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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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Ihre jüdische Abstammung ist ihnen natürlich wohl bewußt, aber irgendwelche jüdische Gebräuche haben sie heute nicht mehr. Nur im Berus folgen sie ihren Vorfahren, und sogar weit mehr als die Juden, denn sie sind fast ausschließlich. Kaufleute oder gehören den Berufen an, die man in Deutschland als die „freien" bezeichnet. Lohnarbeiter und Handwerker gibt es, soweit mir bekannt, gar keine unter ihnen. Einige sind nach Konstantin opel verzogen und haben dort sehr große Geschäfte. Die bekannteste Persönlichkeit unter den heutigen Dönmeh ist der tatkräftige türkische Finanzminister Djavid Bey. Es sind kluge und sympathische Menschen von vornehmem Wesen. Zeitungen gibt es hier in Hülle und Fülle in -fünf Sprachen: Türkisch, Französisch, Spagnolisch, Griechisch und Bulgarisch. Die spagnolischen Zeitungen erscheinen in hebräischen Lettern. Die verbreitetste dieser judäofpagnolischen Zeitungen ist die „Epom". Aber auch die französisch erscheinenden Zeitungen werden ganz von Juden geschrieben. Ab.und zu liest man auch etwas vom Zionismus, der aber in Saloniki nur wenig Anhänger mehr hat. Die Leute fühlen sich wohl als einen Volksstamm, treten selbst auch bei freiester Religionsauffassung zu keinem anderen Glauben über, von einer nationalen Absonderung oder gar einer jüdischen Staatsbildung wollen sie aber absolut nichts wissen. Ich bezweifle sogar, ob die Saloniker Juden etwa die Ansiedlungen askenasischer Juden im türkischen Reiche besonders freundlich begrüßen. ®as Kgssenproblem und Das Judentum. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. II. Die Rassentheoretiker. ie Erfinder der jüdischen Rasse sind die sogenannten Raffen-Antisemiten, obenan E. Dühring. Er sieht in ihr absolute Inferiorität in betreff aller höheren Geistesanlagen. Die jüdische Rasse habe eine Unfähigkeit zum Schaffen; sie sei verderbt und inferior. Richard Wagner, Paul de Lagarde, der Rembrandt'-Deutsche (Langbehn), Houston Stuart Chamberlain und Otto Weininger wiederholen im kortissimo bis zum furioso alle jene tödlichen Angriffe, welche Eugen Dühring gegen die von ihm konstruierte jüdische Rasse erhoben hat. Selbst Ernest Renan, der in seiner „Geschichte des Volkes Israel" die höchsten Akzente für das religiöse Genie der Juden gefunden hat und das Judentum nur als Glaubensgemeinschaft, nicht als Rasse gelten lassen will, führt alle ihre Leistungen inkonsequenterweise auf „Rasseninstinkte" zurück. Sogar der Monotheismus sei ein Produkt ihres Raffeninstinktes. Für Religion und Philosophie sei der semitische Rasseninstinkt prädestiniert, aber politische, militärische und organisatorische Instinkte gingen den Semiten, insbesondere den Juden, völlfg ab. Sie schaffen weder Epen noch Dramen, ja Renan spricht ihnen die Fähigkeit ab, Großhandel zu treiben. Genau das Gegenteil von Renan behauptet Professor WernerSombart in seinenbekanntenVorträgen über „Judaismus und Kapitalismus". Für Sombart ist Kapitalismus ein Produkt des jüdischen Nomadentums. Wie Renan den Anteil der Juden an der Entstehung des Großhandels bis zur eisigen Verneinung unterschätzt, so hat Sombart in dem ersten der vier Vorträge den Zusammenhang von Judaismus und Kapitalismus ebenso einseitig überschätzt. Selbst John Law schrieb er fälschlich auf unser Konto. Wie Sombart vollends die Entstehung jüdischen Wesens im dritten Vortrag geschildert und im vierten die jüdische Religion in ' ihrer Bedeutung für' den. Kapitalismus aufgefaßt, das heißt konstruiert und sich zurechtgelegt hat, kann und darf nicht unwidersprochen bleiben. Freilich muß abgewartet werden, chis der endgültige Text in Buchform vorliegt. Die raffenmäßige Ableitung jüdischen Wesens aus dem Blut allein lehnt Mar auch Sombart ab, wenn er gleich die Konstanz der Physiognomien der heutigen Juden mit antiken Reliefs hervoxkehrt. Aber den seelischen Habitus der Juden, aus welchen Abgeschlossenheit, Inzucht, Tradition und moralisches Ghetto eingewirkt haben mögen, möchte Sombart nicht aus dem Rassenblut erklären, zumal die strenge Wissenschaft dem modernen Rassenproblem entweder schlank abweisend gegenübersteht, oder doch ein „rum liquet“ entgegensetzt. Hören wir zunächst die abweisenden Stimmen, wobei ich vorausschicke, daß ich mich nicht auf ausgesprochene Kampfbücher wie das Von Hertz und Finot berufe, welche den Rassentheoretikern mit starkem Temperament entgegentreten, sondern aus unantastbare Gewährsmänner stütze, welche ihre Werturteile über das Rassenproblem auf Grund ihrer philologischen ethnographischen, biologischen oder söziologischen Spezialgebiet abgeben. Der deutsch-englische Sprachforscher Max Müllerfrüher selbst ein Hauptvertreter der „arischen Nasse," schrieb zuletzt „Für mich ist ein Ethnologe, der von arischer Rasse, arischem Blut, arischen Augen und Haaren spricht, ein so großer Sünder wie ein Sprachforscher, . der von einem dolichozephalen Wörterbuch, oder einer brachyzephalen Grammatik redet. Es ist ärger als die babylonische Ver- , wirrung — ja geradezu ein Betrug. Wenn ich von Ariern spreche, so meine ich weder Blut noch Knochen, weder Haare noch Schädel. Ich meine damit einfach diejenigen, die eine arische Sprache sprechen." Noch unglimpflicher geht R. Hartmann mit dem künstlichen Begriff „Arier" und „Semite" um. Die „Arier" sind ihm nicht etwa ein Urvolk, sondern, eine „Erfindung der Studierstube". Und so hat denn Karl Völlers in seinem schönen Buche „Die Wellreligionen" (Jena, Diederichs, 1907) mit vollem Recht darauf hingewiesen, daß die ethnographisch - klassifikatorischen Schlagwörter „Semite" und „Arier" vergleichsweise jungen Datums sind. Die „Arier" insbesondere sind eine Erfindung der Romantiker, die zuerst den Sammelbegriff der indogermanischen Sprachen eingeführt und die Begeisterung für diese neue Bezeichnung geweckt haben. Endlich äußert sich der Direktor des Berliner anthropologischen Museums, Professor v. Luschan, über die arische Rasse wie folgt: „Der indogermanischen Sprachfamilie entspricht keine arische Rasse, und die Völker, die indogermanische Sprachen reden, gehören sehr zahlreichen und untereinander völlig verschiedenen Rassen an." „Die Begeisterung, mit der man früher einmal sich bemühte, eine gemeinsame Urform der indogermanischen Sprachen zu rekonstruieren und zu dieser Urform sich auch einen rassenreinen Urarier vorzustellen, hat längst reiferen Anschauungen Platz gemacht. Nur ganz unheilbare Chauvinisten reden heute noch von einer arischen Rasse, und für den Fachmann ist der Begriff einer arischen Schädelbildung genau so absurd, als wenn man etwa von einer dolichozephalen Sprache reden wollte, v. Luschan nähert sich also, selbst im Ausdruck, der völlig abweisenden Auffassung Max Müllers. Nicht viel besser ergeht es dem Begriff einer semitischen Rasse. Die Kraneologie, auf welche die Rassentheoretiker seit Kollmann ihre Hoffnung gesetzt haben, versagt völlig. Die Grundeinteilung in germanische Langschädet, welche in Verband mit Blondheit- Blauäugigkeit und hohem Wuchs nach Wolt-, mann und Chamberlain alle Kultur geschaffen haben, während

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