Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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-fc* Aus Rußland kommen die betrübendsten Nachrichten. Ich lasse' sie, , ohne begleitende Bemerkungen hinzuzufügen, nach den Telegrammen des „Berliner Tageblatt" hier folgen- Daß in einem Barbarenstaate, wie Rußland einer ist, derartige Unmenschlichkeiteu verübt - werden, nimmt uns nicht, wunder, nach den traurigen Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben;? wie lange aber wird Europa, wie lange die gebildete Menschheit überhaupt, solche Untaten dulden? Die Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus dem Gouvernement Tschernigow-nimmt immer größeren Umfang an. Bisher wurden von dort etwa gegen zweitausend Juden vertrieben, und weiter- Ausweisungen stehen umittelbar bevor. Aus Tscheljabinsk wurden 51 -Judenfamilien ausgewiesen, weil sie angeblich kein Wohnrecht besitzen. Die Aüsgewiesenen sind zumeist Getreidehändler, die plötzlich einer in langjähriger Tätigkeit begründeten Existenz beraubt werden. Nach Mitteilungen, die der „Nuss. Korr." aus Petersburg zugehen, ist der Beschluß der Reichsduma, die den Antrag auf Freizügigkeit der Juden mit großer Majorität der Kommission für die Unantastbarkeit der Person zur Vorberatung übergeben hat, als ein günstiges Vorzeichen aufzusassen. Die wirklichen Kämpfe werden freilich erst nach einigen Wochen beginnen, wenn das Plenum der Duma sich mit den Vorschlägen der Kommission befassen wird. Die genannte Kommission gehört aber zu den fortschrittlicheren Dumaausschüssen und bietet darum nicht die Gefahr, daß sie den Gesetzentwurf überhaupt ablehnen würde. Ungünstig hingegen ist der Umstand, daß die Beratung über diesen Gegenstand in eine Zeit leidenschaftlicher Kämpfe um die Universitätsfrage fällt. So gering auch der Prozentsatz der jüdischen Studenten und so minimal schon deswegen ihr Einfluß auf die.Hochschulkrisis ist. so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die jetzige haßerfüllte Atmosphäre für eine humane Lösung der Jndenfrage nicht die geeigneten. Voraussetzungen bietet. Die Juden sind in Rußland in erregten Zeiten immer der Sündenbock, und so besteht' die Gefahr, daß solche Stimmungen sich auch jenen unter den Konservativen mitteilen, die erklärt haben, für eine teilweise Erweiterung der Judenrechte stimmen' zu wollen. „Die fortschrittlichen Elemente in der Kommission werden daher trachten müssen," so schließt die Korrespondenz, „die Parteileidenschaften aus der Diskntierung der Frage, von der das Wohl und Wehe von Millionen abhängt, möglichst auszüschalten." Ter russische Adelskongreß hat nach einer telegraphischen Meldung aus Petersburg eine Resolution angenommen, in der der bedingungslose Ausschluß der Juden, selbst wenn sie die Konfession gewechselt haben, von allen Staatsämtern, von der gesetzgeberischen Tätigkeit sowie von dem Militärdienst gefordert wird. Der Antrag, die Juden als Ausländer anzusehen, wurde abgelehnt. Wien, 2. März. Eine gestern nacht aus Rußland im galizischen Grenzort Podwoloczyska angekommene jüdische Familie berichtet von grauenhaften Szenen, die sich im Gouvernement Tschernigow bei den neuerlichen Judenausweisungen ereigneten. Der Gouverneur hat an alle Behörden die Weisung ergehen lassen, sämtliche Juden, die weniger als zehn Jahre dort wohnen, unverzüglich ausznweisen. Demgemäß gingen die Behörden mit rücksichtsloser Strenge vor. Kranke und Greise werden aufs Pflaster geworfen. Der Getreidehändler Kopalewski bekam den Befehl, binnen 24 Stunden den Ort mit Meib und Kind zu verlassen. Da aber die Frau erst seit sechs Tagen Wöchnerin ist, bat er. um einen Aufschub, wurde aber abgewiesen, und nach 24 Stunden erschien die Polizei, um die Familie gewaltsam zu entfernen. Kopalewski wurde von der Polizei mit der Nagajka erschlagen, sein Diener durch einen Revolverschub getötet. Die Wöchnerin erlitt einen Ohnmachtsanfall und wurde in das Spital transportiert, wo sie an einer Lungenentzündung, die sie sich durch den Transport zugezogen hat, starb. ■ ■■ ■ / . r , Während eine in Saloniki erscheinende jüdische Zeitung »Furore" so tut, als wäre die ganze Stadt/ womöglich das ganze Land der zionistischen Ueberzeugung zugetan, und Journalisten und Redner, die andere Meinungen verfechten, als Verleumder brandmarkt, während die „Neue Jüdische Korrespondenz" von dem Vortrag des Direktors einer großen Bank berichtet, der die Verträglichkeit des Ottomanismus und Zionismus beleuchtete, und die volle Billigung der zionistischen Bestrebung durch die Jungtürken konstatieren will, erklären sich die maßgebenden Männer der Türkei in ganz anderer Weise. Ein ausführlicher Bericht der „Vossischen Zeitung" lautet so: „In der Kammer griff bei der heutigen Beratung des Budgets der Führer der Volkspartei den Finanzminister wegen seiner Finanzgebarung an und besprach ferner die Beschlüsse des Zionistenkongresses über Ansiedlung von Israeliten in Palästina und Mesopotamien. Er erklärte, die letzte Anleihe mit Frankreich sei deshalb nicht zustande gekommen, weil der Finanzminister mit zionistischen Banken habe, arbeiten wollen. Der Großwesir bezeichnete die Behauptungen desj Redners als Märchen und erklärte den Zionismus für ein Phantasiegebilde. Abg. Ubeidullah bezeichnete die Opposition als böswillig, worauf sich bei den Oppositionellen ein großer Sturm erhob. Der Lärm und die Schimpfworts dauerten lauge an. Nach diesem Drahtbericht zu urteilen, scheinen die Angriffe gegen den Finanzminister Dschavid Bey, so ungerechtfertigt sie in der Sache selbst gewesen sein mögen, einen antisemitischen Einschlag gehabt zu haben. Dschavid Beh ist nämlich D^ue, d. h. Mitglied einer vom Judentum abstammenden mohammedanischen Sekte, die nt' Saloniki ihren Zentralsitz hat und sich in ihren Gebräuchen und ihrem Kultus von. beiden Konfessionen unterscheidet. Mag sein, daß die Zionisten auf die Dönmes, die in der jungtürkischen Bewegung eine so große Rolle gespielt haben, gewisse Hoffnungen gesetzt haben, L es ist aber so gut wie sicher, daß von den Jungtürken mit Einschluß der Dönmes noch weniger für den Zionismus zu erreichen ist, als es unter Abdul Hamid dhr Fall war, der in Würdigung der zionistischen Geldmittel, sich auf ein schlaues Lavieren mit den Zionisten verlegte, Zu diesem Bericht ist nach der ausführlichen Darstellung der „Aurore" vom 3. März folgendes nachzutragen: Ismail Hakki Bey: Sie wiffen, daß man unter Zionisten einige Israeliten fremder Nationen versieht, die die unheilvolle Idee verfolgen, in Palästina einen jüdischen Staat zu gründen. (Unterbrechungen von Carasso und Mazliah.) Die Zionisten sind erfüllt von verkehrten und umstürzlerischen Ideen. Sie sagen in einem, nach einem Kongreß veröffentlichten Bericht, sie seien sicher, dank der mächtigen Freundschaften, die sie im Lande erlangt haben, in der Türkei Erfolg zu haben, Jaalat Bey: Ismail Hakki hüllt die Sachen in ein Geheimnis, ich will Ihnen auseinandersetzen, um was es sich handelt. Die Zionisten hatten jährlichen Kongreß ab; vor einiger Zeit, als ich Minister war, schickten sie einen Abgesandten an mich, ich habe ihm aber offen gesagt, daß wir ihren Wunsch nicht erfüllen könnten. Dschavid Bey, an den er sich gleichfalls wandte, hat ihn nicht einmal empfangen. Ismail Hakki Bey. Ich bin mit Ihnen einverstanden. Diese Leute sind zwar von Ihnen zurückgewiesen worden; da sie aber listig und reich sind, gehen sie nun auf andere Weise vor. (Bemerkungen über Herrn Ernst Eassel und die „Nationalbank", einen Unterhändler Manaffe usw., die später von Hakki Pascha zurückgewiesen wurden.) Hakki Pascha. Es ist wahr, daß einige Unzurechnungsfähige . (des<§quilibres) daran gedacht haben, ein jüdisches Reich zu begründen; sie sind aber von den Israeliten selbst mit Gelächter empfangen worden.... Bei uns ist es unmöglich, eine solche Bewegung zu dulden; die vorige Regierung hat sie nicht gestattet und den roten Paß eingeführt. Wir haben diesen beibehalten, weil wir nur mohammedanische Einwanderer wollen- ,