Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Moche. Berlin, den 7. März. ie Vorbereitungen für die'neue Reichstagswahl haben, allerorten tüchtig eingesetzt. Ist es für uns auch nicht angängig, jeden Kandidaten zu benennen und alle Machinationen' zu beleuchten, namentlich solche, die von den Gegnern, mögen, sie nun Antisemiten, wirtschaftliche Partei, Deutsch-Soziale und : wie sonst heißen, so ziemt.es sich wohl, auch unsere Leser auf die Bedeutung der Wahl hinzuweisen. Das geschieht am besten, indem wir ihnen den Aufruf an die deutschen Juden bekannt geben, den der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verbreitet. Einen ganz ähnlichen Aufruf hat der Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus veröffentlicht. Beide Gesellschaften wollen gemeinsam Vorgehen. Geldmittel zum Wahlfonds werden an die Adresse: Justizrat vr. Horwitz, Wahlfonds, 1911. Dresdner Bank- Depositenkasse 6, Berlin SW. 68, Lindenstraße 7> erbeten. Der Aufruf lautet: An die deutschen Juden! In einigen Monaten werden die Reichstagswahlen stattfinden- Die Möglichkeit, den offenen Antisemitismus ganz niederzuringen und den verkappten einzudämmen, ist nur dann gegeben, wenn mit Energie in den Wohtkampf eingegriffen wird. Selten wird eine Gelegenheit wiederkommen, die in solchem Maße die Reinigung des Deutschen Reichstages von judenfeindlichen Elementen ermöglicht. Nur müssen diejenigen, deren Sache es ist, den Kamps zu führen, sich mit Energie und Opfermut zur Schlacht rüsten. Seit Jahren hat der Zentralverein in die Wahlkämpfe vielfach mit Erfolg eingegriffen, um den politischen Antisemitismus — gleichgültig ob er offen oder verkappt auftrat — zu bekämpfen. Die Wahlparole des Zentralvereins ist: unter allen Umständen gegen den, Antisemiten! Darum regelt nicht allein die Parteizugehörigkeit, sondern auch die Persönlichkeit eines Kandidaten" unser Verhalten ihm gegenüber. Wir prüfen nicht nur seine Partei- . Zugehörigkeit, sondern seine Stellung dem Judentum gegenüber. In einer Reihe demnächst erscheinender Druckschriften wird die Tätigkeit der Antisemiten im Parlament zur Aufklärung weitester Kreise ausführlich beleuchtet werden. Flugblätter werden in reichstem Maße zur Verfügung gestellt werden, um die Lügen, die von antisemitischer Seite fortgesetzt zur Verdächtigung des Judentums in die Welt geschleudert werden, im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit zu beleuchten. Die antisemitischen Agitatoren sollen in Zukunst nicht mehr in hetzerischer Weise die ältesten Märchen über Juden oder Judentum unerfahrenen Wählern erzählen können, ohne befürchten zu müssen, Lügen gestraft zu werden. Uns liegt Fraktionspolitik fern. Aber die. Schmach, welche der Antisemitismus für unser Vaterland bedeutet, muß endlich getilgt werden, und hierzu bedarf es der energischen Unterstützung solcher Kandidaten, welche gegen den Antisemiten im Wahlkampf stehen. Zu einem solchen Kampfe gehören erhebliche Mittel, die wir aus unseren minimalen jährlichen Beiträgen nicht aufbringen können. Deshalb muß ein Wahlfonds gesammelt werden. Man macht die sehr beklagenstverte Erfahrung, daß von jüdischer Seite vielfach für allgemeine Zwecke, die unter - Umständen bei praktischer Durchführung sich oft gegen die Inden richten, recht erhebliche Summen zusammengebracht werden. Dagegen ist gerade für die Kostspieligkeit unserer außerordentlich wichtigen politischen Kämpfe, die jedem einzelnen deutschen Juden erst die Grundlage seiner bürger-. lichen Existenz sichern sollen, oft ein recht geringes Verständnis vorhanden. Das darf in Zukunft nicht mehr sein! Darum zeichne ein jeder für. den.Wählfonds und gebe uns die Möglichkeit, für die Ehre und staatsbürgerliche Gleichberechtigung des Judentums nachhaltig und erfolgreich zu kämpfen. Die Tatsache, daß die antisemitische Agitation zum großen Teil aus den fast unerschöpflichen Quellen des Bundes. der Landwirte gespeist wird, muß unsere Freunde zu neuer und gröberer Opserwilligkeit als bisher anspornen. * Die Reichstagswahlen vor der 'Tür! In -die Front! betitelt sich eine Broschüre des Reichstagsjournalisten Artur Schweriner: In dem unserer Auflage beiliegenden Zirkular gibt der Verfasser ausführlich seine Gründe an, die ihn dazu bestimmt haben, die politisch sorglosen Glaubensgenossen durch wörtliche Wiedergabe der Raabschen Hetzrede „aufzureizen und aufzupeitschen". Hohes Interesse dürften die Auslassungen von Abgeordneten aller Parteien über die Raabfche Rede, die dem Verfasser zugegangen find, beanspruchen. Der Konservative Graf v. Westarp lehnt es natürlich ab, seinen Freund Raab, mit dem er Arm in Arm die Finanzresorm ausgearbeitet hat, abzuschütteln. Er betont jedoch „sein gutes Verhältnis" zu den Israeliten in feinem Wahlkreis. Ein Zentrumsabgeordneter gibt einem.. längeren Schreiben folgende Einleitung: „Wir Katholiken werden unter allen Konfessionen gerade am meisten und frechsten von jüdischen Journalisten (!!) angegriffen." Treffend kritisiert der revisionistische Führer Frank Raabs. Schmährede als eine Rede „gegen das klare Recht, gegen die geschichtliche Wahrheit und gegen den guten Geschmack." Wir wünschen dem ehrlichen Streben des Verfassers, die „unpolitischen" Glaubensgenossen mutig und opferwillig einzureihen in das Heer der Parteien, die bei den nächsten Wahlen in dem Antisemitismus ihren größten Feind sehen, großen Erfolg. * . Unter dem Titel „Staatsbürgerliche Erziehung" bringt die „Frankfurter Zeitung" einen kurzen Artikel, den ich ohne einen Kommentar wiedergebe. So sehr es mir auch widersteht, jeden schmähenden Aufsatz eines antisemitischen Blattes zu erwähnen, so scheint es mir durchaus notwendig, Beleidigungen hervorzuheben, die den Juden-von Beamten zugefügt werden, und auf deren Abstellung zu dringen. - - . Eschwege hat einen Schuldirektor, der sich einen sehr sonderbaren Begriff von staatsbürgerlicher Erziehung gemacht zu haben scheint.. Er hat in der Schule das Thema behandelt: „Warum ist die Wirtschaftliche Vereinigung antisemitisch?" Die Aufzeichnungen, die eine . Schülerin darüber gemacht hat, und von denen wir zufällig Kenntnis erhalten, lauten: - „Die Wirtschaftliche Vereinigung vertritt die Interessen des Mittelstandes, und zwar des Handwerks, der kleinen Bauern und der kleinen Geschäftsleute. Die Israeliten sind meistens, Händler und Spekulanten. Durch das Spekulieren .wird der Popen teuere Da-, durch werden die kleinen Bauern und Geschäftsleute geschädigt. Die Bauern können kein Ackerland kaufen, weil es zu teuer ist,, als daß sie mit Verdienst darauf arbeiten. Folglich Ast die Wirtschaftliche Vereinigung antisemitisch. Der Staat ist daraus bedacht, daß jeder Staatsbürger eine gesunde Wohnung besitze, denn Der Staat beruht auf der Familie, und zwar ans der gesunden Familie. Die Familie kann aber nur in gesunden Wohnungen gesund bleiben. Durch das Spekulantentum wird der Boden teuer und außerdem werden die Häuser schlecht gebaut. Daher sucht der Staat dem Spekulantentum Einhalt zu tun." . Solche Art von Erziehung ist denn doch ein starkes Stück, und man darf wohl erwarten, daß sich die Schulbehörden diesen Jugendbildner näher betrachten wird. t Im Gegensatz zu derartigen Angriffen ist der Aufsatz „Ein Kapitel Judenpsychologie" von Oscar A. H. Schmitz in der „Nationalzeitung" vom 2. März, ein im ganzen wohlwollender, der auch in unseren Kreisen Beachtung verdient. Er hebt den innigen Zng des Familienlebens hervor und; weist daraus hin, daß nur die mangelnde Gleichberechtigung - die Inden in die Armee der Radikalen treibe. * - ' - / . ,