Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
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eine Gemeinde auch ohne Rabbiner, bestehen"; so hat seitdem noch jeder.Rabbinerfeind gesprochen. Stimmt; irgendeine Gemeinde kann dem äußeren Habitus nach so bestehen. Die Gemeinden, die Wert auf religiöse Führung legten, suchten immer die. tüchtigsten Rabbiner zu gewinnen. Kann vielleicht das ganze Judentum der Rabbiner entraten? Wenn sie überflüssig sind, sollten.sie dann nicht sogar direkt.schädlich sein? Kompromittiert nicht ihr stark ausgeprägtes Judentum unsere liberale Zeit? Dieser Gedankengang folgt ungezwungen, aus Ihren Erwägungen! (Fortsetzung folgt.) Dss Hallenproblem und Äss Judentum. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. IV. Soziologie der Rassentheorie. aben wir bisher den sprachlichen Urspung sowie die logische Geltung des Begriffs „Rasse" untersucht und aus dem Wege einer Begriffsanalyse gefunden, daß die logische Methodenlehre, welche den Geltungsbereich der Begriffe und die Grenzen der Subsumtionsurteile seststellt, uns verbietet, von einer besonderen jüdischen Rasse mit logischem Recht zu sprechen, so erübrigt uns zum Schluffe noch, die Soziologie zu befragen. Ist die Logik die Lehre von den Berstandessunktionen, so verstehen wir unter Soziologie die Lehre von den gesellschaftlichen Funktionen der Menschen. Haben es die Naturforscher mit der Verfassung des Universums zu tun, deren Ordnungsserien sie den Namen vom Naturgesetzen beilegen, und haben es die Logiker mit der Verfassung des menschlichen Geistes zu tun, dessen Ordnungs-, Prinzipien als logische Gesetze angesprochen werden, so sind die Soziologen wesentlich und vorzüglich auf den Prozeß der Geschichte angewiesen, der ebenfalls gewisse Rhythmen oder Periodizitäten aufweist, aus denen die Soziologen folgern, daß der „Mathematik der Natur" eine „Logik der Geschichte" korrespondiert. . Die Soziologen müssen anerkennen, daß der, Bestand des Judentums inmitten untergegangener Kulturvölker ein singuläres Phänomen ist. Die Philologen nennen ein Wort, das nur einmal in. einer toten Sprache vorkommt, ein aitaiXsyo>evov. , Die Juden als einzig Ueberlebende der in Trümmer geschlagenen antiken Kultursysteme sind gleichsam ein forag XeyoVevov der Geschichte. Natürlich sind auch die Soziologen bemüht, das Phänomen „Judentum" nicht als isoliertes Faktum gelten zu lassen, sondern eine generelle Formel äufzustellen, unter welche auch das Judentum als soziale Erscheinung subsumniert werden könnte. Vor einem Menschenälter etwa, als Buckle und Taine den wissenschaftlichen Ton angaben, hieß diese oberste Formel, dieser Generalnenner der Geschichte, das „Milieu", „Monde ambiant", deutsch- „Umwelt". Diese, mehr geographische Geschichtsauffassung führte die Verschiedenheit der Sitten, Gebräuche und des Habitus, ja der Instinkte der Menschen auf Bodenbeschaffenheit und Klima, auf somatische und terrestrische Einflüsse zurück. Nach dieser sogenannten Milieutheorie sind die Menschen das, was ihre „Umwelt" ^aus ihnen macht. Diese »Milieutheorie wurde von Marx und Engels adoptiert und ausgebaut; aber vermittels der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung zur,Theorie des.'Klassenkämpfes umgebildet. Die „Umwelt" ist bei Marx nur ein Faktor der geschichtlichen Entwicklung, aber nicht der einzige, ja nicht einmal der entscheidende. Das wahre Triebrad dep Weltgeschichte sehen Marx und Engels vielmehr in ihrer Formel vom „Klassenkampf". Das. Judentum als soziologisches. Mänomen ist.indes weder nach der Milieutheörie, noch nachher Klassenkampftheorie zu begreifen. Die Milieutheörie versagt völlig,, da die Juden in alle fünf Weltteile zerstreut sind, also verschiedenen klimatischen Einflüssen ausgesetzt bleiben,. und trotzdem gewisse typisch wiederkehrende Züge aufweisen,. ' die auf eine Gemeinsamkeit des seelischen Habitus hindeuten. Aber auch die Theorie des Klassenkampfes läßt sich in ihrer Einseitigkeit auf das Juden tum als soziologisches Phänomen nicht.anwenden. Ja, wenn Sombart recht hätte, daß Judentum und Kapitalismus'fast Synonyme seien, dann wäre die Klassenkampstheorie für das soziale Phänomen Judentum diskutierbar. Aber Sombart hält sich an die Steuerlisten^der Stadt Berlin, wo ein winziger Bruchteil von Juden lebt, aber er übersieht völlig, daß . in Rußland, Rumänien, Galizien und in' der Türkei, wo mehr als ZU aller Juden wohnen, Kapitalismus und Judentum nicht weniger als Wechselbegriffe sind. Versteht maü unter Klassenkampf das weltgeschichtliche Ringen zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Industrie und Proletariat, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, so bilden die Juden numerisch nicht etwa eine einheitliche Kapitalistenklasse; denen die anderen als tributpflichtige Proletarier gegenüberstehen, sondern die Juden im Osten sind zum überwiegenden Teile selbst Proletarier, und zwar die unglücklichste Form des Poletariats, die sich denken läßt. Denn zum ökonomischen Proletariat tritt die Rechtlosigkeit niederdrückend hinzu. Da ihre Gegner sie zudem der moralischen Minderwertigkeit, der kulturlichen Inferiorität beschuldigen, leiden sie doppelt unter dem Druck des ökonomischen auf der einen und des Rassenproletariats auf der anderen Seite. Das soziale Phänomen: Judentum ist nicht vom Berliner Tiergartenviertel aus zu begreifen, sondern weit eher unter dem Gesichtswinkel des jüdischen Proletariats in Rußland und Rumänien, oder selbst im Westen, etwa in Whitechapel in London. Da eröffnen sich ganz andere Perspektiven für den Zusammenhang von Kapitalismus, und Judaismus als sie Sombart versucht hat. Ein unbefangener Zeuge Leroy-Beaulieu, sagt: „Ich kann versichern, daß es in Europa nichts Aermeres gibt, kerne Wesen denen es mühseliger wird sich täglich ihr Stückchen Roggenbrot zu verdienen, als 9/io der russischen Juden. — Für die Soziologie des Judentums kommt daher weder die Milieutheorie in Betracht, da sie in allen fünf Weltteilen zerstreut leben, also verschiedenen Milieus ausgesetzt sind, aber auch nicht die Marx-Engelssche Klässenkampstheorie, da die Juden keine besondere Klasse etwa eine Kapitalistenklasse bilden. Sie sind, im Osten zumal, vorwiegend Proletarier, nicht bloß' Arbeitgeber, sondern Arbeitnehmer. Sie sind Sackträger in Saloniki, Diamantschleifer in Amsterdam, Schneider in London und New Jork, Fabrik, arbeiter in Lodz, Handwerker im Osten überall dort, wo man sie zuläßt. Es ist daher nicht abzusehen, wie man die Formel des Klassenkampfes soziologisch, heranziehen könnte, um das soziale Phänomen der jüdischen Eigenart aus ihr abzuleiten. Und so kam denn die dritte Formel auf, welche alle Rätsel lösen und alle Bedenken bannen sollte, und diese heißt: Rassen kampf. Und zwar war es (so will es der Satyr der Geschichte — ein Capriccio des unfreiwilligen Humors in der Tragikomödie des Menschen) ein Soziologe jüdischer Abstammung, Ludwig Gumplowicz in Graz, der die^Formel vom RaffenkampH populär gemacht hat, und leider war es wieder ein Jude, OttoMeininger, der die Dühringsche Wahnidee von der inferiorem und -kulturunfähigen jüdischen Raffe bis zur wildesten Karikatur cherzerrt hat. Solche Erscheinungen, wie Weininger, sind, in meinen Augen nichts anderes als .moralischer Sadismus, eine Wollust des Schmerzes, ein perverses Wühlen im. eigenen .Fleischeeine