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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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frevelhafte Selbstverstümmlung, wie sie mir peinigender und verletzender nirgends entgegengetreten ist. Gobineau und Chamberlain sind, neben Weininger gehalten,. Gegner, mit denen, .manwenigstens nach den Regeln.einer anständigen Fechtbodenmoraldie Klinge kreuzen kann, aber Meiningers Werturteil über das Rassenblut der Juden, das in seinen eigenen Ädern floß,, kann nur noch pathologisch gedeutet werden. Es ist das Jenseits, des Bösen — ein infernalischer Haß gegen das eigene Blut. ‘ Das Wesen der Theorie. vom.Rassenkampf läßt. sich in die Formel pressen: die Geschichte des - Menschengeschlechts ist durch, die Blutbeschaffenheit der Rasse prädestiniert. — Damit sind wir aber beim sozialen Fatum angelangt. Die Vorsehung wird entthront, selbst Gott wird vorl den Rassentheoretikern „pur sapg“ — man kann nicht einmal pur sang sagen, da auch GumPlowicz. und Weininger dazu gehören — mediatifiert- und die Gottesstelle von ehedem vertritt jetzt das Rassenblut, das bei Chamberlain z. B. ein veus ex machina der Geschichte ist. Chamberlain spricht verzückt von der „Heiligkeit der :reinen Rasse", ja, er sieht in der Rasse geradezu das „heilige .Gesetz des Menschwerdens". Wie Nietzsche von einem Uebermenschen, so träumt Chamberlain von der Ueberrasse. Die Menschheitsgeschichte wird, nach Chamberlain, von zwei welthistorischen„Rassen"gemacht. Wie Nietzsche Romantiker der Individualität ist, so ist Chamberlain Romantiker der Rasse. Was Nietzsche den Uebermenschen andichtet, das projiziert Chamberlain in seine Ueberrasse hinein. Am Völkerchaos und an den Juden ging die alte Kultur, sagt Chamberlain, zugrunde, aber mit dem Eintritt der germanischen Rasse auf dem Schauplatz der Geschichte bildet sich eine neue Welt. Die Germanen find für Chamberlain die Schöpfer einer neuen Kultur- Ja,.- Chamberlain verfteigt sich einmal zu der übertreibenden Verallgemeinerung, die „Rasse" wirke ausn ahm slo s, d. h. also mit der Siche-rheit eines Naturgesetzes. Hier hat die Soziologie des Judentums polemisch ein- . zusetzen. Diese Rassenromantik, der sich ein Rassenimperialismus beigesellt, um sich -eine Raffenauserwähltheit anzuschmeicheln müssen wir soziologisch zerfasern. Wir beanspruchen nicht mehr den gefährlichen Rimbus eines „auserwählten Volkes", billigen es aber auch keinem anderen Usurpator zu. Gegen die Erhebung der Formel vom „Rassenkampf" zum treibenden Faktor der Geschichte, wenn nicht gar zur Sicherheit eines' Naturgesetzes, muß die Soziologie auf das nachdrücklichste Verwahrung einlegen. Es ist kraßester Naturalismus, Natur - und Geschichte unterschiedlos zusammenzuwürfeln und sie derselben Gesetzmäßigkeit zu unterwerfen. In der Natur, deren Ablauf mechanisch-kausal erfolgt, herrschen strenge Gesetze von ausnahmsloser Geltung, in der Geschichte aber, die vom bewußten Menschengeiste nach der teleologischen Kausalformel von Zweck und Mittel abläust, herrschen keine strengen Gesetze, sondern im günstigsten Falle Serien „von Gruppenhandlungen", „Reihen" von wiederkehrenden Massenwirkungen, also Rhythmen, Periodizitäten, kurz nur Tendenzen. In. der Natur ist alles physikalisch notwendig, wie Ursache und Wirkung in der Geschichte aber nur logisch notwendig, wie Grund und Folge, oder richtiger sogar nur teleologisch notwendig, wie Zweck und Mittel. Da zu demselben Zweck indes verschiedene Mittel führen, so wählt jedermann jenes Mittel zur Erreichung!eines Zweckes/'das ihm am angemessensten erscheint. Gewiß löst das stärkste Motiv die Handlung aus, aber in der Auswahl dessen, was als stärkstes Motiv wirkt, differieren wir von-?n-ander, und .eben diese Auswahl unserer Motive heißt individuelle Freiheit. Alles natürliche Geschehen ist durch das Kausalgesetz eindeutig bestimmt-aber eine bewußte menschliche Handlung entspringt der Individualität in ihrer'Auswahl des für sie stärksten Motivs. Eindeutige Bestimmtheit aber heißt Naturgesetzlichkeit, Deshalb ist keine menschliche Handlung, vollends kein geschichtlicher Prozeß eindeutig bestimmbar (folglich kann die Soziologie nur Jnduktionsschlüsse mit Wahrscheinlichkeitscharakter aufstellen) also ist sie auch nicht voraus berechenbar wie etwa eine Sonnen- oder Mondfinsternis. Durch.das menschliche Bewußtsein schieben sich in den Naturprozeß Imponderabilien ein, die aller Vorausberechnung spotten und infolgedessen jedes Fatum der Geschichteillusorisch machen. Hs ist daher logisch unzulässig, die künftigen Handlungen eines Menschen auf Grund seiner Blutzugehörigkeit zu einer vermeintlichen jüdischen Raffe ableiten zu wollen. Solche Schlüffe von der Gruppe aus das Individuum sind im günstigsten Falle problematische Urteile, aber niemals kategorische, d. h. bindende. Es ist nach alledem soziologisch falsch, dem Rassenb.egriff, der ein provisorischer Denkbehelf zur Unterscheidung gewisser Gruppenmerkmale oder seelischer Typen sein mag, konstitutiven Charakter für den. Prozeß der Geschichte beizulegen. . Kant unterscheidet zwischen heuristischen Regeln, regulativen Prinzipien und konstitutiven Gesetzen. Von einem jüdischen Typus zu sprechen, hat vielleicht heuristischen. Wert, zur Feststellung gewisser Eigenarten und Charaktermerkmale, die dem überwiegenden Teil der Juden gemeinsam sind, aber weder ist die jüdische Rasse als Einteilungsprinzip ein Regulator der Geschichte, noch viel weniger natürlich ein konstitutiver Faktor des Weltgeschehens mit dem bindenden Charakter des Naturgesetzes, womit Chamberlain den Begriff Rasse ausgestattet hat. Das ist nicht bloß eine heillose Sprachverwirrung, sondern ein wissenschaftliches Tohuwabohuein dialektisches Höllenbreugheltum, eine wilde Gedankenanarch ein Begriffschaos, ein logischer Turmbau zu Babel, wo ein die Sprache des anderen nicht 'versteht. Statt „Blut" und „Rasse", welche auf einer Unterstufe der Zivilisation als Einteilungsprinizipien ihren Sinn haben möchten, lassen wir uns heute als Regulatoren der Geschichte nur noch bewußte Zwecksetzungen oder einheitliche Willensbildungen gefallen. Solche einheitliche Willensbildung bietet uns der Begriff „Nation" für einen geschichtlich zusammenhängenden Kreis von Menschen, oder der von Diltheh eingeführte Begriff des „Kultursystems" für den ganzen westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis. Bei Wilden und Barbaren mag das Blut entscheiden, bei zivilisierten macht bewußte geistige Zwecksetzung die Geschichte. Lassen wir dem Prozeß der Natur die strengen Gesetze, und begnügen wir uns im Prozeß der Geschichte mit Tendenzen. Die Gruppenmerkmale der Juden sind keine unaufhebbaren Gesetze, sondern nur das geschichtliche Produkt gemeinsamer Erlebnisse, gemeinsamen Druckes, gemeinsamer Gattungserfahrungen, kurz gemeinsamer Instinkte. Instinkte aber sind, nach Hering und Semon, nichts anderes als Erfahrungen der Gattung. Unsere gemeinsamen geschichtlichen Erlebnisse haben seit 2000 Jahren einen gemeinsamen Habitus erzeugt, und zwar einen körperlichen Habitus durch den früher streng gehandhabten Ausschluß von Mischehen, und einen seelischen Habitus durch den fast gleichmäßig übe das Erdenrund seit zwei Jahrtausenden ausgeübten.Druck. Ein solcher Habitus aber ist kein Gesetz, dem man nicht entrinnen kann, sondern nur eine Disposition, eine Hinneigung, eine Inklination, kurz eine Tendenz. Gegen Gesetze kann man sich nicht auflehnen, Tendenzen, Neigungen, Dispositionen kann man in sich bekämpfen, erzieherisch beeinflussen, ja völlig, 'niederzwingenwenn man sie als schädlich erkennt. Seine Hautfarbe kann der Mensch nicht wechseln und wandeln, Alle Künste der Kosmetiker werden aus einem Neger keinen Weißen machend Das ist em unaufhebbares Dauermerkmal,

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