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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 8 Allgemeine Berlin, 24. Februar 1911 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW.. Jerusalemer Straße 46/HS, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin« Wer ist Antisemit? Von Georg Scheumann. — Die LjNtJlUL. Woche. — Zu Heinemann Dogelsteins 70. Geburtstag. Von Max Freudenthal. — Brief aus der Schweiz. — Brief aus Saloniki. Von S. Willy Heß. — Das Nassenproblem und das Judentum. Von Professor Dr. Ludwig Stein. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Meter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. St!« Gemeindcbote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berli.'. Ans der Provinz Posen, Breslau, Wien. — Von Nah und Wrr itt Kntilkmit? Von Georg Scheumann. 3n der „Deutschen Montags-Zeitung" beschäftigen sich die Herren Professor Köhler, Dr. Walter Rathenau, Dr. Mäher und Dr. Stegemann in höchst interessanten Ausührungen mit der Judenfrage im allgemeinen und mit Judentaufen im besonderen. Hält man dies alles zusammen mit den Vorträgen, welche vor nicht langer Zeit von den Herren Cassel und Philippson vor dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehalten wurden, so ist bei der sonstigen Verschiedenheit des vertretenen Standpunktes bei allen genannten Herren gemeinsam die Absicht sestzustellen, ob die Religio ns- oder die Rassenfrage im Vordergrund steht für die Lösung aller derjenigen Probleme, welche uns der gute Wille, auf völlig gleiche und gerechte Behandlung aller deutschen Staatsbürger hinzuarbeiten, aufgibt. Es ist nicht im mindesten meine Absicht, hier noch einmal aus alle jene Erörterungen einzugehen, welche in erster Linie Theologen und Rassentheoretikern zu denken geben, sondern ich möchte die Frage aufwerfen, ob fortgeschrittene Bildung und Aufklärung in sozialer Beziehung nicht schon heute ein weit besseres und wirksameres Fundament für eine aussichtsvolle Annäherung der Angehörigen beider Religionen geschaffen haben, als man bei den leider noch immer herrschenden Zuständen annehmen möchte. Nun bin ich zwar der Ansicht, daß die Person des Verfassers gleichgültig sein könnte. Da es aber für die Beurteilung des Standpunktes, den ich einnehme, vielleicht doch von Interesse ist, bemerke ich, daß ich protestantischer Christ bin und zweiselfrei germanischer Abkunft. Wenn ich nun sagte, daß Fundamente für die beiderseitige Annäherung vorhanden seien, so sollte damit nicht im mindesten behauptet werden, daß im Deutschen Reiche den Juden irgendwelche Konzessionen gemacht oder auch nur mit Sicherheit in Aussicht gestellt worden wären, welche ihnen Veranlassung geben könnten, dem herrschenden System Vertrauen entgegenzubringen. Gerade ebeN,Wetl alleN schÜNeNRedeNsarten zum Trotz von einer Gleichstellung noch nicht die Rede sein kann, überschätzt man heute die Ausdehnung der antisemitischen Bewegung und vor allen Dingen die Wurzeltiefe, die es im deutschen Bürgertum hat. Herr Dr. Rathenau sagt, daß eine tiefe und alte Stammesabneigung zwischen Germanen und Juden besteht, welche in alten sozialen Kämpfen ihren Grund habe und welche nun seitens der Juden absterbe und bei den jüngeren Geschlechtern einer rückhaltlosen Anerkennung der Nation weiche, denen sie den wertvollsten Teil ihrer Kulturgüter verdanke. Ebenso erkennt Herr Professor Köhler als Christ rückhaltlos an, daß das jüdische Element heute für Deutschland Bedürfnis ist. Wenn man die Juden vertreiben würde, so würde man sie gern wieder herbeiholen, da sonst das finanzielle Leben bei uns veröden würde. Diese Auffassung beweist aus beiden Seiten, daß von einem unüberwindlichen Rassenhaß nicht mehr die Rede zu sein braucht, und wenn Rassen unterschiede bestehen bleiben, so bedingt das noch lange keine Gegensätze, geschweige denn -gar jene Feindseligkeit der Nassen, die man immer wieder da als ausschlaggebend hinstellen möchte, wo mit dem Religionshaß nichts zu machen ist. Der Mehrheit des deutschen Bürgertums ist jedenfalls der Geschmack an den Verhetzungen verloren gegangen, und die Rassenverschiedeuheit würde kein zugkräftiges Agitationsmaterial mehr hergeben, wenn man dem Bürgertum die - Entscheidung überläßt. Lassen wir also zunächst einmal die Frage offen: Wen stören im Deutschen Reiche denn die Rasfeneigentümlichkeiten der Juden? Auf den ersten Blick möchte es allerdings scheinen, als gäbe nicht die Rasse, wohl aber die Religion den Grund dazu her, daß dem Antisemitismus bisher so wenig beizukommen war. Aber schon die bloße Tatsache, daß der jüdischen Religion die christliche gegenübersteht, welche bei uns in zwei große einander feindliche Konfessionen gespalten ist, gibt zu denken. Die zweifellose politische Bedeutung, welche dieser Streit der Konfessionen bekommen hat, spricht auch nicht dafür, daß man auf dieser Seite einen gemeinsamen Gegner gesunden hat, den man aus Religionsgründen gemeinsam bekämpfen muß. Nun weist Herr Professor Dr. Philippson allerdings mit Recht darauf hin, daß unter Umständen für Juden, welche früher zurückgesetzt waren, sich plötzlich hohe Aemter oder Osfizierstellen öffneten, nachdem sie sich taufen ließen. In diesen Fällen gab allerdings allein die Religion den endgültigen Ausschlag. Dieser Punkt führt uns nun direkt zum Kernpunkt der ganzen Frage. Hier handelte es sich doch um 6?uden, aus deren gesellschaftlicher Stellung, politischn

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