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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
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sondern weil die äußeren Verhältnisse nach dem großen Kriegsjahr alles Interesse ablenkten, und im Gefühl seiner sicheren Position ließ sich dann der Liberalismus dieses Abflauen auch ruhig gefallen. Das Anschwellen der Reaktion auf. allen Gebieten belehrte ihn aber allmählich, daß jenes Gefühl der Siegesgewißheit verfrüht war, und Vogelstein war einer der ersten und eifrigsten, der die Träumer aus dem Schlummer zu wecken sich mühte. Als die orthodoxen Rabbiner, die an der Reorganisation des allgemeinen Nabbinerverbandes sich beteiligt hatten, zur Paralysierung ihres Eintritts m denselben sich untereinander sofort um so enger zusammenschlossen, fanden.endlich seine Mahnungen Gehör, und unter seinen? Vorsitz entstand der liberale Rabbinerverband, welcher die Rabbiner aller liberalen Schattierungen zu gemeinsamem Bekenntnis ihrer Anschauung und zu gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit im Sinne der Historisch-kritischen Richtung in sich vereinigte.. Aber für die liberalen Ideen bedurfte es auch in den Gemeinden wieder eines kräftigen Resonanzbodens. Es gelang, gleichfalls getrieben durch das vordringliche Auftreten der Orthodoxie, wiederum auf Vogelsteins Anregung, auch diesen in der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland zu schaffen, zu deren führenden Geistern 'Vogelstein bekanntlich in allererster Reihe gehört. Ein erneuter kräftiger Aufschwung seiner Weltanschauung, welcher den Jubilar beim Rückblick auf die Stimmung der Augsburger Synode an seinem Ehrentage wohl mit ganz besonderer Freude erfüllt haben wird. Aber auch fönst darf der Rückblick ihn froh stimmen. Ein gütiges Geschick hat ihn wenig Trübes und viel Gutes erleben lassen, ihm reichen Erfolg in seiner Arbeit gewährt und ihn jugendfrisch bis ins hohe Alter erhalten. Er durste seinen 70. Geburtstag begehen, mnhegt von der Liebe der Gattin und der Kinder, unter denen er in -seinem Sohn, dem Königsberger Rabbiner, einen würdigen Erben seiner Ueberzeugungen und Fortsetzer seiner Lebensarbeit gefunden hat, umringt von den Vertretern seiner Gemeinde und den Abgeordneten all der großen Organisationen, die er in seinem unermüdlichen Eifer mitschaffen und mitsördern half, beglückwünscht von den vielen Freunden und Verehrern, die der Theologe und der Mensch sich überall erworben hat. Wir reihen uns dieser stattlichen Schar mit unseren herzlichsten und freundschaftlichsten Wünschen ad multos annos ein; wir geloben aber auch dem tapferen Führer und Genossen treue Gefolgschaft für alle Zeit im Sinne seiner religiösen Ueberzeugung und Wirksamkeit! löriek aus der Schwei?. Zürich, Februar. ^^^as offizielle Resultat der eidgenössischen Volkszählung vom 1. Dezember 1910 ergibt für unsere Stadt eine jüdische Bevölkerung von 5215 Seelen; vor 10 Jahren waren es. 2753 Seelen. Somit haben wir fast eine Verdopplung zu verzeichnen. Das schnelle Anwachsen erklärt sich aus der Einwanderung deutscher Juden, besonders aus den angrenzenden süddeutschen Staaten, sowie aus dem noch stärkeren Zuzug russischer und galizischer Juden. Die zweitgrößte jüdische Seelenzahl hat Basel, indes sind es dort nur 2397 Seelen, da die Einwanderung der polnischen Elemente in Basel eine sehr geringe ist. Basel ist die kleinereaber einheitlichere Gemeinde. Großes Interesse hat hier und in der ganzen Schweiz die Aufhebung des Schächtverb ots in Sachsen hervorgerufen. Sogar in der nichtjüdischen Presse finden sich einzelne Stimmen, besonders in der französischen Schweiz, die offen heraus erklären, daß es an der Zeit sei, den Artikel 25 aus der Bundesverfassung, der die Betäubung vor dem Schlachten verlangt und damit die jüdische Schlachtmethode unmöglich macht, aufzuheben. Freilich geht das bei uns zu Lande -nicht auf dem einfachen Weg einer Regierungsverfügung, es müßte vielmehr eine Volksabstimmung herbeigeführt werden, und das ist schwer. Sonntag den 29. Januar, hat in Basel ein Delegiertentag des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebundes stattgefunden, der sich, wie allgemein angenommen wird, auch mit dieser Frage beschäftigt hat, aber in der Oeffentlichkeit nichts, über etwaige diesbezügliche Beratungen und Beschlüsse verlauten läßt. Man erwartet, daß etwas geschieht. Ein anderer Beratungsgegenstand dieses Delegiertentages war die Regelung der Wanderarmen-Fürsorge. Ursprünglich bestand der Plan, nach dem Vorbild der deutschen Vereinigung auch hier eine Zentralisation aller Armenkassen mit einer oder mehreren Zentralstellen und Beiträgen der Gemeinden an diese durchzuführen. Indes ist dies vorläufig fallen gelassen worden und lediglich ein kurzes Regulativ beraten und einstimmig angenommen worden, welches jeder Armenkasse ihre Autonomie läßt, aber durch gemeinsames Vorgehen und enge Fühlung untereinander eine zweckmäßigere Behandlung namentlich derjenigen Wanderarmen, die ein bestimmtes Reiseziel erreichen wollen, ermöglicht. Für die Hebung des geistigen Lebens sorgen fleißig unsere jüdischen Vereine. Das neueste ist, daß unser jüdischer Turnverein nach langer, meist sehr freundlicher Debatte in den kantonalen Turnverband ausgenommen worden ist. Im jüdischen Jugendverein „Kadima“ hat am 12. Februar der Genfer Rabbiner, Herr Günzburger, einen Vortrag in französischer Sprache gehalten über das Thema: „un peu d’antisemitisme“ itnb am 19. Februar wird Herr Dr. Faitlowitsch bei uns, wie am Tage vorher in Basel, einen Propagandavortrag mit Lichtbildern über seine Reise durch Abessynien halten zugunsten des internationalen Prosalascha-Komitees, für das bereits eine stattliche Zahl von Mitgliedern hier geworben worden ist. Auch sonst ist an Vorträgen bei uns kein Mangel. Vor kurzem hat Herr Privatdozent Dr. Caro von der hiesigen Universität in der „Freien Vereinigung" über die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden im Mittelalter gesprochen, und als ein besonderes darf wohl verzeichnet werden, daß an einem Sonntag nachmittags Herr Kirchenrat Rabbiner Dr. Kroner-Stuttgart, der Einladung unseres Rabbiners folgend, einen Vortrag „Judentum und Weltreligion." in der Synagoge hielt. Es sollte damit der Versuch gemacht werden, die Synagoge auch für Vorträge zu öffnen. Die jüdischemStudentenvereine der Schweiz, meist auf zionistischer Basis stehend, haben sich in Bern zu einem Verband zusammengeschloffen. Der hiesige Studentenverein Maccabäa hat sich indes von den Beratungen zurückgezogen und ist dem Verband nicht beigetreten, da er ein Kartell nur mit Vereinen bilden könne, die gleich ihm zu den schlagenden Verbindungen gehören. Noch ein Wort.über die Stellung der Rabbiner bei uns im Anschluß an den Artikel des F. Makower in der letzten Nummer dieser Zeitung. In der Schweiz werden die Rabbiner (gleich den Pfarrern der christlichen Gemeinden) von der Generalversammlung der Gemeinde gewählt, und zwar nicht auf Lebenszeit, sondern auf die Dauer einer sogenannten Amtsperiode, in der Regel von 5 Jahren, jedenfalls selten länger; nach. Ablauf derselben unterliegen sie der Neuwahl, wiederum durch die Generalversammlung. Sie sind von Amtswegen Mitglieder der Synagogenkommission, der Schulpflege und der

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