Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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Richtung und Befähigung sich kein Hindernis mehr konstruieren ließ, jene Stellungen zu erlangen, wenn der „Glaube" korri-- : giertwurde, an dem man sich angeblich gestoßen hatte. Die Persönlichkeiten, waren also in bevorzugtesten Gesellschaftsschichten längst als gleichberechtigt anerkannt und die hohen Behörden ließen nur die letzten Einwände fallen, als jene Christen wurden. Glaubt man nun wirklich, daß da die Sicherheit, der Betreffende würde nun nur noch in die Kirche und nie mehr in die Synagoge gehen, den Ausschlag gab? Ich glaube das keinesfalls! Man hat jene Juden ausgenommen, weil jeder, aber auch jeder Vorwand für die Zurückweisung versagte. Und warum versagten alle Vorwände? Weil es jene Stellen sind, die hier zu entscheiden hatten, die immer wieder das deutsche Volk auswiegeln, den Juden ihrer Religion wegen die Gleichberechtigung zu versagen. Je nachdem es angebracht scheint, wird die ' Rasse oder die Religion gegen die Juden ins Feld geführt. Und wenn man; sich darauf so festgenagelt hatte, daß im vorliegenden Falle nur die Religion in Frage kommen konnte, so mußte man eben wohl oder übel die Konsequenz ziehen, d. h. in ver- . einzelten Fällen getauften Juden die Tore öffnen. Man würde sich aber einem großen Irrtum hingeben, wenn man glauben wollte, solche Ausnahmesälle verallgemeinern -zu können. Angenommen, es wären statt ganz vereinzelter,-, tausend, oder auch nur hundert Juden gewesen, welche sich das letzte Hindernis aus dem Wege schaffen wollten, indem sie sich taufen ließen, so hätten jene, die zu entscheiden haben, der Taufe ganz gewiß die hohe Bedeutung nicht beigemessen. Gerade in jenen Aemtern und Stellen, die man den Juden. prinzipiell versagt, im Verwaltungsdienst, in der Diplomatie,' in Armee und Marine usw., sitzen fest und warm jene auf Kosten der Allgemeinheit bevorrechteten Klassen, die immer von neuem wieder und gerade in der letzten Zeit gezeigt^ haben, daß ihnen nicht einmal die Ehre einwandfreier Zeugen ... heilig ist, wenn ein Urteil anders ausfällt, als es sich für'^ ihre Kaste nutzbar machen lassen könnte. Dort werden auch weder Rechtsgründe noch Gerechtigkeitsgefühl den Antisemitismus mindern. Daß Juden auch in ihre geheiligte Pfründe eindringen könnten, ist der Gedanke, der jenen „Stützen von Thron und Altar" keine Ruhe läßt bei Tag und Nacht, nicht, weil es Andersgläubige sind, die mit ihnen in Wettbewerb ’ treten könnten, sondern weil die < Juden diejenigen Kon-- kurrenten in den Aemtern sind, die sie bis jetzt vom Wett-< bewerb ansschließen konnten, indem sie den Rassen, und Religionshaß gegen sie ins Feld führten, das heißt den Antisemitismus mobil machten. ' Hier sitzen die Kerntruppen des Antisemitismus und um sie herum gruppiert sich alles, was Ueberredung. Beispiel und Abhängigkeit an Anhang zuführen kann. Dagegen verschwindet alles, was sich an selbständigem Antisemitismus in Deutschland heute noch auffinden läßt. Will man die Gruppen der Antisemiten näher bezeichnen, so darf man sich an die Worte eines Bauernbündlers erinnern, der vor etwa 15 Jahren gegen den Bund der Landwirte agitierte und die Anhänger des Bundes der Landwirte einteilte in drei Klassen: 1. die Freiwilligen, 2. die Gefangenen und 3. die Gepreßten. So ähnlich darf man auch, den Antisemitismus einschätzen. Fortschreitende Bildung und größere politische, wie persönliche Selbständigkeit haben wenigstens die Klasse 2, das heißt diejenigen, welche durch Agitation, wirkliche und versprochene Vorteile „gefangen" worden waren, ganz gewaltig dezimiert. Gegen Klasse 8 ist nichts zu machen. Ein eiserner Finger zeigt ihnen den. Weg, und noch mehr als Interessengemeinschaft sind es der hohe Vorgesetzte oder der allgewaltige Dienstherr, die ihnen die Meinung befehlen. . Aber ihr Widerstand fällt in sich selbst zusammen, wenn die Gewalt der Klasse 1 gebrochen ist. Diese Antisemiten,-die Freiwilligen, die Klasse 1, das sind eben jene, die) allein in den einflußreichsten Stellen, tonangebend in der Gesellschaft, allmächtige Vorgesetzte in Armee und Marine, sich auch, gestützt aus ihre ungeheure Macht, zu geistigen Führern des Bürgertums, des ganzen deutschen Volkes auswerfen. Hier hat der energische Protest der Demokratie im weitesten Sinne einzüsetzen. . Das Bürgertum, die arbeitenden Klassen, der gesamte Fortschritt haben an diesem Antisemitismus nicht das allermindeste Jnteresie. Hier sind Christen und Juden in erfolgreichem und schönem Wettbewerb auf dem Gebiete positiver Arbeit. So wenig wie der .Bürger nach Hilfe schreien'wird gegen Andersgläubige, so wenig wird er auch gewillt sein, noch in Zukunft die Geschäfte der Bevorrechteten durch-Rassenkämpfe oder Religionskrieg zu besorgen. Wie in allen sozialen Frageq, trennen sich auch vor dem Antisemitismus die Wege von Fortschritt und Reaktion. Das scheint auch Herr Dr. Stegemann zu fühlen, wenn er in seinem Aufsatz in der „Deutschen Montags-Zeitung" unter dem Titel „Noch einmal die Juden" schreibt: ' „ Wie.wir den Juden^ ihre Eigentümlichkeit, als die eines fremden, orientalischen, durch eine merkwürdige Fügung der Geschichte seit Jahrhunderten unter uns ansässigen Volkes, zu lassen gesonnen sind, so werden wir Deutschen, als das der fremden Nation Gastrecht gewährende Volk zum mindesten jede Beeinflussung oder gar Vergewaltigung von seiten der Juden auf das entschiedenste ablehnen dürfen, ohne dabei den abgeleierten Vorwurf reaktionärer Gesinnung hören zu müssen. Hier öffnen sich Probleme, um die die Herren Mahbaum und Zangwill, als die besseren Diplomaten, gewandt herumgehen, während Köhler sie mit der nichtssagenden Phrase'der Assimilisation und Ergänzung abtut. Wenn die Juden Juden bleiben sollen, so ist das recht und billig; wenn aber der jüdische Geist auf die Entwicklung unseres Volkslebens Einfluß gewinnen will — und wer zweifelt daran, daß er ihn schon inr höchsten Maße gewonnen hak? — dann ist es an der Zeit, unserseits gegen ein Aufgehen im Judentum mit demselben Nachdruck zu protestieren, mit dem Maybaum und Zangwill gegen ein Aufgehen des Judentums im Germanentum Widerspruch erheben. Eine Kritik des Judentums liegt außerhalb unseres Rahmens; nur so viel kann hier gesagt werden, daß der Geist des Judentums von unserer Welt durch Abgründe getrennt ist, über die schwerlich eine Brücke hinüberführt. Von dem ehrfürchtigen Schauer, den uns das Alte Testament cinflößt, bis zu einer lebendigen Berührung mit den heutigen, überdies gar nicht sehr alttestamentlichen Juden ist ein weiter Schritt. Mögen die Juden gute Juden bleiben — und wir gute Deutsche. You — bis way — and we — that way. Und mögen sie sich in den Schranken halten, die ihnen ihr eigener- Glaube und ihre eigene Geschichte anweist; dann werden beide Teile zufrieden sein, und schließlich wird auch Herr Köhler seine Sehnsucht nach dieser wertvollen Ergänzung des deutschen Volkskörpers mannhaft niederzukämpfen wissen. V Allerdings werden wir diesem Standpunkt den viel mehr berechtigten als abgeleierten Vorwurf reaktionärer Gesinnung machen. Das heißt doch nichts anderes, als vollkommene Entrechtung der Staatsbürger jüdischen Glaubens, höchstens stillschweigende Duldung. Und was von dieser Toleranz allenfalls gewährt werden wird, das mögen die Hunderttausende deutscher Juden von der Gnade der Regierungeines schwarz-blauen Blockes freudestrahlend entgegennehmen. Welches Verständnis die große Mehrheit des deutschen Volkes diesem System entgegenbringt, das zeigt hoffentlich bald und nachdrücklich: die Wahlurne! .