Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 9 Der Gemetndetzote. Wrilsge zur „Allgemeinen Leitung de^ Iüiientum^ Kerlin, Z März 1911 Horrrlpondkn?rn und Sgchrichtkn. Veutschlsnd. J. Berlin, 27. Februar. In den Marinefestsälen hielt gestern der '„Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" seine Hauptversammlung ab, die bekanntlich statutenmäßig alle zwei Jahre erfolgt. Außer dreißig Vorstandsmitgliedern waren zwölf Landesausschüsse und 80 Ortsgruppen mit insgesamt zirka 140 Delegierten vertreten. Auch zwei Vertreter des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", die Herren Siegfried Brünn und Curt Bürger, nahmen teilweise an den Beratungen teil. -- In der Vormittagssitzung, für welche die Oefsentlichkeit ausgeschlossen war, fand eine eingehende Besprechung über die nächsten Reichstagswahlen statt und wurde über die Finanzlage des Zentralvereins berichtet. Wie wir erfahren, ist für die nächsten Reichstagswahlen erfreulicherweise ein gemeinsames Vorgehen des Zentralvereins und des Abwehrvereins gesichert. — In der öffentlichen Nachmittagssitzung erfolgte zunächst der Bericht des Vorstandes über seine Tätigkeit in den beiden letzten Jahren seit dem vorigen Delegiertentage und die Besprechung desselben bzw. Berichte der Landesausschüsse und.Ortsgruppen. Wir entnehmen dem schriftlich erstatteten Vorstandsberichte, daß der Verein in den abgelaufenen zwei Jahren die Zahl .seiner Einzelmitglieder von zirka 23 000 aus 28 600 erhöht hat. Die Anzahl der korporativ angeschlossenen Verbände ist gleichfalls erheblich gewachsen, so daß der Verein jetzt über 140000 deutsche Juden vertritt. Trotzdem steht der Propaganda und Organisation noch ein weites Feld offen, insbesondere soll dem Zentralvereinsgedanken auch in den kleinen und kleinsten Plätzen Boden gewonnen werden. In den Großstädten, mit Ausnahme von vielleicht Frankfurt, Hannover und Breslau, wo große Erfolge zu verzeichnen sind, läßt die Verbreitung des Vereins noch manches zu wünschen, besonders gilt dies auch von Berlin. Gänzlich darnieder liegt die sehr notwendige Propaganda in Westpreußen und in Elsaß-Lothringen, deren Bearbeitung aber demnächst entschieden in Angriff genommen werden soll. Auch in Baden ist noch sehr viel zu tun. Landesverbände sind in Ostpreußen, West- Preußen und Posen zurzeit in der Begründung begriffen. — Die Vereinszeitschrift wird jetzt in größerer Anzahl unentgeltlich auch an christliche Kreise versandt, und sobald die Finanzlage des Vereins es gestatten wird, soll sie unentgeltlich auch an sämtliche deutschen Parlamentarier und an sämtliche höhere Beamten und Offiziere geschickt werden. Ein weiteres Tätigkeitsgebiet des Zentralvereins, auf dem mit Erfolg gearbeitet worden ist, war die Bekämpfung des sogenannten literarischen Antisemitismus. Parallel damit lief i die Verbreitung objektiver Literatur, so des Buches des Professors i Dr. Hoffmann: „Der Schulchan Aruch und das Verhältnis der Rabbinen zu Andersgläubigen", die Schrift Cornillis: „Das Alte' Testament und die Humanität", Gustav Freitags: „Ueber den Antisemitismus, eine Pfingstbetrachtung". In dem Bericht wird sodann noch der ungemein ersprießlichen Arbeit bei den politischen Wahlen, in der Rechtsschutztängkeit, in der Frage der Zurücksetzung der Juden im Heere, in der Schächtangelegenheit, gegenüber den: Antisemitismus von Behörden, in den Schulen, in den akademischen Berufen, im Kampf gegen den wirtschaftlichen Antisemitismus und gegen den Antisemitismus in der Presse eingehend gedacht und das energische Vorgehen gegen das Ueberläufertum hervorgehoben. In der Debatte sprach sich Herr Dr. Abel-Essen für eine weitgehende Dezentralisation aus und verlangte, daß nur tüchtige Arbeiter in die leitenden Stellen der Ortsgruppe kom.men mögen, auch müsse jedes einzelne Mitglied mehr herangeholt werden. Er empfiehlt ferner die stärkere Heranziehung der Frauen, insbesondere auch für die Kontrolle der Ortspresse, und betont schließlich die Notwendigkeit zur Begründung von Ortsgruppen gerade in jenen Kreisen, in denen antisemitische Kandidaten aufgestellt sind. Herr Dr. Levy-Freiburg lenkt die Aufmerksamkeit auf die Begründung akademischer Ortsgruppen. Es gelte die Gewinnung der etwa 5000 bis 6000 Studierenden jüdischen Glaubens. Auch Herr Justizrat Salinger-Oppeln ist für eine Dezentralisation und eine Teilung der Arbeit in den Ortsgruppen, damit nicht der Vorsitzende alles allein zu machen habe. Alle Mitglieder müssen Mitkämpfer werden, die Heranziehung der Jugend hält auch er für wünschenswert Auch der Mitarbeit der Rabbiner gedenkt er, sie hätten Erfreuliches geleistet, und wenn sie auch nicht politisch hervortreten sollen, so müssen sie sich doch in unserem Rechtskampfe an die Spitze stellen. Herr Mathematiker Coburger-Ludwigshafen hält die Anregung zur Begründung akademischer Ortsgruppen für nicht der Verfolgung wert und spricht den Wunsch aus, daß die Bildung von Ortsgruppen nicht an eine Mitgliederzahl von 50 geknüpft werde, sondern daß auch bereits bei 25 Mitgliedern Ortsgruppen zuzulassen seien. Dr. Blumenfeld-Kassel ist dagegen für akademische Ortsgruppen, wünscht aber, daß der Zentralverein allen Studentenverbindungen gleichmäßig gegenüberstehen, keine bevorzugen soll. Herr Fränkel-Hamburg gibt ein ungemein interessantes Bild über den erfolgreichen Kampf seiner Ortsgruppe gegen den Deutschnationalen Handlungsgehilfenverein, Referendar Regensbürger- Braunschweig weist aus den Zusammenhang der Jugendvereinsbewegung mit dem Zentralvereinsgedanken hin und wünscht die Förderung der Jugendvereinsbewegung durch den Zentralverein. Damit gelangte die Jugendvereinsbewegnng zur Debatte, und allseitig wird verlangt, daß die Jugendvereinsbewegung unbedingt neutral bleiben müsse. Herr Sanitätsrat Dr Leibolz-Berlin gibt ein Bild der Entwicklung ,des Vereins in Berlin, bespricht die Stellung des Zentralvereins zur Tauf frage und wünscht, daß nach dem Vorgänge des Gemeindeblattes der Gemeinde Berlin das Zenlralvereinsorgan die Austritte aus dem Judentum für das ganze Reich regelmäßig publizieren möge. Prediger Goldmann-Herford tritt für die Abhaltung von Vorträgen selbst dort ein, wo keine Aussicht ist, viele Mitglieder zu gewinnen. Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen wurde über vier eingelausene Resolutionen abgestimmt. Die erste, von Rechtsanwalt Dr. Skalla-Beuthen beantragt, verlangt die Aenderung des Titels der Vereinszeitschrift, und zwar derart, daß aus ihm die Tendenz des Zentralvereins deutlich hervorirete. Der Antrag wird aber abgelehnt. Dasselbe Schicksal erfährt der Antrag des Herrn Sanitätsrat Dr. Leibolz, die Austritte aus dem Judentum im ganzen Reiche in der Vereinszeitschrift zu publizieren. Ein Antrag Bo rin sky-Zerbst, eine Sammlung für einen Wahlfonds zu veranstalten, wird hingegen fast einstimmig angenommen, desgleichen der Antrag Dr. Feldmann-Stuttgart, zum Zwecke der Bildung akademischer Ortsgruppen in den Universitätsstädten Versammlungen abzuhalten. Die Ergänzungswahlen für die nach § 18 der Statuten ausscheidenden Vorstandsmitglieder geben Herrn Arthur Punitzer-Berlin Anlaß, eine stärkere Vertretung des kaufmännischen Elements in dem Vorstand zu verlangen. Ein Antrag Nathan-Bremen verlangt Akklamationswahl der bisherigen Vorstandsmitglieder mit dem Anheimgeben, einige Kaufleute zu kooptieren. Darauf zieht Herr Punitzer seinen Widerspruch gegen die Akklamationswahl zurück, aber Herr Rechtsanwalt Salinger- Berlin nimmt den Antrag Punitzer wieder auf. Es werden danach aus der Versammlung vorgeschlagen die Herren Sally Eisner, Direktor David-Neustadt. Handelsrichter Tietz-Berlin und Meyer Rosenthal-Wetzlar. In der Einzelabstimmung werden gewählt die bisherigen Vorstandsmitglieder Rechtsanwalt Kirschner-Posen, Rechtsanwalt Brodnitz-Berlin, Sanitätsrat Dr. Wiesenthal- Berlin, Dr. Jos. Levy-Günterstal in Baden, S: Weile-Berlin, Stadtrat L. Kalisch, Justizrat Dr. Lövinsohn und Dr. Jon Lehmann, sämtlich Berlin, ferner Rechtsanwalt Dr. Lippmann- Hamburg, Rechtsanwalt M. Abel-Essen, Justizrat Wreschner, Berlin. M. Moszkotvski-Paris und Professor Dr. I. Schneider-