Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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.Jos. Oettinger. Den Bericht der Kommission zur Prüfung der Gemeindeabrechnung erstattet Herr Alfred Lisser. Die Kommission hat bis auf einige kleine Monitas an der Abrechnung nichts auszufetzen und beantragt die Genehmigung der mit einem geringen Defizit abschließenden Abrechnung. Die Versammlung schließt sich diesem Anträge an. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: „An- . trag des Gemeindevorstandes auf Erhöhung der Subvention für den Verband Deutscher Juden", wird der folgende Antrag des Herrn Mathiason angenommen. »Das Repräsentantenkollegium erklärt sich mit der vom Gemeindevorstand beantragten Erhöhung der Subvention für den Verband Deutscher Juden einverstanden. Das Kollegium spricht jedoch bei dieser Gelegenheit miederholt den Wunsch aus, daß in Zukunft die Wahlen der Delegierten zum Verbandstag auf Vorschlag des Gemeindevorstandes durch die Repräsentanten vorgenommen werden. Sodann wird in geheimer Sitzung in Gemeinschaft mit Kommissaren des Eemeindevorstandes über den Antrag auf Erbauung eines eigenen Gemeindehauses beraten. — In der Vorstandssitzung des Hamburger Tierschutzvereins gab der Vorsitzende Kenntnis von dem Schreiben einiger Vereinsmitglieder, in dem der Vorstand befragt wird um seine Stellungnahme bzw. um die des Verbandes der Tierschutzvereine zur Schächtungsfrage, wie sie vor kurzem im Reichstag zur Verhandlung gekommen sei. Der Vorsitzende weist darauf hin, daß in der letzten Vorstandssitzung in dieser Angelegenheit ein Beschluß gefaßt worden sei, dahingehend, daß der Hamburger Verein in Uebereinstimmung mit dem Deutschen Verbände eine Betäubung aller Schlachttiere vor der Blutentziehung aus tierschützlerischen Gründen für durchaus nötig erachtet; ein Reichsgesetz wäre in diesem Sinne wünschenswert. Der Hamburger Verein könne jedoch in Berücksichtigung der bei uns vorherrschenden verschiedenen Religionsverhältnisse unserer Bevölkerung sich nicht für berechtigt erachten, gegen die Schlachtungsgebräuche seiner israelitischen Mitbürger Stellung zu nehmen, zumal die Schächtung als Kultusakt betrachtet werde. Zu bedauern sei aber'die Niederlegung, oder richtiger die Niederzwingung der Tiere vor der Schächtung, die häufig zu recht tierquälerischen Vorkommnissen Veranlassung gebe. Hier müßten die israelitischen Kultusbeamten gebeten werden, der Behandlungsweise der Schlächtergesellen Einhaltzu gebieten. 8.8. Nordhausen, 21. Februar. Am Sontag den 11. d M. erlag der langjährige Vorsitzende unseres Gemeinde-Vorstandes, Herr Fabrikant Adolf Eisner, einer tückischen Krankheit im 51. Lebensjahre. In tiefstem Schmerze betrauert unsere Gemeinde in ihm einen unersetzlichen Führer, der mit klugem Scharfblick die Interessen unserer Gemeinde erkannte und das schwere Werk vollbrachte, alle Parteien, auch die, die seine Ueberzeugung nicht teilten, zu gegenseitiger Duldung und gemeinsamer friedlicher Arbeit zusammenzuführen. Von der allgemeinen Wertschätzung, deren sich der so früh Verstorbene in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft erfreute, legten die Trauerfeier und das Leichenbegängnis beredtes Zeugnis. ab. In der Synagoge war der Sarg aufgebahrt, dicht übersät und umgeben von Palmen, Kränzen und Blumenschmuck. An der Trauerfeier beteiligten sich offiziell außer den Vorständen und Repräsentanten der israelitische-.! Gemeinde die städtischen Körperschaften fast vollzählig, zahlreiche Angehörige der Loge und sonstige Leidtragende, so daß das in Trauerschmuck stehende Gotteshaus auf allen Plätzen dicht gefüllt war. Feierliche Klänge des Synagogenchors mit Orgelbegleitung sowie ein Gebet des Herrn Kantors Seelig leiteten die würdige Feier ein. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner Dr. Levy. in welcher er mit ergreifenden Worten das Lebens- und Charakterbild Aldolf Eisners vor uns hinstellte, sein schlichtes und dabei großzügiges Wirken schilderte als 1. Vorsitzender der Synagogengemeinde, als Mann des öffentlichen Lebens in der Kommune und in der Politik, als werktätiger Pflichtmensch in den Berufskorperationen, auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, wo er besonders zuletzt sich hohe Verdienste erwarb um die israelitische. Wanderfürsorge, und dann in der. Familie, feinem Allerheiligsten. Ueberall hat er sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt, sein Geist wird weiter leben. Herr Sanitätsrat Dr. Stern rief alsdann warme Abschiedsworte dem unvergeßlichen Freunde und Führer nach namens der Repräsentanten und des Synagogenvorstandes, Herr Emil Hirsch namens des israelitischen Wohltütigkeits- und Frauenvereins. Unter Trauergesängen des Chors trug man dann die irdische Hülle Adolf Eisners hinaus aus dem Tempel zur Grabstätte auf dem israelitischen Friedhofe, gefolgt von einem nach Hunderten zählenden, großen Trauergefolge! Dort wurde mit dem üblichen Gebet der'Sarg beigesetzt, und das Grab schloß sich für immer über den Ueberresten eines wahrhaft guten Menschen. — Cassel, 26. Februar. Die am 21. Februar und den vorhergehenden Tagen am hiesigen israelitischen Seminar unter Vorsitz des Provinzial-Schulrats Leist stattgefundene erste Lehrerprüfung hatte, wie seit Dezennien stets, ein erfreulich günstiges Ergebnis- Alle Examinanden bestanden. Das Thema der schriftlichen Religionsprüfung lautete: „Die Wirksamkeit der israelitischen Propheten", das der Prüfung im Hebräischen: Klgl. 3, 19—31, im Deutschen: „Welche Eigenschaften machen den Egmont Goethes zum Liebling der Niederländer, aber ungeeignet zu ihrem Führer?" In Geschichte: „Die Einheits- und die Verfassungsidee unter Friedrich Wilhelm IV." Im Französischen war eine längere Uebersetzung aus der Fremdsprache ins Deutsche anzufertigen. Aus der mündlichen Prüfung seien nur einzelne Fragen erwähnt: Einteilung der shnagogalen Gebete Nächstenliebe; vier wichtige Jahre der Westgotengeschichte; die Jahre 1046, 1077, 1177, 1245 in ihrem inneren Zusammenhang; der fürstliche Absolutismus und zwei feiner Vertretrer. — Duisburg, 23. Februar. Am 11. d. M. waren 25 Jahre vergangen, seit der erste Vorsitzende unserer Gemeinde, Herr E. Löwe, in den Gemeindevorstand eingetreten ist. Die allgemeine Verehrung, die Herrn Löwe entgegengebracht wird, fand an diesem Tage durch eine schlichte Feier Ausdruck, wie sie dem bescheidenen Sinn des Jubilars entspricht. Nach dem Gottesdienste, bei dem die Predigt auf den Gedenktag hinwies, versammelten sich Vorstand, Repräsentanten und Beamte der Gemeinde mit der Familie des Gefeierten im Gemeindezimmer, brachten ihm ihre Dankbarkeit und ihre Glückwünsche zum Ausdruck und überreichten eine kunstvoll ausgesührte Adresse. Zum dauernden Gedächtnis deß Ehrentages wurde durch Beiträge von Gemeindemitgliedern eine Emanuel Löwe-Stiftung begründet, die zur Erziehung und Berufsausbildung unbemittelter Kinder bestimmt ist; es ist die erste größere Stiftung in unserer Gemeinde. Möge der Jubilar noch lange in frischer Kraft für das Wohl der Gemeinde wirken! Gesterretch-Ansam. z. Serajewo, 22. Februar. Vor einigen Tagen starb hier der Ehrenpräsident der Sephardim- Gemeinde Salomon Effendi Salom im Alter von 78 Jahren. Sein Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer allgemeinen Trauerkundgebung aller Gesellschaftskreise. An demselben nahmen die Spitzen der Behörden mit dem Landeschef Baron Varesanin und Ziüiladlatus Baron Benkö teil. Am offenen Grabe wurden zahlreiche Reden gehalten, unter anderem sprach auch sein langjähriger Freund, der pensionierte Intendant des Landesmuseums, Konstantin Hoermann. Salomon Effendi Salom war der Sohn eines Arztes, der in Bosnien eine hervorragende Stelle einnahm. Er selbst stand bei der seinerzeitigen türkischen Regierung und auch beim Volke in hohen Ehren und wurde in das erste türkische Parlament als Deputierter entsendet. Sultan Abdul Hamid ernannte ihn zum „Kaiserlichen Türsteher" und verlieh ihm eine Ehren-Uniform. Nach der Okkupation von Serajewo im Jahre 1878 ernannte ihn Feldzeugmeister Baron Filippowitsch zum Vizebürgermeister der Landeshauptstadt und vertraute ihm die städtische Kasse an, da er als die geeignetste Persönlichkeit für dieses verantwortungsvolle Amt empfohlen wurde. Von jener Zeit bis kurz vor seinem Ableben gehörte Salomon Effendi dem Serajewoer Gemeinderate an, wo er eine rege Tätigkeit entfaltete. Im Jahre 1908 erschien er an der Spitze einer Huldigungsdeputation der sephardischen Juden Bosniens und der Herzegowina in Audienz bei Kaiser Franz Josef. Der Kaiser zeichnete den vortrefflichen Mann, der in der Geschichte seines Vaterlandes eine so bedeutende Rolle gespielt, durch eine huldvolle Ansprache aus. Nach der Audienz nahm Salomon Effendi an einer Beratung teil, die unter Vorsitz des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern in Angelegenheit der jüdischen Wahlkurie für die bosnischen Juden abgehalten wurde und beteiligte sich lebhaft an der Debatte.