Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 „Der böse Mensch," sprach sie mißbilligend. Gedalje aber blickte, sie unausgesetzt an und in seinem Herzen hämmerte es noch heftiger und er meinte, daß der Hund nicht recht gehabt habe. Denn auch er ging an dem gräflichen Schlosse vorbei, auch er grüßte dem Verwalter, dieser grüßte auch ihm nicht zurück, doch darum hatte ihn der Hund nicht gebissen. Hätte er ihn gebissen, dann würde vielleicht er in jenem Lehnstuhle fitzen. Nein, nein, der Hund hat nicht recht gehabt. Man läutete zu Mittag, als Berele sich empfahl, doch er begab sich noch nicht nach Hause. Er eilte zum Heiratsvermittler, um mit* ihm die Einzelheiten des Bräutigamempfanges zu besprechen. Reb Ore schälte eben den schwarzen Rettich, sein Weib machte Gansleber- und Zwiebelschnitte, zu den hartgesottenen Eiern. Zwischen ihnen saß auf gepolstertem, hochbeinigem Kinderstuhle Aronchen, der Augapfel der Familie. Aronchen war rothaarig, sonst aber ein wahrhaftiger Engel. „Ein gelungenes Kind, dieser süße Engel, wie?" lächelte die lange Genendl dem Berele. zu. Der süße Engel war wirklich anbetungswürdig. Er stieß seine kleine Faust bald gegen den Vater, bald gegen die Mutter, griff bald in die kleingeschnittenen Zwiebeln, bald in die krausen Rettichschalen hinein und machte aus beiden ein Gemisch nach eigenem Geschmack. „Nu, was sagen Sie zu dieser Klugheit?" prahlte die lange Genendl und lachte dabei. Auch Reb Ore lachte, auch Reb Berele lachte, nur Pinches Jude Kleinmann lachte nicht. Dem armen, kleinen Bocherl schnürte sich Herz und Kehle zusammen, denn er mochte keine Rettichschalen mit Ei und Zwiebeln. Dann schlichen noch die beiden älteren Sprößlinge der Familie, Davidchen und Moseschen, um ihn herum und neckten sich mit ihm. Moseschen kam ihm hinter den Rücken geschlichen und legte sich schön leise flach auf die Erde hin; Davidchen aber schnellte mit einer plötzlichen Wendung vor ihn hin, machte Glotzaugen und brüllte: „Hu!" Pinches Jude Kleinmann war ein furchtsames Bocherl, der Aermste erschrak vor dem Summen einer Fliege, wie hätte er da nicht erschrecken sollen, als dieser Galgenstrick von Vollblutindianer ihn angriff. Der Arme erschrak wirklich, sprang vor Schrecken nach rückwärts und fiel dabei — plumps — auf Moseschen, Davidchen aber auf ihn. Moseschen hatte sich diesen Spaß anders gedacht; auch Davidchen hatte sich nicht vorgestellt, daß der Bocher im Fallen ihm mit dem Stiefelabsatz gegen die Nase fahren werde. So enttäuscht, Hub Moseschen, unter dem Bocher liegend, - zu schreien an und Davidchen brüllte auf ihm Liegend: „Mutter, der Bocher stampft!" Fortsetzung folgt. Merurilchk Mitteilungen. Es dürfte einen großen TeilAhres Leserkreises interessieren, daß der wissenschaftliche Nachlaß Eduard Glasers von der Wiener Akademie der Wissenschaften erworben worden ist. Die Bedeutung Eduard Glasers für die semitistische und indirekt auch für die jüdische Religionswissenschaft ist bald nach dem Tode dieses genialen Forschers wiederholt in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (namentlich in Nr. .24 des Jahrgangs 1908) beleuchtet worden, so daß ein näheres Eingehenihierauf sich erübrigt. Hoffen wir, daß nunmehr auch die Veröffentlichung dieses Nachlasses möglichst bald vollständig erfolgt. Was die Wissenschaft hiervon zu erwarten hat, darüber äußert sich einer der berufensten Fachmänner, Otto Weber, folgendermaßen: „Selten wohl hat ein Forscher der Wissenschaft ein reicheres Erbe hinterlassen als Eduard Glaser. . . Aus der oben gegebenen Schilderungseiner Reisen und ihrer Ergebnisse läßt sich schon ein allgemeines Bild gewinnen von den Schätzen, die jetzt noch der Hebung harren ... In Glasers Nachlaß befindet sich auch ein zu geradezu kolossalen Dimensionen angewachsenes Manuskript eines Jnschriftenwerkes, in welchem eine Menge alter und neuer Texte eingehendst behandelt sind . . . Sicherlich wird es eine kaum zu erschöpfende Fundgrube sein für alle Fachgenossen und vor allem den Bearbeitern des Jnschristenmaterials unschätzbare Dienste leisten." (Otto Weber „Eduard Glasers Forschungsreisen in Südarabien" 1909, S. 28%) Die Freude und Genugtuung über die zu erhoffende wissenschaftliche Ausbeute und Anerkennung des hochverdienten Forschers ist freilich nicht frei von einer Bitternis: daß er, dessen Leben durch Kämpfe und Sorgen allzufrüh abgeschlossen wurde, diese Anerkennung nicht erleben sollte. Forscher- und Entdeckerlos! — Rachel, ein Ghetto-Roman von Karin Michaelis. Deutsch von Mathilde Mann. Konkordia, Deutsche Verlags-Anstalt G. m. b. H., Berlin W. 30. Der Titel: Ghetto-Roman ist nicht recht begründet, denn es handelt sich gar nicht um eine jüdische Umgebung; die handelnden und leidenden Personen des Roinanes sind ausschließlich Christen. Das Mädchen, nach dem der Roman seinen Namen hat, Rachel, ist ein Findling, den der Jude Simon Jumaisohn auf einem christlichen Kirchhofe aufgelesen hat und als sein Kind pflegt und erzieht. Der Jude spielt nur in der Einleitung eine Rolle, dann verschwindet er völlig. Tenn sein Pflegekind will von dem Adoptivvater nichts wissen und dieser ertränkt sich.' Die Geschichte des Mädchens aber, das eine Art Vampyr ist, gehört zu dem Grausigsten und Entsetzlichsten, was man lesen kann. Es besteht in Aegypten die schauderhaftesten Abenteuer, ermordet und verscharrt ihren Verführer, wird von einem reichen Holländer als Kind angenommen, aber als Geliebte begehrt, liebelt mit jedem, macht eine ganze Anzahl Männer verrückt, treibt den einen zur Ermordung ihres Pflegevaters und verwirrt die anderen so sehr, daß der Bruder des Mörders, ein Kriminalrichter, sowie der eigentliche Geliebte Rachels, mit dem sie schließlich entflieht, wider besseres Wissen alles tun, um den Mörder Allan zu befreien. Schließlich aber geht dieser, von seiner Schuld bedrückt, durch Selbstmord unter. Der Richter selbst, der die ganze Geschichte erzählt, wird zum Schluß verrückt und der Leser hat bei dieser verwirrenden und aufregenden Lektüre auch einigermaßen Angst um seinen Verstand. Der Roman der augenblicklich viel genannten Verfasserin ist virtuos erzählt — die Uebersetzung liest sich gut —, aber die ganze Geschichte ist so unglaublich, daß man das Buch höchst unbefriedigt aus der Hand legt. L. G. — Das Deutschtum im Auslande. Vierteljahrsheft des Vereins für das Deutschtum im Auslande. Heft 6, Dezember 1910, Bd. 50 Pf. (enthält Davis Trietsch: das deutschsprachige Judentum im Auslande). Trietsch führt in dieser Abhandlung aus, das die Freunde wachsWU Verbreitung deutscher Sprache die Deutschsprachlichkeit der Juden im Ausland mehr als bisher beachten sollten, denn nach seinen Ausführungen ergibt sich, daß von der Gesamtzahl der Juden: 12 312 000 nicht weniger als 11 Millionen deutsch und jüdisch-deutsch sprechen. Ich muß dem Verfasser die Verantwortung für seine i Behauptung überlassen, denn es scheint mir doch sehr gewagt, sämtliche in Oesterreich-Ungarn lebende Juden, nämlich 2150 000, und noch gewagter, von den 250 000 in Großbritannien lebenden, 200 000 als deutschredende zu bezeichnen. Dasselbe gilt für Frankreich, die Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien; aber wenn ich auch an den Angaben zweifle, so besitze ich kein Material, um sie völlig zurückzuweisen. L. G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.