Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
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das nenne man getrost auch fürderhin Rasse. Aber Neigungen kann man unterdrücken, Dispositionen kann man bekämpfen, den äußeren und inneren Habitus abkegen, ja bis zur Ununterscheidbarkeit abstreifen. Den Wert eines Kulturmenschen vollends - nach Nasenbildung, Haarfarbe, Gestus be- und verurteilen, hat wissenschaftlich keine größere Berechtigung als die Kartenlegekunst der Zigeunerinnen oder Chiromantiker, welche aus den Handlinien die künftigen Schicksale der Menschen abzulesen vorgeben oder der Graphologie, welche aus den Schriftzügen Charaktere herausfindet. Nennen sich Rassentheoretiker Soziologen, so kann ich in dieser Art von Soziologie im besten Falle nur eine Alchemie der Geschichte erblicken. Es ist ein unsicheres Lasten im Dunkeln- Die Einteilung der Menschen, vollends ihre Spaltung ngch Habitus und Gestus, ist rein äußerlich und oberflächenhaft. Die sogenannten jüdischen Gruppenmerkmale stellen gar keine konstante, sondern eine variable Größe dar. Tie völlig assimilierten Juden im Westen zeigen je länger, desto weniger solche spezifischen Gruppenmerkmale auf. Das sogenannte jüdische Rassenblut ist kein Schicksal, kein Dämon, kein Verhängnis, keine Prädestination, sondern ein Produkt derGeschichte, ein Erzeugnis des Ghettos, eine Disposition unserer Instinkte die aus gemeinsamen Gattungserfahrungen hervorgegangen sind und sich durch Inzucht vererbt haben. Wir stehen auf dem Boden der Spencerschen Vererbungstheorie. Danach sind erworbene Eigenschaften ebenfalls vererbbar. Was man heute vielfach als unaufhebbares Rassenmerkmal der Juden aüsgibt, liegt nicht etwa, mit Weismann zu sprechen, in unserem Keimplasma vorgebildet, in unserem Blute als Schicksalstragödie vorgezeichnet, sondern es handelt sich um erworbene Eigenschaften, die sich im Laufe der Geschichte durch den gemeinsamen Druck herausgebildet und vererbt haben, aber ebenso wieder allmählich verschwinden, je vollständiger der Druck aufhört. Hebt die Ursachen dieser Eigenschaften auf, dann werden die Wirkungen allmählich verschwinden. Freilich müssen wir selbst unausgesetzt erzieherisch an uns arbeiten, um die Schatten der düsteren Vergangenheit zu bannen. „Arbeiten, und nicht verzweifeln," sagt Carlyle- Nicht beten allein, sondern an unserer Selbsterlösung, Selbstbefreiung, Selbsterhaltung planmäßig, zielsicher und folgerichtig Weiterarbeiten. Solche Arbeit der Selbsterhebung Heißt: Turnen, Schwimmen, Alpinistik, Fußball, Fechten, Reiten. Jeder Sport soll dazu beitragen, den körperlichen Habitus der Juden allen anderen Staatsbürgern anzugleichen. Dieser körperlichen Selbstcrziehung zurHebung unserer physischen Leistungsfähigkeit, die das räumliche Ghetto heruntergezüchtet hatte, soll eine moralische Gymnastik parallel gehen, welche die letzten Spuren des seelischen Ghettos zu verwischen die Eignung besitzt. Wäre jener logische Kannibalismus im Rechte, der im Blute, insbesondere im jüdischen Rassenblute, unser unabwendbares Schicksal, unser unaufhebbares Verhängnis sieht, dann freilich müßten wir dem verzweifelten Rate Zollschas folgen und als Don Quichottes der Geschichte vom Schauplatz des Welttheaters verschwinden. Aber wir glauben nicht an diese politische Mythologie des modernen Blutmärchens. Ich glaube, daß die von Chamberlain gelehrte Prädestination der Geschichte durch das Rassenblut logisch und soziologisch gleich unhaltbar ist. Mögen unsere -Gegner unsere sogenannten Rasseneigenschasten noch so sehr anschwärzen, so antworten wir mit der reizvollen Frauengestalt in jenem, dem Dichterkönig zugeschriebenen Gedicht: „Schwarz mag ich sein, doch lieblich, denn mich hat die Sonne geschwärzt". Was als dunkler Schatten des zweitausendjährigen Druckes auf uns lasten mag, ist durch Erziehung retuschierbar, durch Gewöhnung und Uebung aufhebbar. Wir sehen daher in der Irrlehre vom Fatalismus des Blutes nichts anderes als eine logische Barbarei, als einen Rückfall in mittelalterliche Blutmärchen, und überall dort, wo es politisch gegen uns ausgebeutet wird, nur bewußtes wiffenschaftlichesFalschmünzertum. Das Modewort „jüdische Rasse" muß unter uns wenigstens demonetisiert und wissenschaftlich außer Kurs gesetzt, in die Rumpelkammer verschlissener und ' fadenscheinig gewordener Begriffe geworfen werden. Bei allem Respekt vor der Heiligkeit unseres Blutes lehnen wir das Einteilungsprinzip „jüdische Rasse" wissenschaftlich und Politisch grundsätzlich ab. Wir Juden sind keine besondere Rasse, sondern nichts anderes als eine, über das Erdenrund verbreitete monotheistische Religionsgemeinschast, welche allem Dualismus oder gar Pluralismus den Todkrieg erklärt. Unsere Lehren sind: 1. Prophetischer Universätismus: Eott als einziges Urprinzip der Welt, 2. Humanismus: Einheitliches Menschengeschlecht, daher aller Rassen- und Klassenfeind schüft abhold: Freiheit und Gleichheit, 3. Messianismus: Nicht Plusquamperfektum, sondern Plusquaw futurum: Das Heil liegt nicht hinter, sondern vor uns! UnsereinzigesDogmaistderstrengeMonotheismus. Was uns zusammenhält und solidarisch verbindet, ist nicht das mystische Rassenblut, sondern nur das gemeinsame Bekenntnis: Es gibt nur ein einheitliches Menschengeschlecht, nur eine Wahrheit, nur eine Welt, nur einen Gott! Mim Lämpchen. Nomon von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. V. Es war für die väterliche Autorität eine schwere Sache, den Frieden herzustellen. Der gestörte Friede wurde zwar wiederhergestellt, doch die väterliche Autorität erlitt nach der Intervention empfindlichen Schaden, denn, als die lange Gcnendl sah, daß sich ihre Sprößlinge vergaßen, brach die Erbitterung aus ihr hervor: „Sehen Sie, Reb Berele, solch ein Leben führ' ich!" „Na, na, man muß deshalb noch nicht verzweifeln," beruhigte sie der Mann. „Man muß nicht, wirklich? Du mußt es nicht. Möchte gern wissen, warum Du verzweifeln sollst? Hast Du vielleicht Ursache dazu? Was sagen Sie dazu, Reb Berele? Jetzt will er verzweifeln, dieser ordinäre Mensch!" „Genen dl!" 1 „Schweig'! Bist Du vielleicht ein seiner Mann? Du bist ein Nichts, ein Fleischhauer. Aber mir geschieht ganz recht. Jeder verdient die Hölle, die er hat, auch ich verdiene die meine. Warum Hab' ich Dich geheiratet?" Mein Urgroßvater ist auch ein Lamden gewesen. Mein Vater war ein großer Mann, Reb Berele, ich sag' es Ihnen. Er war gar kein Mensch, sondern ein Engel. Und ich bin das Weib von diesem Proßtak geworden. Und habe jetzt einen zugrunde gerichteter: Sabbat." - „Na, hören Sie, Genen dl," sprach Berele lächelnd, „das nennen Sie einen zugrunde gerichteten Sabbat? Wenn Man solche Eier und Gansleberschnitte hat?" mm