Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 10 Berlin, 10. März 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese ' Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITC. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 71 ftftitl f1 Purim -' Betrachtung. ,Bon Rabbiner Dr. L e w k 0 w.i tzsMWJWll.» Schneidemühl. — Die Woche. — Noch einmal der Fall Bernstein. Von Ludwig Geiger. — Dr. Hermann Adler, Chief-Rabbi von England.. — Zigeuner und Juden. Von Fr. Wilh. Brepvhl- Wiesbaden. — Wir Rabbiner! Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. — Das Rassenproblem und das' Judentum. Von Professor Dr. Ludwig Stein. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Literarische Mitteilungen. Der Gemeindcbote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Thorn, Glogau, Stettin, Aus Westfalen, Petersburg. — Von Nah und Fern. Ourim-Oetrschtung. Von Rabbiner Dr. LewkoWitz-Schneidemühl. eschichtliche Feste bedürfen immer von neuem der Rechtfertigung. Liegen ihnen Ereignisse und Tatsachen zugrunde, deren Folgen durch alle Zeiten hindurch fühlbar werden, dann ist ihre Berechtigung deutlich erkennbar und leicht zu erweisen. Handelt es sich dagegen, wie beim Purimfest, lim ein Geschehen von geringerer Tragweite, dann empfinden wir um so stärker das Bedürfnis,' seine überzeitliche Bedeutung zn erkennen. Sie liegt hier offenbar in dem symbolischen Charakter der von der Geschichte berichteten Ereignisse. Das ergibt sich aus der Erzählung des Esther-Buches. Seine literarische Eigenart liegt in der eigentümlichen Verbindung von Poesie und Prosa. Es erzählt in dem nüchternen Ton des Chronisten und macht dennoch nicht den Eindrück einer geschichtlichen Schilderung, sondern einer kunstvollen Dichtung. Die planvolle Komposition, das Jneinandergreifen derr-Ereignisse, vor allem aber die plastische Gestaltung der handelnden Personen verraten die Hand eines Dichters von hohem poetischen Können. Sein künstlerisches Prinzip ist die Steigerung der Effekte durch Häufung von Kontrasten. In keinem anderen Buch der Bibel sind Freude und Schmerz, Licht und Dunkel so nahe aneinandergerückt, in jeder einzelnen Szene schlägt die Stimmung in ihr Gegenteil um, so daß die Erzählung einen leidenschaftlichen, dramatischen Charakter erhält. Nach demselben Prinzip sind auch die Personen der Dichtung gestaltet. Der despotische und launische Herrscher und sein skrupelloser, von fanatischem Haß erfüllter Minister bilden das wirksame Gegenbild zu dem edlen Selbstbewußtsein d?s besonnenen Mordechai und der opferbereiten Liebe Esthers. L^as aber der Erzählung ihren höchsten Wert verleiht, das ist ür- Art und Weise, wie hier die Ereignisse sich aus dem Charakter der Handelnden mit Notwendigkeit ergeben. Konslitt und Lösung sind nicht durch einen äußeren Anlaß bedingt und notwendig hervorgeryfen, sondern, durch die Gegensätz- Üc^teit der Denkweisen. Es bedürfte nur einer Veranlassung ^on lächerlich geringer Bedeutung, um den Zusammenstoß herbeizusühren. Was uns der Dichter erzählt, ist also nicht ein einmaliges Ereignis, sondern er bezeichnet uns die Stellung, die das jüdische Volk kraft seiner Eigenart notwendig inmitten einer fremden Welt einnimmt. Das ist der symbolische Charakter der Ereignisse, von dem wir sprechen. Zwischen der ethischen Gesinnung Israels und Willkür und Fanatismus kann es niemals und nirgends eine Verständigung geben. Solange uns daraus ein Vorwurf gemacht wird, daß wir nach unseren besonderen religiösen Satzungen leben und uns nicht assimilieren, solange also die Auffassung Hamans festgehalten wird, hat auch das Purimfest für uns eine leider noch immer aktuelle Bedeutung. Konflikt und Lösung werden im Buche Esther nicht aus den äußeren Umständen, sondern aus dem Charakter der Handelnden hergeleitet, die die Denkweise ihres Volkes repräsentieren. Das verleiht ihm seinen hohen, von alter Zeit unabhängigen künstlerischen Wert und zugleich seine ethische Bedeutung. In seinem Streben, die Selbständigkeit sittlichen Handelns zu wahren, läßt der Dichter sein religiöses Empfinden völlig zurücktreten, vermindert ängstlich jeden Hinweis auf den göttlichen Lenker des Völkerlebens. Diese auffällige Tatsache wird aus der Absicht des Dichters verständlich, Angriff und Abwehr aus rein menschlichen Motiven abzuleiten. Dazu treibt ihn nicht ein religionsphilosophisches, sondern ein künstlerisches Interesse. Nur so war es ihm möglich, eine geschlossene und lebendige Dichtung zu schaffen. Dadurch aber, daß die Rettung des Volkes nicht ein Gnadenakt Gottes ist, sondern das Werk sittlichen Fuhlens, mutigen Eintretens, wird die vorbildliche Bedeutung dieses Handelns um so sichtbarer. Das Buch Esther redet eine reichliche, auch in unserer modernen Zeit durchaus verständliche Sprache, auf welche Weise dem Angriff der nichtjüdischen Welt zu begegnen ist. Mit um so größerer Freude ist es darum zu begrüßen, daß die großen Organisationen der deutschen Judenheit sich immer klarer auf ihr Recht besinnen und mannhaft für ihr Recht eintreten, daß die Zeit des geduldigen Hinnehmens endgültig vorüber ist. Wieviel an Rechten und Bewegungsfreiheit dabei im politischen Kampf für uns gewonnen wird, ist weniger wichtig , als die ethische Wirkung, die von einem solchen Kampf ums Recht ausgeht, wie ihn die deutschen Juden führen, die Erstarkung des Rechtsbewußtseins in den Massen um das Selbstgefühl. In dieser Hinsicht bleibt noch viel zu wünschen. Hoffen wir, daßdie Feier des Purimsestes unser sittliches Empfinden stärkt und uns erzieht zu vornehmem Selbstbewußtsein.