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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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Das Gesicht der langen Genendl erhellte sich. „Das, glaub ich, Red Berele, bas glaub ich. Ich Habs von meiner Mutter gelernt, und wenn ich Eier bereite, das heiße ich dann Eier! Was, Reb Ore?" Reb Ore kam jetzt zu Atem. „Eier? Das sind gar keine Eier. Das ist wirkliches Manna." Genendl vergaß ihren vorigen Aerger, stieß Berele mit dem Ellbogen an und flüsterte ihm zwischen den Zähnen sprechend zu: „E schmeckediger Mensch, was? Er is nor e Kazew, aber seine Seele ist wie die eines Heiligen." Dann sagte sie zu ihrem Manne gewendet: „Esten wir, Reb Ore, Reb Berele wird entschuldigen." Reb Berele entschuldigte gern. Einzeln begaben sie sich zum Waschbecken, wuschen sich die Hände und gingen dann zu Tisch. Reb Ore saß am obern Ende des Tisches, neben ihm Genendl. Zwischen dieser und dem Bocher saß Aronchen,, der Engel. Die beiden anderen Knaben saßen auf der anderen Seite. Aronchen bekam auch vom Ei und er schmierte den gelben Brei schön auf das weiße Tischtuch, ein Händchen voll aber warf er in des Bochers Teller. „Da, da," lallte er gutmütig. - . „Ich sag^ ja, daß das ein Engel ist," Prahlte Genendl, „schauen Sie nur, Reb Berele, wie er den Bocher füttern möchte." Dann wurde das Ritschet hereingebracht. Feines Ritschet war es. Mit Gansrücken und Gansschenkel und gefülltem Hals, und zwischen den großen Gerstlkörnern leuchteten die bunten, türkischen Bohnen hervor. Genendl teilte erst ihrem Manne vor und dann dem Bocher. Dieser bekam den Schenkel. „Ich will den Schenkel haben," kreischte Davidchen. „Bocher, geben Sie ihm den Schenkel", winkte Genendl. „Ich mag nicht den Schenkel vom Bocher. Ich will einen anderen Schenkel haben." Man gab ihm den anderen Schenkel. Er aß denselben und warf dann den Knochen unter den Tisch. „Du Nichtsnutz," schalt ihn die Mutter, „darf man den Knochen unter den Tisch werfen?" David kroch unter den Tisch, hob den Knochen auf und zwickte dabei Pinches Jude in die dünnen Waden, „Der Bocher stampft!" brüllte er dann, kroch hervor und legte den Knochen auf des Bochers Teller. „Man muß ihn nur belehren," sagte selbstgefällig die Mutter, „dann ist er gleich artig wie ein Grafenkind." Als die Familie einigermaßen ihren Hunger gestillt hatte, lenkte Berele das Gespräch auf seine Angelegenheiten. „Also, was glaubst Dü, Ore, wird er morgen kommen?" „Warum soll er nicht kommen?" „Bon wem sprecht Ihr?" frug Genendl. „Bon Blümeles Bräutigam," klärte sie Berele auf. „Um Gotteswillen, Reb Berele, seid Ihr verrückt geworden? Ihr verheiratet sie wirklich?" „Ist das so eine große Dummheit?" „Was sonst, wenn der Mensch aus einem Bettelstab zwei macht?" „Warum sollen sie Bettler sein? Das ist ein feiner Bocher, den uns Reb Ore spricht." „Kann mir schon denken, was für ein feiner Bocher das ist- Wenn einer ein feiner Bocher ist, will er Geld haben. Glauben Sie vielleicht, daß mein Vater mich Nicht auch lieber einem Bocher gegeben hätte? Glauben Sie, daß Man mich für einen Fleischhacker erzogen hat?" Reb Ore bekam Angstdaß sich bei seiner Frau abermals die Erbitterung Luft machen würde und lenkte die Rede wieder auf Blümeles Brautschaft zurück. „Blümele macht ein Glück." „So? Und wer ist der Bocher? Du hast mir noch gar nichts darüber erzählt." < „Ein feiner Bocher aus Tapolcsäny.« „Auch Friedländers bringen von dort einen Bocher für ihre Tochter." „Ja, dort sind jetzt die guten Bocher'm," „Bei Friedländers wird Montag die Verlobung sein." „Ja," bestätigte Berele, „und bei. mir Sonntag. Gleich wenn der Bräutigam mit dem Zuge anlangt. Also was, Reb Ore, Du kommst mit mir zum Bahnhof?" „Wir denn nicht, wie denn nicht," versprach Reb Ore, und sein Gesicht strahlte förmlich vor Vergnügen. „Weißt Du, weil ich ihn nicht kentte," erklärte ihm Reb Berele. „Freilich, freilich." „Also, wir sind einig." „Ja, aber weißt Du, was ich mir gedacht habe? Ich Hab' mir gedacht, mau sollte vielleicht irgend einen vornehmen Herrn bitten, beim Empfang am Bahnhof gegenwärtig zu sein. Weißt Du, es ist doch ein feiner Bocher ..." Berele erwiderte darauf, daß das wirklich gut wäre und Ore übernahm es, jemanden für diese menschenfreundliche Sache zu gewinnen. Als Berele am nächsten Abend zum Bahnhof ging, sah er dort den reichen Friedländer. „Ei, ei," dachte er, „daß Reb Ore gerade diesen gerufen hat, seinen größten Feind . ." Er sah sich nach Reb Ore um, doch diesen fand er nirgends. , Er ging also zu Friedländer hin. . „Schön von Ihnen, Herr v. Friedländer," Hub er, sich bedenkend, an. .• Friedländer machte große Augen. Er konnte nicht begreifen, wofür ihm dieser Beer dankte. „Nu," klärte ihn Berele auf, „ich mein', es ist schön wegen des Bräutigams." „Wie hätte ich denn nicht herauskommen sollen?" sprach Friedländer, das Lob abweisend. Berele gab ihm recht und nannte sich im stillen einen nichtsnutzigen Menschen, weil er sich über diesen Mann einst geringschätzend geäußert hatte. Und er rührte sich nicht eher weg von ihm, bis der Zug angelangt war, doch selbst dann blieb er . noch an seiner Seite und begleitetete ihn sogar bis zum Eisenbahnwagen. Da bemächtigte sich seiner denn tiefe Ergriffenheit, als diesem ein schlankgewachsener, schöner Mann entstieg und Friedläuder ihn umarmte, als ob es sein eigener Sohn wäre Berele getraute sich nicht, ihn zu umarmen — der Bocher hatte einen wunderschönen Rock an — er reichte ihm bloß die Hand zum Willkommen hin: „Lebolern Lechem!“ Und er stellte sich ihm als Berele Beer vor. Friedländer warf ihm einen so stechenden Blick zu, daß dieser ihn beinahe durchbohrte. Er konnte nicht verstehen, was dieser Mensch eigentlich haben wollte, er befürchtete nur daß er durch seine Zudringlichkeit sich auch mit in seinen Wagen setzen würde, darum frug er: „Sind sie zu Fuß gekommen?" „Nein, Herr v. Friedländer, per Wagen." „Nun denn, dann fährt jeder mit seinem Wagen." Berele befremdete dies, doch er beruhigte sich dann.

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