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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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MMMHMEKKGHWMW die Kurzschädel für sie degenerierte Rassenproletarier sind, führt völlig in die Irre. Judt hat in seinem Werke „Die Juden als Rasse" (1901) durch genaue Messungen an Schädeln der Juden, an Haut-, Haar- und Augensarbe,. endlich an der Körpergröße der Juden sestgestellt, daß die Juden gar keine „Semiten" sind. Denn die Semiten zeichnen sich durch Langschädligkeit aus, während die Juden 60 bis 80 Prozent Brachyzephalie aufweisem Uebrigens hätte Sombart, der den Rassenunterschied zwischen Sephardim und Aschkenasim allzu nachdrücklich betonte, ohne hinzuzufügen, daß diese rassentheoretische Unterscheidung schon 1863 von Vogt aufgestellt worden ist, aus den Untersuchungen von Judt (1901) lernen können, daß der angebliche Rassenunterschied zwischen Sephardim und Aschkenasim eitel Dunst ist. Judt hat vielmehr auf experimentellem Wege festgestellt, daß die Zahl der Brünetten unter den Sephardim nicht größer ist als unter den Aschkenasim. Eine jüngere Untersuchung von Weißenberg (Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 1905, S. 5) tritt zwar der Jüdischen Lehre von der Brachyzephalie der Sephardine entgegen, gelangt aber in der uns hier in erster Linie interessierenden Hauptfrage zu demselben Resultat wie Judt, daß nämlich die Juden fälschlich zu den Semiten gezählt werden. Denn die rein semitischen Stämme, wie die Beduinen, seien bis 90 Prozent Dolichozephale, während die Juden umgekehrt bis zu 80 Prozent Brachyzephalie ausweisen. Endlich sei hier der Standpunkt des jüngsten Rassentheoretikers, Dr. Ignaz Zollschan, „Das Rassenproblem", Wien, Braunmüller 1910, angereiht, wonach sich sichere, unverrückbare Grenzen zwischen den Rassen nicht ziehen lassen. Alle Rasseneinteilungen nach Schädelform und Haarfarbe sind unbrauchbar. Die Wertung des Menschen vollends nach Intelligenz und Charakter, wie sie Chamberlain und Woltmann auf Grund der Dolychozephalie ausstellen, scheitert an der Erfahrung des Alltags. Sokrates, Bismarck, Luther, Laplace/ Napoleon, Pascal, Rahhael u. a. sind typische Beispiele von Rundköpsen. Deutsche Dichter und Philosophen vollends, wie Schiller, Hamerling und Schopenhauer, namentlich aber Leibniz und Kant waren Hyperbrachyzephale. Kant z. B. überschritt , um 3,5 °/0 die Grenze der mittleren Kurzköpfigkeit, Leibniz gar um 5,3 o/o (er hatte eine Schädelkapazität von 90,3 °/o). Soll also Kurzköpfigkeit Degenerationserfcheinung und besonders für Juden kennzeichnend sein, so wäre Leibniz ein „jüdischer Kops" par excellence. Ein gleiches gilt natürlich von der Haarfarbe und der Nasenbildung. Beethoven hatte tiefschwarzes Haar, Gesichtsfarbe und Haare ganz dunkel. Und was endlich den hohen Wuchs betrifft, den Chamberlain für kulturschöpferisch hält, sosei daran erinnert, daß der Zwerg Lichtenberg den deutschen Aphorismus geschaffen (von Mendelssohn nicht zu sprechen), daß die Pygmäe Windthorst ein gut Stück deutscher Geschichte gemacht, daß der Liliputaner Ranke sie mit ehernem Griffel geschrieben, und das Heinzelmännchen Menzel die Großtaten des deutschen Volkes mit seinem Meisterpinsel festgehalten und verewigt hat. Die Größe des Geistes läuft der Hünenfigur nicht immer parallel wie bei Bismarck, dessen Heldengestalt der politischen Mythologie des allbezwingenden Arier- oder Germanentypus offenbar zu Modell saß, sondern in den meisten Fällen verhalten sie sich umgekehrt proportional. Der englische Lordkanzler Franz Bacon sagte einmal von einem französischen Gesandten, Marquis de Noailles, der durch seine Körperlänge alle überragte, seinem Könige folgende Bosheit, als er ihn über seine Meinung nach den geistigen Qualitäten des Botschafters befragte: Sire, besonders hochgewachsene Männer gleichen Häusern mit fünf Stockwerken, in denen der fünfte Stock, der oberste, der Dachstock, bekanntlich am schlechtesten eingerichtetzu sein pflegt. Etwasnüchterner meinte schon Demokrit: Homo longus, raro sapiens. Strätz hält geradezu die kleinen, gedrungenen und kurzköpfigen Leute:im Durchschnitt für begabter und klügerals die hochgewachsenen. Alle diese Stimmen führe ich nicht etwa an, um sie den Rassentheoretikern als entkräftendes Beweismaterial gegenüberzustellen. Ich halte vielmehr die Theorien der Dühring und Konsorten für ebenso vage Verallgemeinerungen wie die von Stratz. Die Berufung auf Autoritäten läßt uns völlig im Stich. Kommen mir. die Rassentheoretiker mit Namen wie Moritz Wagner, Gobineau, Richard Wagner, Lapouge und andere, so stellen wir ihnen Forscher vom Range eines Virchow, Taylor, Mortillet und andere entgegen, welche dem brachyzephalen Menschen geradezu die geistige Ueberlegcnheit zuschreiben. Solche Stimmen werden nicht gezählt, sondern gewogen. In der Wissenschaft entscheidet man nicht nach Majorität, aber ebensowenig nach Autorität. Wir beugen uns heute nicht mehr wie. ehedem die Anhänger des Pythagoras etwa, einem. äu-röe eW, sondern wir sagen mit Horaz: nullius jorare in verha magistri. \ Wir schwören auf Niemandes Wort. Auch in der Wissenschaft hüben wir den Absolutismus überwunden und für immer verabschiedet. Wir verlangen Autonomie. „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit" (Bacon, Telesius). Jede Zeit hat ihre Wahrheit. Das Alter allein ist keine Bürgschaft; denn.die Alten sind die Jungen, und die Jungen sind die Alten. Wir wissen, was jene gewußt haben; sie aber konnten nicht vorausahnen, was wir finden würden. Wir sind die Alten. Deshalb haben wir das unbedingte Recht auf wissenschaftliche Selbstbestimmung, wie auch die Pflicht zur Selbstbesinnung. Darum lassen wir uns auch unser wissenschaftliches Kredo nicht mehr von Autoritäten aufnötigen, sondern wir bahnen uns selbst den Weg durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Wollen wir uns selbst zur Klarheit darüber durchringen, ob die Juden eine besondere Rasse bilden oder dem semitischen Raffentypus zuzuzählen sind, somit nach Dühring und Chamberlain einer inferioren, verderbten, kulturunfähigen Rasse angehören, so werden wir weder nach der Majorität der Adepten, noch nach der Autorität der Vertreter dieser oder jener Ansicht fragen, sondern die Ueberprüfung dieser Lebensfrage des Judentums der eigenen Untersuchung Vorbehalten. Wir beginnen mit einer Begriffsaualyse. Wir untersuchen den etymologischen Ursprung und die logische Geltung des klassifikatorischen Begriffs „Rasse", um auf Grund dieser Vorfragen die Entscheidung darüber fällen zu können, ob die Juden unter diesen klassifikatorischen Begriff zu Recht logisch subsummiert werden können. Fortsetzung in nächster Nummer. Seim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsöni. III. Su Mittag getraute er sich kaum nach Hause zu gehen, denn die Frau empfing ihn stets mit den Worten: „Was wird's geben, Ber'ele? Weder Wein noch Kaffee." Berele erwiderte nur immer: „Alles wird da sein, Bruchele." Doch es kam auch der Freitag und noch immer war nichts da.

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