Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus verteidigte, und betontes daß geratre^/Heil^ie?Judenj<wie die Geschichte zeige, trotz ursprünglich bester Verhältnisse immer wieder Verfolgungen ausgesetzt warenihnen ein Heim geschaffen werden müsse, in dem sie unabhängig und ungestört für sich selbst leben könnten.^ Der Zionismus hätte den schmachvollen „Judenfleck* in eine „Ehrenkokarde" umgewandelt. Auch dieser Redner erntete großen Beifall, hauptsächlich jedoch bei der Jugend, und Kaufmann Moritz Margoles wies entschieden zurück, daß der Zionismus einen verderblichen Einfluß auf die Jugend ausübe und sie irreführe. Er habe in ihr das jüdische Selbstbewußtsein geweckt und sie krast» voll und einig unter der Fahne ihrer Väter zusammengeführt. Demgegenüber geißelten es die beiden Redner, Rabbiner ^^^^Lar^on aus Kolberg und^ Rechtsanwalt Dr. Jakobsohn in Lisso, daß die religiöse Idee gegenüber der' natioua^en^in dem Zionismus in den Hintergrund gedrängt worden sei. Nur der Glaube sei das feste Band, welches die Juden Zusammenhalte und Zusammenhalten solle, während die nationalen Bestrebungen dazu führen, den Patriotismus in der ^Jugend zu mindern, den Antifimitismüs zu fördern und^den Einfluß der Juden im den Ländern, in denen sie wohnen/zugunsten der verfolgten und bedrückten Glaubensgenossen herabzusetzen. In seinem Schlußworte hob Rechtsanwalt Dr. Wolfs hervor, daß von den 12 Millionen Inden gegen 10^2 Millionen Deutsch verständen, und daß dieser Umstand schon beweise, wie sehr wir deutschen Juden unser Deutschtum Hochhalten und an ihm festhalten müßten. Die Versammlung hat mit ihrer friedlichen, ruhigen und sachlichen Aussprache sehr zur Aufklärung der i Geister beigetragcn. Sie sollte vorbildlich sein für alle Gemeinden. Deutschlands, in denen, wie in Lissa, der Zionismus festen Fuß zu fassen sucht. ---Breslait, 13. Februar. Der 27. Januar, der Todestag desv Kommerzienrats Jonas'Fränckel. ist für unsere Vaterstadt ein Tag pietätvoller Ermnerung an einen ihrer ältesten Wohltäter, der durch seine menschenfreundlichen Stiftungen ein Muster und Vorbild für die Humanitären Bestrebungen und sozialen Schöpfungen der Gegenwart' geworden ist. Er hatte ein offenes Herz und eine offene Hand für alle Bedürftigen und Gedrückten ohne Unterschied des Glaubens. Daneben traf er Veranstaltungen, die ihrer Natur nach nur seiner eigenen Glaubensgemeinschaft zugute kommen konnten. Nach beiden Richtungen hin betätigte sich Jonas Fränckel eben als ein echter Sohn seines"Stammes: Er übte allgemeine Menschenliebe und schuf die erste Pflanzstätte für die moderne Wissenschaft des Judentums. Von dieser Wissenschaft sagt David Kaufmann .einmal: „Kaum hat eine andere in diesem Jahrhundert ein so schnelles Wachstum aufzuweisen wie gerade die jüdische; gleichsarn über Nacht, wie .es in jeglichem Frühling aus dem Boden zu treiben pflegt, , erstalld eine Literatur, deren Studium heute bereits ein Menschenleben reichlich in Anspruch nehmen kann- Sie sind allgemach ins kühle Grab gesunken, die ersten Hammerschwinger, die Zunz, Geiger, Joel, Frankel, Ersetz. Das erste Geschlecht jener, wackeren Bergniänner lebt nicht mehr, aber das Werk ist gesichert/ Die Alten haben eine Nachfolge gefunden. Ein munteres Heerl tätiger Kräfte fetzt die begonnene Arbeit fort. Immer neues Edel- ' metall. kommt zutage, aber — der Markt will sich nicht erschließen; die Ware steht in niedrigem Preise." Während viele Wohlsahrts einrichtungen des großen Philanthropen begeisterte Nachahmer fanden so daß unsere Stadt und ihre jüdische Gemeinde mit wahrhafte? Genugtuung auf den Wetteifer blicken darf, mit dem für einsames Alter und verwaiste Jugend, für obdachlose Armut, Krankheit und Siechtum gesorgt wird, ist seine Stiftung zur Pflege der jüdischer^ Wissenschaft von nachfolgenden Mäzenen nicht mehr in gleicher Weise bedacht worden. Wohl hat das jüdisch-theologische Seminar diemeisten jüdischen Großgemeinden des In- und Auslandes mit Rabbinern und Lehrern versorgt und hat in Berlin, Budapest, Cincinnati, Florenz, New York und Wien Tochteranstalten nach seinem Muster, an denen Gelehrte, die zu den Füßen.der großen Meister in Breslau gesessen haben, tätig sind, entstehen sehen; aber wer zollt ihm dafür Dank und Anerkennung? Niemand scheint daran zu denken, daß seine ' äußere Ausgestaltung durchaus mit derjenigen anderer Wissenschaft-- licher Institute gleichen Schritt halten muß. um auf der Höhe juv. bleiben. Das Kapital, mit dem die Anstalt vor länger als einem halben Jahrhundert begründet worden, ist keineswegs den veränderten Zeitläuften entsprechend gewachsen. Es hat sogar naturgemäß an Wert verloren. Die großzügige Grundlage vondamals ist heute noch die gleiche. Aller eine Anzahl der Forderungen der Neuzeit müssen unerfüllt bleiben, während jüngeren Anstalten/fortwährend reiche materielle Mittel zufließen, : die / -'sie •? den Stand setzen, hinter anderen ähnlichen. Lehranstalten nicht zurückzustehen. Es finden sich überall in den jüdischen Gemeinden Männer, denen es eine Ehre und ein Stolz ist, die Wissenschaft des Judentums in zeitgemäßer Gestalt auftreten zu lassen und die bestehenden Hochschulen mit neuen Lehrstühlen und mit angemessenen Einrichtungen für Hörsäle und die unentbehrlichen wissenschaftlichen Sammlungen auszustatten. Vielleicht leitet sie dabei unbewußt das Wort, das vor Jahrzehnten Zunz ausgesprochen hat: „Mit der bürgerlichen Hintant setzung der Juden steht die Vernachlässigung jüdischer Wissenschaft 1 in untrennbarem Zusammenhang." Es ist erstaunlich, daß gerade * in Breslau, der Mutterstadt der modernen jüdischen Theologie, sich so schwer ein Gönner und Förderer für diese Anstalt findet, und daß unsere hochintelligente Gemeinde nur mit dem Ruhm zahlloser mildtätiger Stiftungen für alle Gebrechen sich begnügt. Sollte die Bres- lauer Judenschaft etwa auf dem Standpunkt jenes alten rabbinischen Schriftstellers stehen, der da fragte: „Warum bekomme ich für die Herausgabe meines Buches kein Geld, während doch meine reichen Brüder für Arme, Lahme und Blinde stets offene Hände haben?" 1 Und er gab darauf die Antwort: „Elend und krank zu werden,/ fürchtet sich eben jeder, aber gelehrt zu werden, fürchtet' keiner." So geschehen im 15. Jahrhundert. Sind' wir heut noch nicht weiter? — Breslau, 12. Februar. Am 5. d. M. wurde unter großer» Beteiligung der 70. Geburtstag des Seminarrabbiners Professor» Dr. Lewy gefeiert. Neben den Mitgliedern der Familie hatten sich» viele ehemalige Schüler des gefeierten Gelehrten von auswärts eingefunden. Die Reihe der gratulierenden Deputierten eröffnete das Lehrerkollegium des Seminars, in dessen Namen Dr. Brann eine Adresse überreichte, die von einer herzlichen Ansprache begleitet war. Für das Kuratorium der Fränkelschen Stiftungen, dem die Verwaltung des Seminars untersteht, drückte Stadtrat Marek dem Jubilar tiefsten Dank für sein aufopferndes, selbstloses und vorbildliches Wirken im Dienste des Seminars und der jüdischen Wissenschaft aus; auch er überbraä.te eine Adresse und als Geschenk des Kuratoriums 1000 Mark zur Erhöhung der vom Jubilar anläßlich seines 25 jährigen Amtsjubiläums begründeten Lewh-Stiftung. Für die Hörer öes Seminars sprach Dr. Sali Lewi, zweiter Rabbiner in Breslau und überreichte ebenfalls eine Adresse namens der Hörer des Seminars. Auch der Vorstand der Synagogengemeinde ließ eine sehr herzlich gehaltene Adresse überreichen. Rabbiner Dr. Guttmann sprach außerdem die Glückwünsche des deutschen Rabbinerverbandes aus und fügte als Studienfreund des Jubilars, mit dem ihmeine mehr als 40 Jahre alte Freundschaft verbindet, innige Worte hinzu. Dozent Dr. Ellbogen-Berlin überbrachte die Glückwünsche des Kuratoriums und Lehrerkollegiums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, die dem Jubilar für seine verdienstvolle Wirksamkeit an ihr (1872 bis 1883) noch heute dankt. Sodann überreichte er als Schüler des Jubilars die von ihm im Verein mit Dr. Brann herausgegebene Festschrift zum 70. Geburtstag, zu der Schüler. . Freunde und Verehrer des Jubilars zusammen 35 wissenschaftliche Abhandlungen geliefert haben. Die Festschrift, die im Verlag von M. & I. Marcus, Breslau, erschienen ist, umfaßt zirka 40 Bogen. Glückwünsche überbrachten ferner die Herren Rabbiner Dr. Rofenthal- Breslau, Rosenzweig-Berlin, der Verein jüdischer Lehrer in Schlesien und Posen, die Lesfing-Loge. Jedem einzelnen Gratulanten erwiderte der Jubilar mit großer Schlagfertigkeit in längerer Rede, es war bewundernswert, wie er für jeden besondere Worte fand und jedem gegenüber auf einen besonderen Teil seiner Lebensgeschichte hinwies, , Es war erfreulich die Frische des Jubilars zu beobachten. Möge ihm diese zum Heile des Judentums noch lange erhalten bleiben. M. Hamburg, 12. Februar. Der Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder (Ferienkolonien) hielt seine diesjährige.Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Ludwig Mathiason ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung