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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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Selbst diese find nicht in der Lage die Wahrheit zu vertreten bzw. zu erforschen. So ist unter den Gelehrten, die im 17. Jahrhundert das Rätsel der Herkunft der Zigeuner lösen wollten, einer der bedeutendsten, der Professor Dr. jur. et phil. Wagenseil, Dozent der orientalischen Sprachen an der einstmals berühmten Universität Altdorf?) Er scheint ein echter Antisemit und ganz der Mann seiner Zeit gewesen zu sein. Als Orientalist scheint er leider oft durch seinen Semitenhaß zu fälschen Schlüssen geleitet worden zu sein. Bei seiner Zigeunerforschung < ist er sicher im Bann der antisemitischen Zeitstimmung des 17. Jahrhunderts, denn er kommt rn seinem Werk „Von der vermutlichen Herkunft der Aigeuner" zu dem sonderbaren . Schluß, daß die Zigeuner die Nachkommen der im 14. Jahrhundert zur Pestzeit verfolgten Juden, die sich in Höhlen verbargen und im 15. Jahrhundert wieder zum Vorschein kamen, seien. War Man früher nur der Ansicht, daß Juden und Zigeuner den gleichen Charakter hätten und darum gleich verdammungswürdig seien, so mußten j etzt die Juden auch für das Dasein der Zigeuner gestraft werden, denn die Ansicht Wagenseils galt lange Zeit in den gelehrten Kreisen für stichhaltig, und die Theologen benutzten sie, um unter Hinweis auf die/durch die Juden im 14. Jahrhundert herbeigeführte Pest das leicht lenkbare Volk, sowohl gegen die Juden als gegen ihre angeblichen Nachkommen, die Zigeuner aufzuwiegeln. Von jetzt ab galt es bei allenBehörden undTheologen als eine ausgemachte Sache, daß Zigeuner verkappte Juden seien, auch daß zwischen den seßhaften Juden und denZigeunern interneBande beständen, und daß letztere den Türken als Kundschafter dienten, während erstere ihnen das Material zum Landesverrat lieferten. Die Behauptungen Wagenseils bilden auch heute noch die Hauptgrundlage des Aberglaubens der Abstammung der Zigeuner von den Juden, oder doch wenigstens den Hauptanreger und Ursprung dieser gänzlich falschen und widersinnigen Anschauung?) Ich möchte daher sie kurz im Auszug anführen. Wagenseil schreibt einfach: „Ich sage, die allerersten Zigeuner sind aus Deutschland gebürtige Juden gewesen." Man merkt sofort an diesem Satz den mittelalterlichen Professor und Gelehrten, der gewohnt ist, daß seine Worte als höchste Weisheit vom Volke angenommen werden. Leider war es ja im deutschen Volk Tatsache, daß jeder, auch der größte Widersinn, vom Volk ohne Kritik angenommen wurde, wenn der Verkündiger desselben einen akademischen- Grad, bekleidete. Noch ist ja dieser Nimbus der gelehrten Welt nicht ganz verschwunden, wenn man auch heute kritischer prüft und wägt. Nur so war es möglich, daß Wagenseils Behauptung allgemein anerkannt wurde, denn seine Beweisgründe für jenen Satz sind - zu schwach, um solche Behauptung zu rechtfertigen?) Zunächst zeichnet Wagenseil nämlich die Pestzeit des 14. Jahrhunderts und weist auf die bekannte Judenverfolgung jener Zeit hin. 4) Die Universität Altdorf gehörte der freien Reichsstadt Nürnberg und wurde 180!/ nach der Einverleibung Nürnbergs in Bayern aufgehoben, ■*)•' Jös. Christoph Wagenseil, Buch von der Meistersinger holdseligen Kunst. Borrede. Nürnberg 1697. Dasselbe ist auch in „Wagenseil, I. Ch., Oe Sacri Rom. Jmperii Libera Civitate Noribergensi, Altdorf 1697 bei W. Kohleri." Der Zigeuneret hno'.oge Tr, H. Wlislocki erwähnt noch ein Werk Wagenseils mit gleichen Behauptungen. „Perä libc; jur." 1695. Dieses ist mir aber nicht bekannt. 3) Eine ausführliche Arbeit über die verschiedenen Thesen! denke ich 1911 als Broschüre, erscheinen, zu lassen. Er führt eine Menge mittelalterliche^ Literatur am um zu zeigen,, wie der Verdacht, daß die Juden Urheber der Pest seien, entstand- und erwähnt die allgemeine Judenverfolgung. „Die verfolgten Juden seien nun teilweise in Höhlen geflüchtet und nach zirka 500 Jahren wiedergekommen, die wiedergekommenen Juden seien die Zigeuner?) Wörtlich schreibt er: „Daß zu derselben Zeit, sehr viel Juden, dem Grimm des wütenden Christen-Pöfels zu entfliehen, alles das Ihrige zurücklassend, ihr Leben zu erretten, mit Weibern und Kindern in die düsteren Wälder und Einöden werden geflohen und hernach, um für den wilden. Thieren sicher zu sehn; und einander in ihrem großen Elend, dergleichen von Anfang der Welt, bis dahin kein Völkerschafft betroffen, zu trösten und hülfliche Hand zu bieten, sich in Gesellschaften zusammen begeben, und zu ihrem Aufenthalt, hin und wieder große Höhlen unter der Erden ausgegraben haben, braucht keines Beweises, sondern ist der für sich selbst gelassenen gesunden Vernunft allerdings gemäß. Wie dann auch vieler Orten dergleichen verborgene große Erd-Löcher mit einem gar kleinen Eingang sich finden, von denen man sich nicht zu sagen weiß, wer sie gemachet, oder zu was sie gedienet. In diesen Grüfften nun lebten die .armen Leuten so gut sie konnten, nehreu sich von Baum-Früchten, Kräutern und Wurzeln wie das Vieh, vermehrten sich auch gleich denselben, hielten aber dabei fest, über ihren Glauben, und wurden die Jungen von den Alten, indem sie ohne das sonst wenig zu thun hatten, in selbigen fleißig unterrichtet."* 2) (Fortsetzung folgt.) iBrim Lämpchm. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. IV. mit Gedalje Liweitzer wagte man nicht, solche Späße zu machen. Man hielt ihn für einen Auserlesenen und das war er auch. Sein Leben war wie das Leben der Heiligen: unausgesetzte Versunkenheit und Enthaltsamkeit. Er sprach wenig, doch war er bescheiden'und freundlich, wenn er angeredet wurde. Er hätte mancherlei Einkommen haben können, doch trug er kein Verlangen danach; er lebte für sich und für den Rabbi, dessen Hausbocher er war. Der Rabbi war ein heiliger Mann, ein großer Gelehrter, und, wenn er jemanden zum Dienste neben sich befahl, so galt dies für eine besondere Auszeichnung. Der Dienst war schwierig genug doch glaube keiner, daß er bezahlt wurde — keine Spur. Der Hausbocher bekam bloß das Quartier vom Rabbi und einen Kosttag, wie viele andere Bocher auch. Wenn er nicht an den übrigen Tagen der Woche fasten wollte, so mußte er bei den wohlhabenden Familien Kosttage annehmen. Am Sabbat bekam Liweitzer die Kost im Eschkelesschen Hause, darum wartete er jetzt im Speisezimmer. . Als Bereite ihn erblickte, freute er sich. Es tat ihm wohl, daß sich außer ihm noch ein anderer armer Mensch in'der *) Der Originalität wegen sei bemerkt, daß er zum Beweis eine hebräische Stelle des mittelalterlichen jüdischen Schriftstellers R. David Ganz aus Zemnach David abdruckt. 2) Sperrungen vom Verfasser. Ich lasse die altdeutsche Ausdrucksweise stehen.

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