Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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theologischen Studien einschränkte. Um späterhin das Rektorexamen machen zu können, hörte er zur selben Zeit auf der Breslauer Universität pädagogische, philosophische und historische Vorlesungen. Hierbei erwachte sein unbezwinglicher Trieb zum Studium, und er begab sich unter großen materiellen Schwierigkeiten. 24 Jahre alt, wieder auf die Schulbank; im Jahr 1870 bestand er, 28jährig, auf dem Lissaer Gymnasium das Abiturientenexamen. Im Kriegsjahre diente er. In den folgenden Jahren studierte er zuerst Medizin und Naturwissenschaften, später Germanistik, Lateinisch und Griechisch, welchen Fächern er sein ganzes Leben hindurch mit inniger Liebe oblag, obwohl widrige pekuniäre Verhältnisse ihn bald zwangen, sein Studium vor dem natürlichen Abschluß desselben aufzugeben und auf den Erwerb des Lebensunterhaltes bedacht zu sein. Er trat 1877 in die Schuldienste der Berliner jüdischen Gemeinde. Seit etwa der gleichen Zeit gab er den jüdischen Religionsunterricht an zwei Berliner Gymnasien, am Köllnischen Gymnasium und am Grauen Kloster. Durch seine über ein Menschenalter währende Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen sah der Verstorbene mehrere Generationen als seine Schüler, und nicht selten unterrichtete er die Kinder früherer Schüler. Neben seiner belehrenden Tätigkeit .versah er in verschiedenen Berliner Gefängnissen unentgeltlich die Seelsorge bei den jüdischen Strafgefangenen und sorgte dafür, daß sie nach ihrer Entlassung nicht der Not ausgesetzt waren. In seinen Mußestunden arbeitete er wissenschaftlich, selten sah man den eifrigen Mann ohne Beschäftigung, und Krankheit war kein Grund für ihn zum Feiern. Seine Erscheinung und sein Wesen, haftete im Gedächtnisse eines jeden, der mit ihm zu tun hatte. Die Mühen seines arbeitsreichen Lebens hatten sein Aeußeres rauh gemacht, aber seine unermüdliche Arbeitskraft und Pflichttreue, seine rechtliche Gesinnung und strenge Lebensauffassung und besonders die Selbstlosigkeit, mit der er sich für jeden einsetzte, der ihn urn etwas anging, erwarben ihm Liebe und Achtung bei allen, die ihn näher kannten. Am Freitag, 10. Februar, wurde er unter großer Beteiligung in Weißensee an der Seite seiner ihm vor vier Jahren vorausgegangenen Gattin beigesetzt. Da er sich eine Grabrede durch Fremde verboten hatte, würdigte sein Schwiegersohn, Rabbiner Dr. Emil Levy, in wenigen Worten die Verdienste des Verstorbenen. ^V.Ans -er Provinz Posen, im Februar. Posen. Im Jahre 1815 bestanden in der Provinz Posen 273 evangelische, 157 katholische, 18 simultane, 5 jüdische Volksschulen'; 1852 waren es 800 evangelische, 1109 katholische, 5 simultane. 73 jüdische. - In diesen 37 Jahren sind also die jüdischen Schulen von 5 auf 73 gestiegen; sie haben sich verfünfzehnfacht, während sich die christlichen Schulen nur vervierfacht haben. Die Statistik für jetzt wird leider eine starke Verminderung der jüdischen Schulen aufweisen. — Wreschen. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 hatte die hiesige Stadt 7264 Einwohner,. 1760 evangelische, 5184 katholische, 320 jüdische. Vor einer Reihe von Jahren zählte die jüdische Gemeinde noch 864 Seelen. Der starke Rückgang ist eine Folge der Ausn eisungen, noch mehr aber der Flucht nach dem Westen. Unter solchen Umständen leiden die öffentlichen Veranstaltungen und Wohltätigkeitsinstitute sehr. Einer der ältesten Mitbürger hiesiger Stadt ist am vergangenen Donnerstag zu Grabe getragen worden. Der Rentner Aron Jona Wittig ist nach kurzem Kranksein gestorben. Der Dahingeschiedene war ein strenggläubiger Jude und hat die Vorschriften und Gebräuche bis in das kleinste beobachtet. Früh und abends war er der erste unter den Betenden und nach beendetem Gottesdienste beschäftigte er sich fleißig mit Lernen und Thorasorschen. Im Sterbehause sprach Herr Gemeinderabbiner Dr. Lewin Worte des Trostes für die Leidtragenden; die Trauerrede machte auf die Versammelten einen nachhaltigen Eindruck. Bei der Beerdigung waren alle Stände der Bürgerschaft vertreten. — Wollstein. Sein 169jähriges Stiftungsfest feierte der hiesige jüdische Wohltätigkeits-, Krankenpflege- und Beerdigungsverein. - An dem Festessen beteiligten sich außer den Herren auch viele Damen als Mitglieder der genannten Vereine. Der Vorsitzende, Beigeordneter Krause, begrüßte die Erschienenen und gab eine kurze Jahresübersicht. Der Kassenbericht schloß mit einer Einnahme von 2299 Mark und einer Ausgabe von 316.11 Mark. Der Vorstand hat Herrn Krause aus Anlaß seines Scheidens aus Wollstein in Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenmitglieds ernannt, und überreichte ihm ein Diplom. Lehrer Becker hielt die Festrede. --- Breslau, 17. Februar. Vor kurzem fand hier die erste ordentliche Mitgliederversammlung des j ü di sch en I ugen dVereins statt. Nach Vorlegung des Geschäfts- und Kassenberichts erhielt der bisherige provisorisch gewählte Vorstand Entlastung. Aus dem Geschäftsbericht möchten wir hervorheben, daß der Verein in der kurzen Zeit seines Bestehens bereits eine Chanukafeier und drei Vortragsabende veranstaltet und regelmäßige Freitag-Abende eingerichtet hat und daß er 248 ordentliche, 67 außerordentliche und drei immerwährende Mitglieder zählt. Die Versammlung trat darauf in die Beratung der Statuten ein, bei der Herr Martin Friedländer die Berichterstattung übernommen hatte. Als einschneidende Aenderung erwähnen wir, daß die Versammlung beschloß, von nun au auch Damen in den Verein aufzunehmen. In der darauf folgenden Vorstandswahl wurde Herr Rechtsanwalt Samuel Nothmann durch Zuruf zum ersten Vorsitzenden wiedergewählt. Zum zweiten Vorsitzenden wurde Herr Eugen Mittwoch gewählt und in zwei weiteren Wahlgängen noch zwölf Herren. Gesterrejch-Angarn. K. Wien, 14. Februar. Die Leichenfeier für Albert Freiherr v. Rothschild, die heute vormittags stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung aller gesellschaftlichen Kreise der Residenz Galt es doch, dem ersten Kaufmann der österreichisch-ungarischen Monarchie, dem größten Wohltäter des Reiches, dem edlen Beschützer und Förderer jeder kulturellen- und humanitären Bestrebung die letzte Ehre zu erweisen. In der massenhaften Beteiligung, in der ehrlichen.Trauer, die auf aller Mienen lag, kamen die starken Sympathien, deren sich der Verewigte erfreute, zu deutlichem, beredtem Ausdruck. Es würde den Nahmen eines Berichtes weit überschreiten, wollte man versuchen, nur annähernd all die Trauergäste aufzuzählen, die gekommen waren, dem Chef des ' Wiener Hauses S. M. v. Rothschild das letzte Geleite zu geben. Vom Vertreter Seiner Majestät des Kaisers Franz Jose', der den Hinterbliebenen als erster sein Beileid aus schriftlichem Wege zum Ausdruck brachte, bis zum einfachen Bergknappen, ter auf den Rothschildschcn Bergwerken bescläftigt ist, war alles, was Namen und Rang hat, erschienen, um an der Leichenfeier leilzunehmer,. Unter den Trauergästen befanden sich unter anderen: der Vertreter des Erzherzogs Franz Salvator, das Gesamtministerium der österreichischen und ungarischen Monarchie, das gesamte diplomatische Korps, die Vertreter aller beim Wiener Hof akkreditierten auswärtigen Mächte, ferner die Hocharistokratie, Vertreter der Finanzwelt, der Kunst und Wissenschaft, der Presse, die Vorsteher aller kulturellen und humanitären Vereine und Anstalten, der Vorstand der Kultusgemeinde, das Rabbinat usw. Um 11 Uhr nahm die Trauerseier ihren Anfang. Nach dem Absingen eines Trauerpsalms wurde der einfache, schmucklose Sarg auf den Galawagen gehoben, und der Trauerzug setzte sich nach dem jüdischen Friedhose in Bewegung. In der Zeremonienhalle widmete Oberrabbiner Dr. G üdemann demDahingeschiedenen einen kurzen, ergreifenden Nachruf. Großen Eindruck machten folgende Worte: des Oberrabbiners: „Von einer vertraulichen Aeußerung, die ichimLaufe von 40 Jahren von ihm vernommen habe, muß ich heute sprechen, weil sie seine Stellung zu unserem Glauben beleuchtet, und ich halte es für meine Pflicht, diese Note anzuschlagen, damit man erfahre, wie er als Jude von sich dachte. Er sagte mir vor vielen Jahren die Worte, die mir in Erinnerung geblieben sind: „Wenn ich jemals etwas tun sollte, wodurch ich nach Ihrer Meinung dem Judentum Unehre bereiten würde, dann bitte ich, mich darauf aufmerksam zu machen." Er hat mir aber nie Gelegenheit dazu gegeben. Dr. Güdemann schloß mit den Worten: „So will ich denn mit dem Wunsche von ihm Abschied nehmen, den einst — nach den Worten unserer Weisen — ein Wanderer an einen Baum richtete, der für sich allein alles besaß, was ein Baum nur wünschen konnte. Jener Wunsch lautete: Mögen Deine Schößlinge dir gleichen." — Entsprechend dem letztwilligen Wunsche des Verblichenenwurden keine weiteren Trauerreden gehalten. Um 1 Uhr hatte die Leichenfeier ihr Ende erreicht, und man verließ den Gottesacker mit dem Bewußtsein, einen edlen Menschen und glaubenstreuen Israeliten für immer verloren zu