Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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Armenpflege, zum Teil nur mit beratender Stimme; nicht aber Mitglieder des Vorstandes. In Fragen, in denen der Vorstand die Ansicht des Rabbiners hören will, wird der Rabbiner bisweilen zu einem schriftlichen Gutachten ausgefordert, bisweilen zur Teilnahme an der Vorstandssitzung mit beratender Stimme eingeladen. Sollte es je einmal zu einem Konflikt zwischen Vorstand und Rabbiner kommen, so entscheidet, wie in allen wichtigen Fragen, die Generalversammlung. Tatsächlich liegen die Verhältnisse so, daß ein Rabbiner in der Schweiz noch nie „weggewählt" worden ist und, wenn er seine Pflichten erfüllt, auch nie weggewählt werden wird, und daß die Gemeinde ihren Rabbiner als die maßgebende Autorität in religiösen Fragen anzusehen gewöhnt ist. —n. Brief aus Saloniki. Von S. Willy Heß. 3n Saloniki sind am Sabbat alle israelitischen Geschäfte geschlossen, alle Arbeiter und Handwerker feiern. Soweit ist alles beim alten. Aber sonst hat sich vieles geändert. Wenn vor zwanzig Jahren ein junger Mann am Sabbat geraucht hätte, so wäre er der allgemeinen Aechtung anheimgefallen. Heute fällt das niemandem mehr auf. Man raucht, man fährt, man schreibt, aber man übt seinen Beruf am Sonnabend nicht aus, und mit den Juden feiert die ganze Stadt. Gewiß gibt es auch noch viele Strenggläubige, aber von äußerlichem Fanatismus ist ihnen nichts anzumerken. Dabei sind namentlich die unteren Klassen in Sitten und Gebräuchen sehr konservativ. Trotz Alliance Israelite und trotz Deutsch-Israelitischer Schule sprechen die hiesigen Juden unter sich noch immer spagnolisch. Die Männer aus dem Volke, bisweilen auch die aus höheren Klassen, legen noch immer gern einen gestreiften Kittel und darüber den pelzverbrämten Rock an. Und die Frauen tragen die Zöpfe lang und verbergen sie in grell bunten Häubchen, wie es wohl die letzte Mode anno 1450 in Cordova und Saragossa vorschrieb. Die Kenntnis der französischen Sprache ist freilich in der gebildeten Klasse sehr verbreitet und man hört in Saloniki sicher ebensoviel französisch wie türkisch sprechen, zumal in der Oeffentlichkeit. Ist man aber gemütlich unter sich, so spricht man spagnolisch. Neuerdings hat man angefangen, sich der Landessprache, dem Türkischen, etwas mehr zuzuwenden. Die meisten hiesigen Juden verstehen türkisch gar nicht oder nur mangelhaft. Das wurde früher auch von keiner Seite als Mangel empfunden. Seitdem aber die Türkei in ihren Verjüngungsprozeß eingetreten ist, beklagt man diesen Zustand der Dinge, und es kann heute schon mit ziemlicher Bestimmtheit vorausgesagt werden, daß die kommende Generation der türkischen Sprache besser mächtig sein wird. Gerade die Saloniker Juden, die in der vordersten Reihe der osmanischen Patrioten stehen wollen, wollen auch damit ihre Eigenschaft als gute Staatsbürger beweisen. Es scheint sogar, als ob das Tragen europäischer Hüte zugunsten des Fez neuerdings abnehme. Natürlich gilt das nur für diejenigen, die türkische Untertanen sind. Sie bilden die große Mehrheit der zirka 80000 Seelen zählenden jüdischen Einwohnerschaft. Die jüdische Aristokratie hat in der Mehrzahl vor einigen Jahrzehnten, als das noch sehr leicht ging, fremde Staatsangehörigkeit angenommen. Viele sind Italiener, andere Franzosen, Engländer, Oesterreicher, Spanier usw. Teilweise sind sie Bürger der fremden Staaten, teilweise nur Schutzbefohlene. Heute, in der jungen Türkei, geht das nicht mehr, wird auch nicht mehr so erstrebt wie früher. Die jungen Leute dieser. Klasse wollen unter allen Umständen den Westeuropäer markieren. Aeußerlich gelingt das'ihnen wohl auch, aber durchaus nicht zu ihrem Vorteil. Manche schöne Eigenschaft geht dabei verloren. Wenn ich eben von der jüdischen Aristokratie sprach, so dachte ich nicht an die Nachkommen edler spanischer Geschlechter, an die Abrabanel, Avigdor usw. Diese Namen trifft man zumeist in der mittleren Klasse. Die heutige Aristokratie, oder besser gesagt, die reichen Leute, heißen anders. Hier stößt man auf die Namen Modiano, Allatini, Errera usw. Die Juden gehören hiev> mit Ausnahme der militärischen, so ziemlich allen Berufen aü. Die Arbeiterschaft ist fast ganz jüdisch. Und was sind das für Arbeiter! Große, bärenstarke Leute, die Lasten auf dem Rücken schleppen, für die man in Berlin oft ein Pferd anspannt. Die Hafenarbeiter, Packträger, Maurer, fast alle sind sie Juden. Hier könnte Herr v. Liebermann auch die jüdischen Dachdecker und Feuerwehrleute sehen. Es dürfte kaum einen Nichtjuden unter ihnen geben. Und auch die ehrsame Zunft der Stiefelputzer setzt sich fast ausschließlich aus Hebräern zusammen. Dagegen soll es unter den Schneidern, Schuhmachern usw. nur ganz wenige Juden geben. Diese Berufe werden fast nur von Christen ausgeübt. Auch die Gastwirte und die Kellner sind fast alle Christen (Griechen). Jüdische Beamte finden sich zahlreich bei der Eisenbahn" bei der Veite vubligue usw. Zum Militärdienst waren Juden und Christen bis vor ganz kurzer Zeit nicht zugelassen. Heute gibt, es zahlreiche jüdische Rekruten, die sich über die Behandlung seitens ihrer Vorgesetzten in keiner Weise zu beschweren haben. Auch die Offizierslaufbahn steht den Juden offen. Doch dürften davon vorderhand nur sehr wenige Gebrauch machen. Jüdische Militärärzte aber gab es schon immer. Unter den Kaufleuten gibt es eine ziemliche Anzahl Christen, die große Mehrheit aber wird von den Juden und Türken gestellt. Das gleiche Verhältnis gilt auch für die gelehrten Berufe (Aerzte, Rechtsanwälte, Journalisten, Lehrer usw.). Die Dönmeh (eine Art Türken) sind die Nachkommen der mit Sabbatai Zewi zwangsweise zum Islam übergetretenen Juden. Lange Zeit sollen sie im geheimen dem jüdischen Glauben angehangen haben. Heute ist das nicht mehr der Fall. Aber richtige Moslem sind sie auch nicht geworden. Nach außen hin bekennen sie sich wohl als Mohammedaner, bringen beim Bairamfeste die vorgeschriebenen Opfer, genießen während der Fastenzeit öffentlich keine Speisen usw. Ebenso erfolgen die Beschneidungen und die Begräbnisse ganz nach mohammedanischem Ritus. Die Frauen tragen die vorgeschriebene Tracht und die Männer stets den Fez, aber innerlich gehören sie dem Islam nicht an. Die Türken wissen das sehr wohl und betrachten sie stets mit mißtrauischen Augen, Die Dönmeh verkehren fast nur unter sich, heiraten auch nur untereinander. Sie sind nicht sehr zahlreich (angeblich 3000 bis 4000 Seelen), bilden aber unzweifelhaft die intelligenteste und einflußreichste Schicht der Saloniker Einwohnerschaft. Dönmeh waren es auch, die einen wichtigen Anteil an der Entstehung der türkischen Revolution hatten, die am 24. Juli 1908 von Saloniki ihren Ausgang nahm. Diese Judentürken sind in jeder Beziehung interessant. Es sind meist schöne Menschen von einem besonderen Typus, der wenig Semirisches, an sich hat. Sie ähneln weit mehr den Türken, wie den Juden. Unter ihnen ist die Umgangssprache ausschließlich Türkisch. Spagnolisch können viele sprechen infolge deS geschäftlichen Verkehrs mit den Juden, doch können sie es nicht schreiben.