Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nicht etwaweil wir die Bildung eines künftigen jüdischen Reiches fürchten, sondern weil wir unsere Fonds nur zur Unterstützung mohammedanischer Einwanderer benutzen können) & jj| Die Zionisten werden natürlich nicht verfehlen, diese Mitteilung, wie ähnliche frühere Berichte/ anzuzweifeln. Für uns geht aus den Erklärungen des Großwesirs und der tonangebenden Männer der jungtürkischen Partei als unwiderleglich das hervor, was wir oft genug gesagt haben, daß alle weitausgreifenden Kolonisationspläne der Zionisten und ihre offen und geheim ausgesprochenen Absichten auf Palästina leere Hirngespinste sind, die in absehbarer Zeit nicht aus Verwirklichung rechnen können. Sie sollten nun endlich eingestehen, daß sie mit ihrer Verheißung eines jüdischen Staates, ja auch nur einer gesicherten Heimstätte in Palästina die Leichtlgläübigen irreführen. '; Koch rinms! der Ml lörrnltrin. 0n dem Skandale, der nach der Generalprobe des Stückes „^pres moi" von Henri Bernstein in der Oomedie franQaise in Paris und während der ersten Vorstellung statt- - fand, ist in diesen Blättern (Nr. 9 „Die Woche" S. 100) die Rede gewesen. Daß aus. diesen Skandal Duelle folgen sollen, ist eine Wirkung, die an der Sache nichts ändert. Nicht das Stück hat derartige Skandale hervorgerufen. Es behandelt vielmehr mit etwas groben Effekten einen Gewissensfall. Ein Fabrikant, der durch falsche Spekulationen dem Ruin entgegen-) sieht, will sich das Leben nehmen. Da erkennt er in dem) letzten Moment, daß seine Gattin, mit der er anständig gelebt^ hat, ohne ihre Liebe zu gewinnen, ihn betrügt. Statt die;. Pistole gegen sich oder gegen die zum erstenmal Schuldige zül erheben, hält er eine Abrechnung mit ihr und erwirkt,, daß; die Gattin, ihrer Pflicht inne geworden, ein neues Leben mit i ihm beginnen und sein Elend teilen wird. >' Wichtiger als dies Stück, das für unser Interesse ohne ) jeden Belang ist, und als die Skandale, die nur Zeugnis von) einer unglaublichen Verrohung ablegen — denn was hat ein) Kunstwerk mit dem Leben oder etwaigen Vergehen seines j Autors zu tun? — sind die Vorwürfe, die man dem Dichter gemacht und die Bekenntnisse, die er selbst veröffentlicht hat. In der Pariser Zeitung „Le Matin" vom 22. Februar publiziert »H. Bernstein einen Brief, in dem er folgendes.zugesteht: „Ich bin vor 13 Jahren desertiert, und zwar vier Monate, bevor ich dienstfrei geworden wäre. Ich suche keine Entschuldigung. Wollte ich eine finden, so könnte ich die antimilitaristischen Einflüße anführen, die man aus uns ausübt. Aber ich gestehe, ich habe wie ein Narr gehandelt. Diese Narrheit dauerte einige Monate, während deren ich meine Anschauungen Herrn Urbain Gohier mitteilte (einem der Führer der antimilitaristischen Bewegung). Im Jahre 1900 kehrte ich infolge der Amnestie nach Frankreich zurück. Ich meldete mich zum Wiedereintritt in das Militär, wurde aber wegen allgemeiner Körperschwäche entlassen." Dieses die Hauptstellen des Brieses. In einer der an Herrn Gohier gerichteten Episteln (abgedruckt im ,,Matin" vom 21. Februar.und auf den in den Straßen verbreiteten Plakaten) rühmt sich H. Bernstein seiner Tat, spricht davon, daß seine Dienstzeit ihm Geld gekostet, Zähneknirschen verursacht, und daß die'meisten seiner Vorgesetzten „Fälscher und Betrüger" waren. Soweit seine eigenen Bekenntnisse. Sie sind nicht sehr rühmlich. Ein Vierundzwanzigjähriger— denn dies Älter hattrBernstein bei seiner Desertion mußte wissen, was er tat; die erfolgte Amnestie und die spätere Reue entschuldigen nicht das schwere Vergehen. Aber so unselig die Tat, und so unklug der Brief ist, die beide in keiner Weise beschönigt werden sollen — das Benehmen der Gegner ist völlig unverantwortlich. Welches Recht hat der Adressat jenes Privatbriefes, eines Briefes, mit dem er noch jetzt völlig übereinstimmt, diese Zeilen zu veröffentlichen, um dem Schreiber jenes Briefes, der von seinen Ansichten zurückgekommen ist, einen Strick zu drehen? Es ist unerhört, daß eine kleine Partei sich das Recht anmaßt, einetz politischen Gegner in seiner Ehre und in seinem Erwerbe zu vernichten, einen Mann, der, durch viele seiner Dramen anerkannt, nun bie höchste Ehre genießt, in dem ersten Theater der Welt, wie die Comedie IranQaise sich gern bezeichnet, zu Worte kommt. So wenig man die Pflichtvergessenheit des Herrn Bernstein, die er vor 13 Jahren als Vierundzwanzigjähriger beging, verteidigen, so wenig man seinen unbesonnenen Brief billigen kann, das Auftreten der Antisemiten, die ein Vergehen und eine Torheit ausgraben, um die Existenz eines fleißigen und erfolgreichen Schriftstellers zu vernichten, der durch angestrengte Arbeit. Anspruch auf Achtung erworben hat, bleibt im höchsten Grade verwerflich. Durch einen neuen Ausbruch ihrer Wut haben die Gegner wenigstens äußerlich gesiegt. Nach schauderhaften Lärmszenen, mit denen .gewalttätige Angriffe gegen viele Personen und. gegen das Theater wechselten, Lärmszenen, die geradezu einer Revolte glichen, und bei denen Militär und Polizei einschreiten mußte (während der Vorstellung am 3. März), hat der Autor sein Stück von dem Theater zurückgezogen. Die Zurücknahme seines Stückes hat Bernstein dem Direktor des Theaters in einem sehr würdigen Briefe erklärt. In diesem kündigt er eine Erklärung der hervorragendsten Schriftsteller und Dramatiker an. Sie ist unterdessen erfolgt und gewährt ein schönes Zeugnis für das einmütige Zusammenhalten der französischen Schriftsteller, und für ihr Bewußtsein von der'Freiheit literarischen Schaffens gegenüber dem rohen Treiben wilder Pöbelherrschaft. Die Erklärung läutet: „Angesichts des Bedauerns, das der Verfasser des „Aprös moi“ über ernste Verfehlungen seiner Jugendjahre öffentlich ausgesprochen, und abseits jeder religiösen, politischen oder literarischen Erwägung, protestieren die Unterzeichneten französischen Schriftsteller und.Künstler, lediglich im Namen der Kunst, gegen die Angriffe auf die Auf» fuhrungsfreiheit, deren Gegenstand ein dramatisches Werk ist, das sich weder gegen Ueberzeugungen noch gegen Personen richtet." Dr. Hermann Wirr Chief-Sgbtn von Lllglsnü. ine der interessantesten Persönlichkeiten unter den Millionen von Judendie in der Gegenwart in den verschiedenen Weltteilen leben, ist unstreitig Dr. Hermann Adler, Chief-Rabbi von England- Denn nicht allein wird er in fast allen, im englischen Weltreiche existierenden jüdischen Gemeinden als religiöses Oberhaupt anerkannt, sondern er bekleidet auch eine bedeutende Stellung im englischen sozialen. Leben, die wohl keinem anderen modernen abbin er eigen ist. Dr. Adler wurde im Mai 1839 in Hannover geboren,, wo sein Vater,. Dr. M. N. Adler, zur selben Zeit als Landesrabbiner füngierte. Mit diesem kam. er, sechs Jahre später.