre kleineSchrift „Vom ersten bis zweiten Tempel" habe ich mit Aufmerksamkeit und Belehrung gelesen. Die vorangeschickten Lebensläufe, z. B. Hofmannthals versetzen den Novellisten in jene Detailwelt des jüdischen Lebens, um deren genaue Kenntnis wir Christen die Kompert und andere beneiden. — Leider habe ich nicht Ihre Geschichte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, haben Sie in dieser nur das Gottesdienstliche, Synagogale in der Wiener Chronik der Juden behandelt, oder auch auf die Schicksale der Juden Wiens im allgemeinen Rücksicht genommen? Meine Frage entsteht aus einem besonderen Interesse. Verzeihen Sie mirum meiner Aufrichtigkeit willen, die Schuld selbst. Ich erführe gern etwas Genaueres über die Lage der Juden in Wien ums Jahr.1763. Wohnten damals Juden

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