Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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Volksgeist heraus geboren wurde, und der pseudowissenschaftlichen Legendenbildung unterscheiden, wie sie heute in den Studierstuben künstlich ausgeheckt wird. Die naive * Mythologie hätten wir überwunden, aber wir haben sie leider eingetauscht gegen eine künstliche Mythologie, die nicht mehr bodenständig ist wie die naive, sondern in der Netorte der sogenannten Rassentheoretiker künstlich hergestellt worden ist. Wir leben mitten drin in einer Politischen Mythologie, die unter unseren Augen sich herausbildet. Das soziologische Modeproblem der Gegenwart ist das Rassenproblem, das in den letzten Jahren eine kaum übersehbare Literatur gezeitigt hat. Zu diesem Rassenproblem muß das Judentum um so eher Stellung nehmen, als es allerorten heißt (zuletzt noch, bei Dr. Ignaz Zollschan, Wien, Braunmüller 1910): Tua res agitur. Wir sind bei der Lösung dieses Problems keine unbeteiligten Zuschauer, keine Statisten, sondern — gewollt oder ungewollt — Mitspieler. Die Rassentheoretiker sprechen mit Vorliebe von einer. jüdischen Rasse, und in den Köpfen herrscht solche Wirrnis, daß in unseren eigenen Reihen diese politische Mythologie gläubige Nachbeter oder richtiger gedankenlose Nachtreter gefunden hat. Hier gilt es sich zur Wehr zu setzen. Qui lacet, consentire videtur. Lassen wir uns das moderne Märchen von einer „jüdischen Rasse", und noch dazu einer minderwertigen, ohne Protest gefallen, dann dürfen wir uns nicht beklagen, wenn es uns aus dem Munde unserer eigenen Kinder als neueste wissenschaftliche Errungenschaft entgegentönt. Wir müssen selbst darüber ins Reine kommen: Sind die Juden eine besondere Rasse, ein besonderes Volk, eine besondere Nation, oder sind sie nur eine Religions- und Kultgemeinschaft? Die drei letzten Fragen scheiden, heute für mich aus, da ich das „Wesen des Judentums" an anderer Stelle zu behandeln gedenke, wo ich den Fragen nach Volkstum und Nationalität der Juden soziologisch nachgehen werde. Hier lassen Sie j mich nur die eine Frage beantworten, w>Äche durch die aufgerührten Leidenschaften, wie sie die Sombartschen Vorträge im Winter 1909/10 entfesselt haben, akut geworden ist, die Frage nämlich: Bilden die 10 bis 11 Millionen Juden, welche in allen fünf Weltteilen zerstreut leben, eine besondere Rasse? Kürzer gefaßt: Gibt es eine jüdische Rasse? (Fortsetzung folgt.) Llgmnrr und Juden. Historisch-ethnologische Studie von Fr. Wilh. Brepohl-Wiesbaden. er kennt nicht jenes braune Volk, welches alljährlich, bald in größeren, bald in kleineren Zügen die Länder Westeuropas durchstreicht und wegen seines mangelhaften Begriffes von „Mein" und „Dein" dem Kulturmenschen wenig willkommen ist. Aber so gewohnt die Erscheinung dieses Volkes der Zigeuner den westeuropäischen Völkern ist, so wenig ist seine Herkunft bekannt. Ja, es herrschen über die Abstamnmng derselben die sonderbarsten und oft haarsträubend unsinnigen Meinungen. Eine derselben, die im Volke allgemein verbreitet ist, behauptet, die Zigeuner seien Semiten und direkte Nachkömmlinge verlotterter deutscher Juden. Obwohl das Widersinnige dieser Behauptung sofort jedem klar werden muß, der Zigeuner näher kennt, erscheint diese Meinung fast unausrottbar und tritt dem Zigeunerethnologen immer und immer wieder entgegen. Ja, selbst Behörden fallen, gleicherweise wie im Mittelalter, immer wieder in den Fehler, diesem Volksaberglauben Nahrung zu geben, indem sie auf amtlichen Formularen Zigeuner und Juden in eine Kategorie oder Spalte einschieben, respektive in Sätzen miteinander verquickend) Es dürfte daher sowohl im Interesse der Volkskunde, als auch zur Aufklärung der tatsächlichen Verhältnisse angebracht sein, die Unhaltbarkeit jener Meinung auf Grund historischer und ethnologischer Ergebnisse darzulegen. Ich habe bereits in dem „Internationalen Archiv für Ethnographie" (Herausgeber Prof. Dr. Nieuwenhuis Leiden), darauf hingewiesen, daß der Semitenhaß der Arier leider oft der Ethnologie große Schwierigkeiten bereitet hat. Auf keinem Gebiete der Volkskunde gilt dies mehr als auf dem der Zigeunerforschung. Während die Juden schon seit dem grauen Altertum in Westeuropa Wohnsitze innehatten, betraten die Zigeuner erst 1417, in langen Zügen, vom Orient her, das „heilige röm ische Reich deutscher Nation". Derselbe Kaiser Sigismund, welcher 1420 die österreichischen Juden so schwer bedrückte, gab den Zigeunern 1423 einen Schutzbrief und eigene Gerichtsbarkeit. Dieses Dokument betont nach Oefelius: „Ot Ciganos ommi sine impedimento ac perturbatione aliqua favere et conservare debeatis, imo ab omnibus, impetionibus et offensionibus tueri velitis: Si autem inter ipsos aliqua zizania seu pertusbatio pervenerit ex parte quorum cunque ex tune non vos, nec aliquis vestrum sed idem Wladislaus Woywoda (dem Herrscher der Zigeuner) judieandi et liberandi habeat facullatem.“* 2) (Das heißt etwa: (Wir wollen,) Daß man den Zigeunern kein Hindernis in den Weg legen und sie auf keine Weise beunruhigen, sondern sie begünstigen und unterstützen solle, ja man wolle sie gegen alle Angriffe und Beleidigung schützen. Wenn aber unter ihnen selbst irgendein Streit oder Aufruhr vorkomme, von welcher Seite es auch sei, so sollt nicht ihr oder einer der eurigen, sondern der Wladislaus Woywoda das Recht zu vermitteln oder freizusprechen haben.) Die Chroniken des 15. Jahrhunderts, z. B. die Berner Chronik von Justinger; Wurstissen, Basler Chronik usw. bezeichnen die Zigeuner mit dem trefflichen Titel „getaufte Heiden". Aus diesen beiden historischen Tatsachen geht zunächst hervor, daß bei der Einwanderung der Zigeuner der Gedanke, es mit einer jüdischen Volksmasse zu tun zu haben, noch gar nicht aufkam. Man hielt die Zigeuner auf Grund ihrer Aussagen für Heiden aus Aegypten, welche zwar getauft, aber deswegen doch noch keine richtige „Christen" seien. Daß man sie anfangs nicht mit Juden vermengte oder verwechselte, geht auch daraus hervor, daß 1492, als Ferdinand der Katholische alle Juden und Mauren unter blutigen Verfolgungen aus Spanien vertrieb, die Zigeuner blieben, obwohl man sie längst als ein diebisches Volk erkannt hatte. Schon allein diese historischen Tatsachen hätten die westeuropäischen Völker vor einer Verwechslung und Verquickung von Zigeunern und Juden bewahren müssen. Allein der Semitenhaß der christlichen Völker, und vor allem der Germanen, brachte eine derartige Verblendung hervor, daß diese Verquickung durch Jahrhunderte hindurch möglich war. Es ist hier erforderlich, in der Geschichte weit zurückzugreifen, um die Ursache dieser, aus Rassenhaß entstandenen, Verquickung einigermaßen verstehen zu können. Bekanntlich hatten die alten Germanen anfangs nach ihren Siegen die Juden in den eroberten Gebietsteilen wie andere 0 So noch 1909 erließ das Ethnographische Museum Budapest ein Fragerundschreiben an Ethnologen, in welchem Juden und Zigeuner zusammengeworfen wurden. Dr. Blocks „Oesterreichische Wochenschrift" hat diese Tatsache damals an den Pranger gestellt. (Dez. 1909.) Allein dieser Fall ist nicht'einzig dastehend. 2) Oefelius, Herum Boi«, scriptor. Augsburg 1763, I. Bd. 21