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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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wissenschaftliche Antiquariat von Leo S. Olschki in Verona einzutreten. Sechs Jahre war er Buchhändler. Im Frühjahr 1895 gab er den Beruf auf, ging nach Berlin und trat als Volontär in die Redaktion des Berliner Fremdenblattes. Nur ein Jahr gehörte er dem Journalismus an, dann lebte er als freier Schriftsteller in Berlin und zuletzt in Weimar. Samuel Lublinkis Name gehört der Geschichte deutschen Schrifttums und deutschen Geisteslebens unauslöschbar an. . Lublinski hat in seinen literarhistorischen Werken dargelegt, wie Literatur und Gesellschaft im 19. Jahrhundert einander bedingten und bestimmten, ist Shakespeare und Schiller mit klarem und besonnenem Blicke in ihr Reich gefolgt und hat Größe und Bedeutung der „Moderne" mit strenger und exakter Richtschnur gemessen. In seinen religionsgeschichtlichen Schriften versuchte er, die Entstehung des Urchristentums und des Christusdogmas durch kühne und scharfsinnige Verwertung der neuesten mythologischen Forschungen einheitlich zu erklären. Er strebte in seinen dramatischen Dichtungen den edelsten Idealen mit ernstem Willen nach und rührte in zwei wenig , bekannten und dem Umfangt nach geringen, aber gedankenschweren Büchern „Vom unbekannten Gott" und „Die Humanität als Mysterium" mit ehrfürchtigem Finger an die letzten Geheimnisse des Geistes. . Aber awdfj das Judentum wird Samuel Lublinski nicht vergessen. Unter denen, die sich in unseren Tagen an der Psychologie und Geschichtsphilosophie des Judentums versucht haben, steht Lublinski in erster Reihe. In seiner Studie über V den Antisemitismus (1896) gab er eine Analyse des Judenhasses, seiner Ursachen und seiner Wirkungen, die an Tiefe der Einsicht und an Folgerichtigkeit der Darstellung nicht ubertroffen worden ist. Eine Reihe von Aufsätzen folgte (1897 und 1898), die die seelische Situation des modernen Juden' charakterisierte und aus den historischen Schicksalen des Stammes ableiteten, von einer psychologischen Anschauung^ echtheit und Wahrhaftigkeit, die von den vagen Konstruktionen der Rassentheoretiker aufs glücklichste absticht. Ein Buch über die jüdischen Charaktere bei Hebbel, Grillparzer und Ludwig (1898) wandte die neugewonnene Erkenntnis mit feinsinnigem Verständnisse der schwierigen Ausgabe auf literaturgeschichtliche Motive an. Endlich ging Lublinski in der Schrift „Die Entstehung des Judentums" (1903) an die schwerste aller historischen Fragen, an die nach dem Verhältnis des Judentums zum Christentum. Diese Schrift war eine erste Skizze. Mit größerer, reiferer Kraft nahm Lublinski den Gegenstand in seinem Werke über das Urchristentum wieder auf. Was in diesem an Wissen und Wissengestaltung, an Gedankenmacht und Gefühlsinnigkeit gleich reichen Buche über die jüdischchristliche Frage gesagt ist, faßt sich in dem prägnanten, bedeutsamen Satz zusammen: „Die nationale und monotheistische Ausschließlichkeit macht es dem Judentum möglich, in seinem Schoß das endgültige Mysterium zu erzeugen, nach dem die' Zeit strebte." Die Parteinahme für die mythologische Auffassung des Lebens Jesu brachte Lublinski mit Männern zusammen, die' nicht unbefangen wie er, sondern aus antijüdischer Tendenz diesen Standpunkt vertraten. Ihm war diese Verquickung unverständlich, er trat ihr energisch entgegen, und noch^ kurz vor seinem Tode schrieb er einem von jenen, dem Polen Niemojewski, um ihn von der Widersinnigkeit seines Antisemitismus zu überzeugen. Lublinski hat in der ersten Epoche seiner schriftstellerischen Laufbahn sich fast ausschließlich mit jüdischen Problemen beschäftigt, dann wandte er sich menschheitlichen Fragen zu. Aber auch da blieb er in seinem Wesen, in seiner Art, in seinem Lebensgefühl Jude. Jüdisch war sein titanisches Ringen nach den höchsten Zielen unter den schwersten Bedingungen. Jüdisch war sein reiner, allen kleinen Nutzzwecken ferner Sinn, jüdisch die ernste Treue, die er der Idee hielt. Und jüdisch im Sinne der großen Zeit des Judentums war sein urtiefes, religiöses Grundgefühl, das ihn auch da bestimmte, wo er für den oberflächlichen Blick in der Negation zu stehen schien. Er war ein wahrhafter Jude, eifrig und eifernd, keinem gehorchend als der inneren Stimme, nach keinem Gute strebend als nach der Wahrheit und ihrer Sprache, gespannt im Willen, gesammelt in der Arbeit, ein Heros der unsichtbaren Kämpfe, der stillsten Siege. Mitten in der Arbeit, mitten im Kampfe trat ihn der Tod an, aus der Fülle des Traumes und der Hoffnung ging er hinweg. Sein Gedächtnis wird in uns fortleben . als das eines modernen, eines tragischen, eines repräsentativen Juden. Das Kallrnproblem und das Judentum. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. III. Logisch-methodologische Bedenken. er Ausdruck „Rasse" ist von Hause aus vieldeutig und in seinem Geltungsumfang verschwommen. Mit Vorliebe wird er in Viehzüchterkreisen und in der Sportliteratur auf Tiere angewendet, bei denen die „reine Rasse" eine besonders hohe Wertung genießt. Friedrich der Große nahm aber keinen AnstaNd, den Ausdruck Rasse auf das ganze Menschengeschlecht zu übertragen. So schrieb er einmal seinem „vortrefflichen" Sulzer: „Mon eher, vous ne connaissez pas celte maudite rage ä la quelle nous appärtenons?" Im Deutschen begegnet Uns etymologisch das Wort Rasse in Reissa-Riß, das uns in der Zusammensetzung: Umriß, Aufriß, Grundriß geläufiger ist. Man verstand unter „Rasse" anfänglich ein pures Klassifikationsprinzip, d. h. die Einteilung von Individuen nach übereinstimmenden Merkmalen. Mit der Aufstellung von Klassifikationen nach logisch fundierten Einteilungsprinzipien beginnt jede höhere Wissenschaft. Die Grammatik ordnet die Sprache nach Redeteilen, die beschreibenden Naturwissenschaften die drei Reiche nach Arten und Gattungen, die Logik alle Gedanken nach Kategorien. Jedes Einteilungsprinzip gehört aber seiner wissenschaftlichen Wesenheit nach zur Domäne der logischen Methodenlehre, welche darüber zu entscheiden hat, ob ein gefordertes Einteilungsprinzip sich logisch rechtfertigen lasse, ob es ferner als Artbegriff oder Gattungsbegriff gelten könne oder nur als Unterart oder gar als „Spielart", als „Abart", als „Varietät" aufzufassen sei. Logiker von hohem Rang. lehnen den klassifikatorischen Begriff „Rasse" als zulässiges Einteilungsprinzip für Menschen radikal ab. So hält z. B. der englische Logiker John St. Mill die Ableitung der Verschiedenheit der Menschen in Lebensführung und Charakter von den angeblichen Rasseneigentümlichkeiten für den vulgärsten aller historischen Erklärungsversuche, und der große englische. Historiker Thomas Buckle tritt dieser unbedingten Verneinung Mills vorbehaltlos bei. Zum selbe,! Ergebnis gelangt der Ethnograph und Sprachforscher Friedrich Müller, der mit epigrammatischer Schärfe unwillig ausruft: „Raffe ist eine leere Phrase — ein purer Schwindel." „Die Völker in ihrer Wiege vertauscht," sagt der Rechtsphilosoph Rud. v.Jhering, „und aus den Semiten wären die Arier und aus den Ariern die Semiten geworden." Im Zusammenhang damit mag an den bekannten Aphorismus aus dem Nachlaß Nietzsches erinnert werden: „Mahnung: mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." Der

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