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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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.115 glaube, das Echo wird ausbleiben. und dies aus einem einfachen Gründe. Die Gemeinden sind müde, auf den Kampfruf.,,Hie Vorsteher! Hie Rabbiner!" zu hören. Sie haben in der Not. der Zeit gelernt, daß die Rabbiner gar nicht ihre Feinde sind, sie wollen mit ihnen Zusammengehen, weil sie mm ihnen geistige 'Führung und religiöse Erweckung erwarten. Der künstliche Gegensatz zwischen Gemeinde-Autonomie und Hierarchiegelüsten der Rabbiner besteht nur da, wo Fanatiker dort NNd Fanatiker hier am Ruder sind, die beiderseits nichts taugen. Sie wollen ein herrschendes Prinzip, „den aus Laien bestehenden Ge meinde Vorstand" stabilieren; .die Gemeinden selbst haben außerhalb Berlins fast überall den Rabbiner bereits de facto dem Vorstand beigeordnet. Immer seltener werden, außerhalb der suggestiven Sphäre Berlins, die. Vorsteher, die das Kränkende der Kernforderung Ihres Gesetzentwurfs nicht empfänden: „der Rabbiner untersteht dem Vorstände". Bequemer mag es ja sein, Herren . und Diener zu schaffen, . also den Rabbiner zum Verwalter bestimmter Funktionen zu machen; gerechter aber ist es, dem geschichtlichen Vorrecht des Rabbiners wenigstens eine Nachwirkung zu gestatten und die Anerkennung der seinem Amte innewohnenden. und nicht von ihm zu trennenden Würde mit in die Sphäre des Gesetzes zu begreifen. Sie halten es für das äußerst e Zugeständnis, daß der Rabbiner in religiösen Angelegenheiten gehört werden darf,, nicht etwa gehört werden muß. Es gibt aber bereits preußische. Gemeinden der alten Provinzen, die alle religiösen Angelegenheiten (Kultus, Unterricht usw.) in die Hände des von Laien unterstützten Rabbiners gelegt haben; und es gibt Tausende von schlichten Juden, welche z. B. die Mitgliedschaft des Rabbiners im Vorstand mit beratender Stimme als das Natürlichste von der Welt ansehen. Auch Sie gestehen ja zu, daß die Heutigen Rabbiner vermöge ihrer befferen Ausbildung (die allerdings bei weitem nicht an die juristische, medizinische usw. heranreicht!) ganz annehmbare Mitarbeiter seien. Wir glauben aber, wir könnten ni cht nur Mitarbeiter, sondern Mitführer sein. Dies bestreiten Sie uns im Hinblick auf die zeitweiligen Spitzen dreier großer Vereinigungen. Aber Ihre Beispiele sind unglücklich gewählt. Wer hat die Anregung zur Gesellschast zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gegeben? Herr Rabbiner Df. Lucas in Gloaau. Wer eröffnete die Reihe der wissenschaftlichen Veröffentlichungen? Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann und Herr Rabbiner Dr. Leo Bäck. In der Front der Vereinigung für das liberale Judentum wirken wackere Laien, die Munition aber bringen herbei die Rabbiner Vogelstein. Freudentbäl und Sclialtzann. Mit dem Zentralverein hat es eine eigene BeivanMis; selbst Rabbiner von größter, politischer Einsicht (wie es z. B. Dr. Ludwig Philippson war) würden die Leitung bescheiden ausschlagen. Aber es gab eine lange Zeit, da der Zentralverein schmerzlich vermißt würde, wo die Abkehr des Judentums ihren Höhepunkt erreichte Und kaum Noch mehr, als eine Rückzugsbewegung zu decken war. Wer hat damals die Verzweifelten erhoben, die Wankenden gestützt, die Ehre von Juden und Judentum mit Kraft und Begeisterung verkündet, von Kanzel und Katheder, durch Wort und Schrift? Es waren die Rabbiner. Die glaubensstarke Beredsamkeit eines Maybaum und seiner zahlreichen Amtsgenoffen in Berlin und im Reiche hat einen Feuerwall um die Gemeinden gebildet,- der den Wogen des Abfalls Einhalt gebot. Und sind heutigen Tages Männer, wie Dr. Werner und andere im Zentralverein Mitarbeiter oder'Mlt^ü^rer? Und derselbe Sachverhalts ist leicht bei allen anderen jüdischen Verbänden und Kulturbestrebungen nachzuweisen. Die exklusiven Bnei-Beris-Logen haben keinem Rabbiner bisher einen Sitz im Hauptvorstand vergönnt; Mitführer, d. h. Präsidenten sind viele, z. B. in Berlin Rabbiner Dr, Halliner, Die Literaturvereine hat Dr. Karpeles mit einem Stabe von Rabbinern geleitet. Die Jugendvereinsbewegung geht ebenfalls von Rabbinern wie Kircheprat Dr. Kroner, Dr. Horovitz. Jakob ' aus. Der Gründer *8esH., der stärksten studentischen Vereinigung, die eine Erneuerung unserer besten akademischen Jugend zuwege gebracht hat ist der Rabbiner Dr. Jakob. Derselbe hat die wichtigsten Impulse für die moderne Religionspädagogik und Apologetik erteilt. Eines der wichtigsten sozialen Rettungswerke, die Bekämpfung des Mädchenhandels in Galizien leitete Rabbiner Dr. Rosenach^ du. Die Stellung der deutschen Juden zum Zionismus wurde durch programmatische Erklärung des Rabbiner-Verbandes festgelegt, zu der die denkwürdige Rede des Rabbiners Dr. Horovitz auf der Rabbinertagung vom 1./2. Juni 1898 dw Erläuterung bildete. Für die Alliance traten in der Ostmark Männer wie Dr. Feilchenfeld, in der Westmark Dr. Frank ein. dem Hilfsverein lieh Dr. Horovitz sein zündendes Wort. Ich glaube, Ihre Frage, sehr geehrter Herr Justizrat: „Wo waren die geistigen Führer unter den deutschen Rabbinern der letzten Jahrzehnte?" hat eine Sie selbst überraschende Antwort gesunden. Und war es in den früheren Jahrzehnten etwa anders? Um nur ein Beispiel zu erwähnen: wem gebührt das größte Verdienst an der wissenschaftlichen Begründung des neuliberalen Judentums des 19. Jahrhunderts? Abraham Geiger, der die philosophischen Ideen Moses Mendelssohns erst in die Theologie des Judentums hinüberleitete. Sollten Sie fürder nach leitenden Rabbinern forschen, sehr geehrter Herr Justizrat, so müssen Sie schon, die hochgeborenen Protektornamen übergehen und in die Reihe der leitenden Arbeiter hineinschauen. Hoffähig auch nur in unseren jüdischen Notabelnkreisen sind ja die altpreußischen Rabbiner noch nicht und sollen es bei der systematischen Zurückdrängung auch wohl sobald nicht werden. Sie, geehrter Herr, wollen diesen Zustand sogar gesetzlich sanktioniert wissen. Mit welchen Gefühlen sollen altpreußische Rabbiner aber nach Neupreußen, oder gar nach dem politisch doch sonst beneideten Süddeutschläud blicken, wo nicht die Gemeindevorstände, aber die Regierungen den Rabbinern den gleichen Ehrenrang einräumen wie den christlichen Geistlichen? Wenn es sich um Forderungen handelt, dann soll der Rabbiner womöglich in Meseritz den christlichen Geistlichen in Berlin überragen, von der christlichen Gesellschast wegen seiner Redegabe, seines Wissens, seiner Herzensgüte bewundert werden; in der Gemeindestube aber, soll er ganz klein sein. Hat man es doch Männern, wie Maybaum und Guttmann (Breslau) bitter verargt, daß sie auf dem ParketHor""?Rlnistern und Oberpräsidenten ausglitten; aber im gleichen Atem erklärt man sie für unfähig, geringfügige Verwaltungsmaßregeln mitzuberateü. Hier treten nun die politischen Fehler klar zutage, die aus dem Mangel an historischem Blick und aus vorgefaßten Meinungen fließen. „Gemeinde-Autonomie!" Ja, gehört denn der Rabbiner nicht auch zur Gemeinde? Soll er weniger sein als der letzte Trödler? Im Grunde ist in Ihrem Gesetzentwurf für den Rabbiner kein Platz, sein Ehrenname wechselt ja auch mit dem nichtssagenden Prediger. Sie stehen noch auf dem Standpunkt des sel. Dr. Zunz, der knappe Paradoxe liebte aber auch wußte, —' daff^'s ^araäoxa waren.';,Nach jüdischer Auffassung kann

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