Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das ist gewiß so schicklicher," dachte er bei sich, sicher wird später Herr Friedländer den Bocher persönlich zu uns begleiten. Berele bestieg sein Wägelchen und fuhr seelenvergnügt nach Hause. Das reinliche Stübchen war mit Leuten voll. Der Rabbiner war zugegen, Eschkeles und die ganze liebe Jugend. Esterchen hatte den silbernen Armleuchter mit schönen farbigen Kerzen geschmückt hergeschickt. Andere brachten Porzellangefäße, schöngeschnittene Gläser, Obstkörbe und Schüsseln, damit die Braut keine Ursache habe, sich wegen ihrer Armut zu schämen. „Wo ist der Bräutigam?" bestürmte man Berele, als er in das Zimmer eintrat. „Er kommt, gleich wird er hier sein," sagte er, sich-vor Vergnügen die Hände reibend. , Bruchele bahnte sich einen Weg zu ihm hin: „Was ist das für ein Mensch?" „Ein großartiger Mensch," prahlte 'Berele, seine Stimme erhebend, „Rebbe, wir bekommen einen Prachtbocher." Die Mädchen umringten Blümele und zischelten untereinander.; Esterchen drückte ihr — wie, um ihr Mut einzuflößen die Hand. Die Männer liebäugelten mit den Weinflaschen, doch konnte, bevor der Bräutigam da war, vom Trinken keine Rede sein. So warteten sie erst mit Geduld, dann ungeduldig. Es verging eine" Stunde, dann die zweite und. der Bräutigam kam noch immer nichts . Die arme Bruchele zitterte vor Angst und Besorgnis. Sie ahnte Böses. Denn dieses lange Ausbleiben ging nicht mit rechten Dingen zu . . . v Diese wortlos stumme Angst übertrug sich auch auf die Gäste. „Möchtest du ihn nicht abholen?" frug Bruchele im Flüstertöne ihren Mann. „Ich will gehen!" Und die Gäste um.Entschuldigung bittend, entfernte er sich. Esterchen, welcher die peinliche Situation ebenso unangenehm war als den anderen Anwesenden, wich nicht von der Seite Blümeles, die von Minute zu Minute bleicher geworden war. Sie betäubte sie mit ihren lieben, guten Worten und wußte ihr allerhand zu erzählen, um ihre Gedanken abzulenken. „Du mußt im weißen Kleide zur Trauung gehen, in einem schönen weißen Kleide. Und der Kranz in deinem Haare — ach, welch eine prachtvolle, glückliche Braut Du sein wirst!" Da plötzlich ging die Türe auf.. Berele war zurückgekehrt, und die Augen aller Gäste hefteten sich auf ihn. Und alle konnten sehen, daß sein rotwangiges Gesicht aschfahl geworden' war. Jeder wollte seinen Mund zum Fragen aufmachen, doch keiner tat es. Berele aber ging mit bleiern schweren Schritten zum Tische' hin, befeuchtete seine Finger und erstickte mit diesen nacheinander die Kerzen in den silbernen Armleuchtern. „Es wird keine Verlobung sein," kam es stöhnend und kaum hörbar über seine Lippen. „Der Schuft hat mich zum Narren gehalten." Und er sank aus einen Sessel hin. Er legte die zur Faust geballten Hände auf den Tisch, drückte seine brennend heiße Stirne darauf und weinte herzbrechend wie ein Kind. Wortlos, still, in schweigender Übereinstimmung entfernten sich die Leute. Fortsetzung folgt. Litersrilche Mitteilungen. Jgereth Noräeehai. Das Sch acht fach. Methodisch bearbeitet von M. Benjamin. 2. Auflage. Neu bearbeitet von Salomon Ne um a nn. Mit Holzschnitten .und einer großen farbigen Tafel. Leipzig. Gustav Engel, 1910. Es ist eine bedauerliche, aber nicht zu leugnende Tatsache, daß sich unter, den jungen Leuten, die sich in .dem wichtigen Fache der „Leheehita" ausbilden wollen, gar viele befinden, welche unzureichende Vorkenntnisse im Hebräischen besitzen. Eine deutsche Bearbeitung der Vorschriften über „Seheehita und Bedika" ist daher zu einer Notwendigkeit geworden, um wenigstens die Grundlage zu einem späteren Quellenstudium zu^ehen. Herr Salomon Neumann in Kassel verdient daher vollste Anerkennung, daß er das bereits bewährte Buch von Benjamin über das Schächtsach „Jgereth Mordechai" (erschienen 1874) nun in zweiter Auflage bearbeitet, ergänzt und verbessert hat. Auch die' Verlagshandlung Gustav Engel in. Leipzig verdient vollsten Dank, daß sie das Buch zu. einem billigen Preise in vornehmer Ausstattung erschienen ließ Auch die beigegebene Abbildung „Darstellung der Lunge nach den möglichen Fehlern und deren Umgebung nach M. L. Kohn in Wien" ist sehr'belehrend. Diejenigen, die ein modernes -Buch über „Vieh- und Fleischbeschau" - gelesen haben, werden ihre Bewunderung unseren alten Meistern nicht versagen können, die bereits zu jener Zeit in der Hygiene weit vorgeschritten waren, und werden um so mehr einsehen, daß „Seheehita" auch Heute noch eine der wichtigsten Institutionen der jüdischen Gemeinden bleiben muß. Brüx. - Professor Dr. Biach. «#> — Kurt Rosenfeld. Die vierte Galerie. Ein Wiener Roman. 1910. Hugo Heller & Co., Wien, Bauernmarkt 3. Eines der seltsamsten Bücher, das ich je gelesen habe. Es ist kein Roman und es sind keine einzelnen zusammenhangslosen Skizzen sondern eine in gewisser Verbindung stehende Mischung von Stimmungsbildern., Beschreibungen, Naturschilderungen. Kunstbetrachtungen. Die vierte Galerie ist der oberste Sitz der Wiener Hofoper, auf dem die Kunstbegeisterten und Kunstbeflissenen ihren Platz einzunehmen pflegen. Wagner- Enthusiasmus und Mahler" Schwärmerei wechseln mit Darstellung des Schicksals einzelner Kunstjünger, mit Kaffeehausgesprächen, Liebesszenen, wüsten Orgien, stillen Freuden. Die Handelnden oder vielmehr die Sprechenden —denn von Handlung kann kaum die Rede sein — sind vielfach Juden, und in den Gesprächen einzelner Personen, besonders Russen und Russinnen kommen russische- Pogrome, Zionismus und ähnliches vor. Aber eine rechte Freude kann man an diesem wirren Durcheinander von Vorgängen und Gesprächen nicht finden. Dazu ist alles in einer Sprache vorgetragen, die oft einem wilden Stammeln gleicht, nicht aber die abgeklärte Ausdrucksweise eines wirklichen Künstlers rst. Für die Wiener, die vielleicht die Urbilder der einzelnen Personen kennen, mag das Werk ein besonderes Interesse besitzen; andere Leser .be» fremdet es, ohne sie zu erfreuen. L. G. £ ----- Salam on Dembitzer: Verloiren e Welten, Hausiererlieder—VunmeinLeben. Jargongedichte. Berlin 1910. Dr. Franz Ledermann. Es sind dieselben Töne wie in den Gedichten, die wir vor etwa Jahresfrist veröffentlichten: traurige Erinnerungen an die Vergangenheit, süßes Gedenken an Heimat und Verwandte, bittere Aussichten in die Zukunft, Trostlosigkeit darüber, daß den Strebenden nicht die Förderung zuteil wird, die sie verdienen: Das Gedicht: „Im Hilfsverein" richtet sich, wie hier ausdrücklich konstatiert werden soll, nicht gegen den Berliner, sondern gegen den Hilfsverein in Galizien. Aembißer hat meiner Ueberzeugung nach ein hübsches Talent/ aber um wirkliche Anerkennung zu finden, müßte er sich zu einem größeren Werke aufraffen und nicht in kleinen Liedchen, die eintönige sind und auf die Dauer ermüdend wirken, seine Gaben verzetteln. L. G. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.