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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
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_ Berele stand frühzeitig auf, doch kam er beim Mittagläuten nicht nach Hause. Die Frau wußte nicht, was sie denken sollte und kam in stiller Selbstquälerei schon zu der Schlußfolgerung, daß es für ein Mädchen überhaupt schade fei, geboren zu werden. Vielleicht wäre ihr diese Gottesästerung sogar laut entfahren, wenn ihr Mann nicht soeben zur Tür hereingetreten wäre. Berele lachte und ächzte in einem Atem und humpelte dabei, sein Bein bald in die Höhe hebend, bald es niederlassend. „Was ist das, Berele?" rief die Frau erschrocken aus. „Nu," sprach triumphierend Berele und sank atemlos auf einen Stuhl hin, „was habe ich gesagt? Nicht wahr, ich habe gesagt, daß Gott helfen wird. Nun, er hat mir geholfen. Bruchele, glaube mir, der Verstand bleibt mir stehen, wenn ich bedenke, was ich für ein glücklicher Mensch bin. Ich bin ein außerordentlich glücklicher Mensch. Habe ich in der Frübe Geld gehabt? Habe ich keines gehabt. Hätten wir die Verlobung hallen können? Wir hätten es nicht können. Und werden wir keine halten? Nun, werden wir's nicht? Warum? Weil wir Geld haben. Schau her, wieviel Geld ich gebracht habe. Sonntag wird Verlobung sein, was für eine Freude, was für ein Glück!" Nun ja, das war es auch, doch Bruchele konnte sich des unerwarteten Segens nicht freuen. Berele war ungewöhnlich bleich und stöhnte selbst während des großen Frohlockens. „Aber was ist Dir geschehen?" frug sie angstvoll. „Ein Glück ist mir begegnet, Bruchele, ein großes Glück." „Aber Du hinkst ja." „Das ist doch das Glück, Bruchele." „Und Dein Bein blutet." „Das ist doch das Glück, Bruchele." Bruchele kniete wortlos neben ihn hin, zog ihm behutsam den Stiefel herunter, stülpte das Beinkleid um und wurde halbohnmächtig vor Schreck, als sie auf dem Wadenfleische eine große, klaffende Wunde erblickte. Sorgsam wusch und verband sie die Wunde und wußte sich so zu beherrschen, daß sie den Schmerz, welcher dabei ihr Herz durchwühlte, gar nicht merken ließ. „Denk' Dir nur, Bruchele," sprach Berele, nachdem seine Wunde verbunden war, „als ich an dem Schloß vorübergehe, steht dort der Verwalter mit seinem Hunde. Ich grüße. Der Verwalter hat nicht .zurückgegrüßt, und so muß der Hund geglaubt haben, daß ich ihn gegrüßt habe und nicht den Verwalter. Deshalb wurde er so wütend, daß er auf mich lossprang und mich biß." „Schma Jißroel!" schrie Bruchele. „Erschrick nur nicht, Bruchele," beschwichtigte sie der Mann, „ich bin genug erschrocken. Denn der Hund hat große Zähne und hat sehr gebissen. Ich bin beinahe umgefallen, und da hat der Verwalter gelacht. „Wohlgeborener Herr Verwalter," sage ich, „ist der Hund nicht toll?" „Toll ist. Dein Großvater," sagt der Verwalter. „Warum hat er mich denn gebissen?" „Soll er etwa mich beißen?" „Gott" behüte," sage ich und bin erschrocken, denn wenn der Verwalter toll wird, beißt er noch anders als fein Hund; wo denkt der wohlgeborene Herr hin? Das fehlte noch gerade, daß dieser Hund den wohlgeborenen Herrn bisse! Ein armer Jude ist gut genug für ihn. Dieser Hund ist ein kluges Tier, bitte, wohlgeborener Herr, auf den Hund nicht böse zu sein." » - —^ - .... ■-> ■- „Der Teufel ist böse," sagte der Verwalter. Ich bin weggegangen. Kaum war ich zehn Schritte weit, schrie mir der Verwalter nach: „Halt, Jude hleib' stehen. Vielleicht gehst Du gar zum Richter?" „Was soll ich beim Richter machen?" sage ich. „Darum," spricht der Verwalter, „ich will es Dir auch nicht raten. Da, nimm, dies ist das Schmerzensgeld." Und er drückte mir dieses Geld in die Hand. Ich bedankte mich und wollte weitergehen. Der Verwalter hieß mich wieder stehen bleiben. „Jud'," sagte er, „aber der Hund hat darum doch recht gehabt." . * * Berele war noch niemals so vergnügt, als seitdem ihn des Verwalters Hund gebissen hatte. Frohsinnig, lächelnd humpelte er zu seinen Bekannten, um sie zur Verlobung einzuladen. Eschkeles ließ er sich bis zuletzt. Berele spekulierte viel darüber nach, wann er Eschkeles besuchen solle. Erst gedachte er auszuforschen, wann bei ihm Gäste sein würden und dann hinzugehen, denn vor Fremden kann man ihm doch kein Geld anbieten, aber er verwarf dann diesen Plan als unpassend — man könnte ihm doch auch diese Zudringlichkeit übel nehmen. Also beschloß er am Sabbat, nach dem Mittagläuten, hinzugehen. Da ging er auch. Man könnte eben nicht sagen, daß es ihm leicht gefallen wäre. Er chatte mit Eschkeles schon oft in dessen Kornkammer gesprochen, und auch vor dem Tempel, aber in seinem Hause war er noch nie gewesen. Wenn er nur nicht so herzlich zu mir wäre — dachte er bei sich und es überlief ihn kalt, gleichsam im Fieberschauer. — Vielleicht wird er mir gar Platz anbieten, und ich muß mich in den weichen Lehnstuhl setzen, und seine Frau wird dort sein und seine Söhne und seine Tochter. Noch nie in seinem Leben war er so befangen, als da er langsam, vorsichtig das Tor öffnete und in den gedeckten Glasflur eintrat. Er fühlte einen Teppich unter den Füßen, und dies war ein sehr unangenehmes Gefühl. Ganz sicher würde er stolpern, wenn nicht jetzt, so später. Wohin er blickte, sah er Blumen in großen, glänzenden Blumentöpfen. — Ob * wohl das Paradies schöner sein kann? — dachte er und ging hüstelnd weiter vorwärts. Er hatte große Angst davor, möglicherweise erst der Frau oder einem anderen Mitgliede der Familie zu begegnen; Gott weiß, wie die aus ihn herabsehen würden. Doch darum ging er nur vorwärts, bis er eine geöffnete Tür fand. Er wickelte das Taschentuch von seiner Faust herunter, wischte sich damit die Stirne, hustete, rieb dann seine kotigen Stiefel an dem Teppich und trat, dann ein. „Gut Schabbes," grüßte er laut und war glücklich, als er keine Antwort bekam. Er blickte um sich und jene hohe Achtung, welche er Reb Kolmen Eschkeles gegenüber empfand, erhöhte sich noch um ein beträchtliches, denn was er sah, das war lauter Glanz und Schimmer. An der Wand waren goldumrahmte Bilder aufgehängt, im Glasschrank standen von Künstlerhand gefertigte Silbergeräte und auf der gedeckten Tafel blinkendes Kristall und Porzellan. Er stand bei der Tür und betrachtete von hier aus die - Pracht, doch nur so, daß er seinen Kopf bald nach rechts bald nach links drehte. Und als er einmal so seitwärts schaute, da sah er jemanden, der gleich einer Bildsäule regungslos dastand. Es war ein großgewachsener Mann in klein wenig 'gebückter Haltung. Den HalS hatte er zwischen die Schultern

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