Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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aufrechter Gang und artikulierte Sprache. Wer diese drei Merkmale besitzt, gehört zum obersten Artbegriff Mensch. Der Unterschied also zwischen Mensch und Tier gehört zur Natureinteilung, die Trennung der Menschen untereinander nach. Haut- und Haarfarbe, nach Augenschnitt und Schädelbildung, nach Haarkleid und Nasenbildung, nach Skelett und Schienbein, nach Lippen- und Ohrensorm, das alles gehört nicht mehr zur Natureinteilung, sondern nur noch zur Schuleinteilung. In der Schuleinteilung der Menschen nach Raffen gehen denn auch die Forscher vollständig auseinander. Schopenhauer nimmt an, die Urheimat des Menschengeschlechts sei die heiße Zone gewesen, also seien die Menschen von Farbe immer schwarz gewesen. — Je mehr die Menschen nach dem Norden vordrangen, desto mehr, meint Schopenhauer, sei ihre Hautfarbe abgebleicht. Im Norden erst entstehen weißgebleichte Stämme, die im Kampfe mit der spröden Natur Zivilisation erzeugen. So kenn Huxeley z. B. nur zwei Rassen, nämlich hell- und dunkelfarbige, Linne, der sich auf die biblische Einteilung stützt (Sem, Ham, Japhet), verficht jene Theorie von den drei Rassen, welche auch von heutigen Anthropologen vielfach geteilt wird, indem sie nur Weiße, Negroide und Mongoloide als wirkliche Rassen gelten lassen. Denn Rasse heißt jetzt nichts anderes, als Dauermerkmal des Typus Mensch. Ein solches Dauermerkmal bildet die Hautfarbe. Der Neger kann aus seiner „Rasse" nicht austreten, d. h. das Dauermerkmal seiner schwarzen Farbe nicht aufgeben. (Eventuell erst nach Generationen.) Die Einteilung der Menschen also nach solchen Dauermerkmalen, die unaufgebbar sind, hat nicht nur orientierenden Wert für das Gedächtnis, sondern auch methodologisch einen guten Sinn, wenngleich sie nur Jnduktionsschlüsse gestattet. Die Klassifikation der drei Hauptthpen von Menschen nach dem unaufhebbaren Dauermerkmal der Haut- und Haarfarbe hat nach alledem logisches und methodologisches Daseinsrecht. Es ist zwar immer noch keine Natureinteilung, zumal diese drei Rassen demselben Zeugungskreis angehören, aber eine sehr brauchbare Schuleinteilung. Die weitere Spaltung der drei Rassen in Unterarten- Varietäten oder Spielarten, wie etwa die künstlichen Begriffsbildungen von „Arier" und „Semiten" haben nur noch den Wert einer orientierenden Nomenklatur. Diese Unterschiede hat nicht mehr „Mutter Natur" mit ihrem ewigen Eichstempel geprägt, sondern die „Stiefmutter" Geschichte. Vor Mutter Natur sind alle Menschen gleichartig, aber Stiefmutter Geschichte hat uns gespalten. Für uns Juden war die Geschichte zudem nicht bloß Stiefmutter, sondern vielfach Rabenmutter. Nur Gelehrtenspürsinn hat künstlich Rassenunterschiede geschaffen, um einen übersichtlichen Katalog menschlicher Gruppen mit übereinstimmenden Merkmalen behufs leichterer Orientierung anzufertigen. Die Rassentheoretiker klassifizieren die Menschen nach völlig subjektiven Wertmaßstäben. Ihre Benennungen sind willkürliche, ihre Inventaraufnahme der Menschen ist parteiisch, und deshalb muß auch ihre Bilanz eine fasche sein. Sie verwechseln Titel mit Gesetz, Name mit Sache, ihre subjektive, künstlich zurechtgemachte Schuleinteilung mit einer objektiv gültigen Natureinteilung. Nach unserer Analyse des klassifikatorischen Begriffs „Rasse" müssen wir daher auf die uns beschäftigende Hauptfrage: gibt es eine jüdische Rasse? mit einem vollen und runden „Nein" antworten. Der Natureinteilung nach fallen wir nur unter den obersten Artbegriff: „Mensch". Will man aus mnemotechnischen Gründen die Linnssche Einteilung in drei Rassen gelten lassen, so bilden die Juden wieder keine besondere Rasse für sich, sondern sie gehören klassifikatorisch zur „weißen" Raffe, dem „Homo Lurovaeus" (Linne), weil sie sich von den Mongoloiden und Negern deutlich abheben; denn zum Begriff „Raffe" gehört, auch auf Menschen angewendet, die Unaufhebbarkeit eines dauernden Rassenmerkmals von. unaufgebbarer Vererbbarkeit. Solche Dauermerkmale fehlen. Der italienische Jude z. B. ist vom italienischen Nichtjuden schwer zu unterscheiden. Liegen aber keine Unterscheidungsmerkmale vor, die den einen Dauertypus von dem anderen deutlich und unzweideutig abheben, so haben wir kein logisches Recht, einen besonderen Rassenbegriff zu konstruieren. Wir können von einem besonderen Habitus, einem besonderen Typus, vielleicht auch von einer besonderen seelischen Struktur der Juden sprechen, niemals aber von einer besonderen jüdischen Rasse. Soll dies heißen, daß wir überhaupt die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden in Gesichtsausdruck und Habitus, in Temperament und seelischer Verfassung leugnen? Keineswegs. Nur führen wir diese Divergenzen' nicht auf einen Naturprozeß, sondern auf einen Geschichtsprozeß zurück. Wären diese Unterschiede, wie die Rassensanatiker behaupten, naturgesetzlich durch das Blut festgelegt, so daß unser Rassenblut unser Schicksal für alle Zeit bestimmte, dann freilich gäbe es diesem Fatum gegenüber kein Entrinnen (Amor fati, sagt Nietzsche). Wird sich uns aber zeigen, daß der Prozeß der Geschichte an dieser Spaltung seit zwei Jahrtausenden unablässig gehämmert hat, so können wir frohgemut und zuversichtlich der künftigen Gestaltung unseres Schicksals ent gegensehen. Wir nehmen unser Geschick in unsere eigene Faust. Wir sind selbst Schmiede unseres Glückes. Wir lassen uns von der Mystik des Blutes kein Schicksal ausnötigen. Der fatalistische Glaube an jüdisches Rassenblut erweist sich im Lichte einer logisch-methodologischen Überprüfung von Umfang und Inhalt des Begriffes „Rasse" nur als Irr- und Aberglauben, als politische Legendenbildung, als eine neue Abschattung des unheimlich alten und empfindlich weit verbreiteten Märchens, das auf uns seit Jahrtausenden wie ein Alpdruck lastet. Die Lehre vom jüdischen Rassenblut ist nicht anderes als ein modernes Blutmärchen. (Fortsetzung folgt.) E Llgeuner und Juden. Historisch-ethnologische Studie von Fr. Wilh. Brepohl-Wiesbaden. IL ie heimatlosen Juden des 12. bis 16. Jahrhunderts, ein einst fleißiger und sittsamer Bestandteil der Bevölkerung Deutschlands, nun ihrer Habe beraubt, aber dennoch ein charakterfestes, treues und männliches Volk. Sie hätten ja nur ihren Glauben verleugnen und die Taufe annehmen brauchen, um in Ruhe und Wohlstand leben zu können. Aber gerade diese Ueberzeugungs treue und Charakterstärke der armen Unglücklichen wurde in jener Zeit bigotter Unduldsamkeit als Verstocktheit und Verworfenheit angesehen." Der Zigeuner dagegen erscheint als ein arbeitsscheuer Geselle, diebisch und betrügerisch, der nie etwas anders getan, als bettelnd die Lande durchzogen. Allein zu solchen näheren und logischen Vergleichungen und Betrachtungen war man damals nicht fähig. Zigeuner und Juden treten als heimatlose Menschen aus — vulgo sie sind gleicher Qualität. Das war das Urteil jener Zeit. An eine objektive Betrachtung der Verhältnisse dachte man nicht. Diese Verquickung der beiden, sowohl ihrer historischen Erscheinung, wie ihrer