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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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114 täglichen Gespräch mit den Christen als unter sich selbst, die wahren hebreischen Nahmen mit andern zu verwechseln, und. daß man zum Beyspiel, sür Judas, Löw; Benjamin, Wolf; für Jsaschar, Esel; sür Naphthali, Hirsch saget, und solcher Gestalten für Menachem das Wort Zundel eingeführet. Doch in den Ausrufungen der Schul, wie auch denen Heyraths-, Scheid- und andern Briefen, wird der rechte Hebreische Nahm jederzeit behalten. Warum aber Zundel soviel als Menachem sey ist, wie mehr dergleichen Benamsungen mir und auch denen Juden unbekannt. Andere angezogene Verwechselungen rühren daher, weil der Patriarch Jakob in der letzten auf seinen Tod-Bett an die Söhne gehaltenen weissagungsvollen Abschieds-Rede Genesis XLIX. den Judam mit einem Löwen, den Benjamin mit einem Wolf, den Jsaschar mit einem Esel, und den Naphthali mit einem Hirsch geglichen." Der in diesem erwähnte Name Zundel, den Wagenseil von Menachem übersetzen will, bezieht sich angeblich auf einen Anführer der ein wandernden Zigeuner, von dem der 1534 verstorbene Geschichtsschreiber Aventinus^) schreibt: „Dieser Zeit sein am ersten die Zigeuner in diese Land gekommen, hatten einen König, der hieß Zundel."?) Ob ein derartiger Name Von Zigeunerfürsten] tatsächlich geführt ist, möchte ich auf Grund eingehender Studien zunächst entschieden bezweifeln. Es scheint, als habe der 400 Jahre später lebende Aventinus jenen Namen der Tradition entnommen. Zunächst steht fest, daß der Anführer der Bande, welche' von Kaiser Sigismund den Freibrief erhielt, nicht Zundel hieß. Im Original des Freibriefes ist von einem Wojwoiden Wladislaus die Rede. Derselbe hatte demnach einen slawischen Bornamen,was anch.wie aus den später folgenden Ausführungen über die Zeit vor der Einwanderung nach Deutschland ersichtlich sein wird, durchaus logisch ist. Jene Zigeuner, kamen nämlich aus südslawischen Ländern. Wie sollte da der Name Zundel zum slawischen Vornamen paffen. Zweitens führten die Anführer nur Vornamen und Titel. So hieß der Führer der.1418 in die Schweiz einwandernden Zigeuner „Herzog Michael von Klein-Aegypten,"^) sein Mitregent, der gleichzeitig Italien heimsuchte und am 18. Juli 1422 von Bologna erschien, „Andreas, Duca di Egitto,"^) 1459 gab Herzog Karl von Egmont, Fürst von Geldern, dem „Grafen Martyn Guogy v. Klein Egypten" einen Geleitbrief durch sein Land. Im Städtchen Fürstenau wurde 1455 laut Grabinschrift der am Abend des heiligen Sebastian verstorbene „Herzog PaNuel von Klein-Aegypten und Herrn zu Hirschhorn desselbigeN Landes" beerdigt?) Aus diesen geht hervor, daß ein Anführer der Zigeuner mit dem Namen Zundel höchst fraglich ist. Ja, ich bin versucht, trotz Aventinus, ihn in das Reich der Fabel zu verweisen. Sämtliche Chroniken, Akten und arntlichen Aufzeichnungen berichten uns nur von Zigeuneranführern mit Adelsprädikaten, deren Berechtigung, wie die neuere Forschung ergeben hat, auf venezianische Verleihung zurückzuführen ist, * * * 4 5 6) denn es ist eine venezianische Urkunde erhalten, wonach der venezianische Statthalter der griechischen Kolonie Nauplion Ottaviano Buono dem dortigen! y Aventinus genannt Thurmayr. 2) Aventinus Annales Bojorum lib. VII, fol. 628. , ») Wurstiffer, Basler Chronik. 4) Muratori, Rerum ital. etc. 1422. 5) Martin Crusius, Analles Suevici. 6) Republik Venedig gestattete aus echt kaufmännischem Geist, den . Zigeunern gegen Erlegung von Steuern und Abgaben sich in Peloponnes eine neue Heimat zu gründen. Die verrufene „Krämerrepüblik" war also menschlicher wie die Feudalstaaten des Nordens. Zigeunerhäuptling Johann, wie schon mehrere seiner Vorgänger die verliehenen Adels- und Herrscherprivilegien bestätigte. Der Name Zundel ist daher für einen Zigeunerführer undenkbar: Es mag sein, daß der Name Zundel ein vom Volk dem Zigeunerherzog angehängter Name ist. der durch die Tradition weiterging und von dem ein Jahrhundert später lebenden Aventinus für den rechten Namen gehalten wurde. ' ' ’' Aber selbst wenn der Mann Zundel hieß, so ist damit keineswegs seine jüdische Abkunft bewiesen, denn Zundel und Zündel sind gute allemannische Namen, die keineswegs hebräischer Abkunst oder eine UebersetzUng aus dem Hebräischen sind. Diese Beweisführung Wagenseils ist daher nicht stichhaltig. Wenn er nun von der Tatsache ausgeht, daß der deutsche Jude auch im vertrauten Kreise sich seines hebräischen Namens bediente und hieraus auf die Zigeuner schließen will, so hätte er ebenfalls und mit demselben Recht schließen können, die Zigeuner seien Italiener, denn auch diese bedienten sich der Muttersprache, wenn sie unter sich waren und nannten den Johann nicht Johann, sondern Giacomo. Man sieht hieraus, auf welch schwachen Füßen der erste Beweis dieser „wissenschaftlichen" Hypothese eines mittelalterlichen Gelehrten stand. Wagenseil fährt dann fort, linguistische Betrachtungen anzustellen. Er ist aber nun ganz im Irrtum. Aus dem Philander von Sittenwald ist er mit der Gaunersprache, dem sogenannten Rothwelsch, bekannt geworden. Hier hatte er bei sage und schreibe 32 Worten einen Anklang an das Hebräische entdeckt*) und suchte hieraus zu beweisen, daß das Rothwelsch, welches er irrtümlich für die Zigeunersprache hält, den jüdischen Ursprung derselben verrate. Ich sagte schon, er hielt irrtümlich, wie es früher allgemein geschah, Rothwelsch für die Zigeunersprache. (Schluß folgt.) - Mir Ksbbiner! Sendschreiben an Herrn Justizrät F. Mako wer von Rabbiner Dr. Samu el-Essen.-. ■ T ■■ Hochgeehrter Herr Justizrat! urch die Freundlichkeit des Herrn Chefredakteurs erhielt ich gleichzeitig mit Ihrem Artikel „Die Stellung der Rabbiner" die Anregung, ob ich wohl eine ruhige, sachliche Erwiderung übernehmen wolle? Die Sachlichkeit verspreche ich, die Ruhe liegt nicht ganz bei uns. Es kann Ihnen ja nur angenehm sein, wenn gerade Ihre Darlegungen von Uns mit einem gewissen Eifer bekämpft werden. Sie haben sich ehrlich und seit Jahren zum Wortführer derer gemacht, die die angeblichen Machtgelüste der Rabbiner itt die Schranken weisen, und Sie haben als Vorsitzender der politischen Kommission nachdrücklich im Sinne der sogenannten Gemeindeautonomie gewirkt. Sie haben nicht heimlich gegen uns agitiert, sondern unterm 9. Mai 1909 im „Berliner Tageblatt" vor der breitesten Oeffentlichkeit die Rabbiner als Gegner der echtjüdischen Gemeindefreiheit hingestellt, welche nach imserem Urteil sich heute allerdings vielfach als religiöse Anarchie darstellt. . .; , Ihre jetzigen Alarmrufe nun sollen die Gemeinden gegen die Forderungen des Dr. Jacobschen Referats mobil machen, die Ihre schlimmsten. Befürchtungen übertreffen. Aber ich *) In der in Aussicht genommenen'Broschüre werde ich diese 32 Worte anführen und mit den. Zigeunerischen vergleichen.

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