Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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glänzenden Umgebung befand. Doch als er ihn besser in Augenschein nahm, erschrak er, und er erschrak fürchterlich. Er bemerkte, daß Gedalje nicht auf dem teueren Teppich stand, sondern dort, wo kein Teppich war, auf dem gewichsten Fußboden. Gedalje kennt den Brauch im Hause und er weiß gewiß, wo ein armer Mensch, der nicht hierher gehört, stehen darf. Gleich sprang er also zu Gedalje hin, ohne in seinem verwundeten Bein den Schmerz zu empfinden, so sehr freute' es ihn, sich aus der ungeziemenden Position gerettet zu haben. Dann hätte er gern mit dem Bocher ein Gespräch augegeknüpft, doch dieser antwortete bloß auf jedes hundertste Wort. Wie sie so da.standen und sich im Stehen unbehaglich räusperten, da wurde es mit einemmale so hell im Zimmer, als ob ein Frühlingssonnenstrahl zum offenen Fenster hereingedrungen wäre. . Und wie das Klingen silberner Glöckchen, so ertönte helles, jugendfrisches Lachen: „Sieh da, Onkel Berele. Papa komin^ doch herein, hier ist Onkel Berele." Und die Antwort aus dem zweiten Zimmer gar nicht abwartend, lief das junge Mädchen zu Berele Beer hin, blickte ihn an, lächelte ihn an, dann faßte sie ihn an beiden Händen und zog ihn zu einem großen weichen Lehnsessel, während sie inzwischen gleich einem Vögelchen zwitscherte: „Also setzen Sie sich doch, Onkel Berele. Wie befinden Sie sich? Was macht die Tante?') Ach, was die Tante für eine gute Frau ist, wir wissen es. Und was macht das Blümele? Sagen Sie ihr. Onkel Berele, daß ich böse bin. Schickt es sich, daß sie'sich niemals zeigt? Ist sie etwa stolz, weil sie um zwei Jahre älter'ist als ich? Na wirklich, in zwei Jahren werde ich auch so alt sein." Und Berele wußte darauf nicht anderes zu sagen, als: „Ich danke, Freileinleben". Esterchen aber plauderte fortsetzend: „Ms wahr. Onkel Berele? Ms wahr, daß Blümele Braut geworden ist? Ach, wie ich mich freue. Nicht wahr, mau hat ihr einen braven Mann ausgesucht." Berele saß im Lehnstuhl und schämte sich gründlich. Wenn ihn Bruchele sehen würde, könnte sie gar glauben, daß ihn der Größenwahn befallen habe. Und indes er dem Esterchen Rede und Antwort stand und Esterchen ihn mit den lieben süßen Worten gleichsam liebkoste, indessen stand Gedalje Liweitzer noch immer regungslos wie ein Steinbild aus seinem Platze. Vielleicht beugte er sich ein wenig vor, doch hätte dies keiner bemerken können, vielleicht verfinsterten sich auch seine Augen, doch auch dieses sah keiner, am wenigsten Esterchen, Und es war gut, daß sie -es nicht sah. Der stille, wortlose Gedalje wäre in Ohnmacht gefallen, wenn Esterchen bemerkt hätte, wie seine brennenden Augen sie anstarren und wenn sie bemerken würde, daß in der Statue etwas rege wird, so oft sie in der Nähe ist. Er selbst wußte ja nicht, was das sei, was sich in ihm regte, was ihm im Herzen hämmerte, in der Seele gärte, was ihn ängstlich machte und mutlos, so oft er dieses sonnäugige junge Mädchen sah. Er will sie nicht anschauen, denn es ist doch eine große- Sünde, die Augen auf einem Frauenzimmer ruhen zu lassen.. Seitdem er zu Verstand gekommen *) „Onkel" und „Tante" ist eine im Ungarischen übliche Be. uenriung und Ansprache seitens junger Personen älteren Leuten gegenüber, auch ohne Verwandtschaftsverhältnis. '■ ist, hat er auch niemals in ein Frauenauge geblickt, außer in das seiner Mutter. Sogar die Schwester hat er nicht geküßt, als er von Hause Abschied nahm und er hat ihr auch nicht die Hand gereicht. Der freundschaftliche Verkehr mit Frauen ruft gefährliche Regungen hervor. Man muß sich sogar enthalten, auch nur ihr Kleid zu berühren. Und er enthielt sich dessen treu, ehrlich und gottgefällig. Nur hier umkreist ihn der Satan. Vergeblich preßt er die Augenwimpern fest zusammen, daß es beinahe schmerzt, diese heben sich unwillkürlich und' er ist gezwungen, seine Augen aus Esterchen zu heften. Vergangenes Jahr war es noch nicht so. - Vergangenes Jahr ging sie noch im kurzen Kleidchen herum, doch jetzt reicht ihr das Kleid bis an die Knöchel und schmiegt sich an ihren Körper wie die Melodie sich dem Gebete anschmiegt Vergangenes Jahr ist er noch nicht erbebt, wenn sie bei Tisch den Sessel auf seinen Platz hinschiebend zu ihm sagte: „Bochert kommen. Sie essen." Jetzt erschrickt er, wenn sie ihn ruft, und sein Herz krampf sich zusammen. Immer fürchtet er, daß Esterchen noch etwas anderes sagen werde. Vielleicht spricht sie ihn an und er muß ihr antworten. Vor diesem Gedanken grauste ihm am meisten. Esterchen sprach in der Regel nicht im Jargon, sondern in schöner, fließend reiner hochdeutscher Sprache, die er nicht verstand. Was soll er erwidern, wenn sie ihn anredet? Vielleicht wird er sie gar nicht verstehen und wenn? ja, wie soll er ihr dann antworten? Er kann in ihre Sprache nicht sprechen, und antwortet er ihr jüdisch, so wird sie noch aus ihn herabsehen, ihn verlachen. f Ein andermal wieder sehnte er sich geradezu danach, von dem jungen Mädchen angesprochen zu werden. Wenn sie ihn nur anreden wollte, auf welche Art immer, er würde sie sicherlich verstehen. Und er könnte ihr auch antworten, schön und klug. Der Jargon ist auch eine schöne Sprache und Esterchen versteht ihn, wenn sie ihn auch nicht zu gebrauchen pflegt. Jedoch sprach ihn Esterchen nicht an. Man-Pflegt mit dem Bocher nicht zu sprechen. Der Bocher kommt, stellt sich an die Tür und wartet, bis man ihn zu Tisch ruft. Er ißt ruhig und manierlich und gibt acht, daß etwas auf dem Teller bleibt, denn, wenn nichts übrig bleibt, so könnte die Hausfrau das als Beleidigung auffassen. Weil nur derjenige auf dem Teller nichts zurückläßt, dem das erhaltene Essen zu wenig war. Nach dem dritten Gange sagt dann die Hausfrau: „De Bocher kenn benschen." Und der Bocher murmelt still sein Gebet, denn vom vierten Gange gebührt ihm kein Bissen mehr. Bei Eschkeles war es nicht so, man gab ihm auch von der vierten Speise, doch sonst kümmerte man sich nicht um ihn. Esterchen - sprach niemals so mit ihm, wie sie jetzt mit Berele Beer redete. -Wie konnte sie dessen Späße belächeln, als er sich jetzt ein Herz dazu faßte, und wie. konnte sie betrübt werden, als Berele das Hunde-Abenteuer erzählte. . „Ach, mein Gott, Onkel Berele, warum haben Sie das nicht gesagt," schalt sie. ihn, „und ich lasse Sie so .:. Und rasch lief sie an das andere Ende des Zimmers und kam eilends mit einem weichen Sofakissen zurück, welches sie mit großer Behutsamkeit als Schemel unter das kranke Bein schob. . „Wirklich, Freileinleben," schloß Berele seine Erzählung, „er hat gesagt, daß der Hund recht gehabt hat."