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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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I Monisten energisch auseinanderzusetzen und wird zu diesem Zweck aus Einladung der Kultusgemeinde in Wien dort im März die Stellung des Judentums zur monistischenBewegung zu kennzeichnen versuchen. In einzelnen feiner Werke hat sich der gelehrte Verfasser, eingehend mit der Soziologie beschäftigt. Für das Jahr 1911 ist er zum 1. Präsidenten des In8titut internationale äe Loeiologie mit Sitz in Paris ernannt worden, dessen letzter deutscher Vorsitzender Schmoller war. Auf Einladung der italienischen Regierung wird der internationale Soziologenkongreß im Oktober dieses Jahres zu Rom abgehalten werden. (Der jetzige Ministerpräsident Luzzatti war seinerzeit ebenfalls Vizepräsident des internationalen soziologischen Instituts in Paris>)Der einzige jüdische Präsident, den das Institut seit seinem Bestehen hatte, war Professor Achille Loriu, der bekannte Nationalökonom (von den: es nicht genau bekannt ist, ob er noch dem Judentum ' angehört). Als Stein vor acht Jahren neben Harnack der Sektion für Philosophie und Religionsgeschichte auf dem internationalen Historikerkongreß in Rom Vorstand, spielte sich ein merkwürdiger Vorgang ab, über welchen seinerzeit die „Allgemeine Zeitung des Judentums" einen ausführlichen Bericht brachte. Seit dem Ende des Jahres 1909 lebt Ludwig Stein, nachdem er seine Berner akademische Lehrtätigkeit freiwillig ausgegeben hat, in Berlin. Stein hat immer treu aus der Seite seiner Glaubensgenossen gestanden und ist lebhaft mit Wort und Tat für sie eingetreten. Der nachfolgenden Ausführung liegt ein Dortrag zugrunde, den Ludwig Stein zu Berlin in dem während des Winters' 1910 veranstalteten Zyklus von Vorträgen zugunsten des' Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums gehalten hat. Der, dem das Glück zuteil wurde, diese Stunden mit zu erleben — denn es war wirklich ein Erlebnis, kein bloßer Vortrag — wird mit Entzücken der sprudelnden, hinreißenden Art des Vortragenden gedenken. Jeder der Teilnehmer wird es mir danken, daß ich den verehrten Redner veranlaßte, den Vortrag in diesem Blatte zu veröffentlichen.'. Nicht geringere Anerkennung hoffe ich aber bei den vielen Berliner und auswärtigen Lesern zu finden, denen es versagt war, dem Vortrage beizuwohnen. Sie erhalten in der borliegenden Studie eine Behandlung und Lösung eines Problems, das uns alle beschäftigt, eine Widerlegung von Anschauungen, die stets von neuem in weit verbreiteten Zeitungen und Zeitschriften auftreten und soviel Unheil in. den Kreisen von Judenfreunden, selbst auch von Juden anstiften. Solche Belehrungen, wie sie hier mitgeteilt werden, veralten nicht. Wenn sich daher der verehrte Verfasser erst jetzt entschloß, meinen, unmittelbar nach dem Vortrag ihm geäußerten , Wunsch zu erfüllen und die vor einem Jahre mündlich gegebenen Ausführungen zu veröffentlichen, so haben diese, weder an Glanz noch an Wucht das mindeste eingebüßt. Eine Wochenschrift, wie die unsrige, ist weit eher als ein Tageblatt geeignet, solchen Darlegungen Raum zu gönnen. Der Leser kann mit Ruhe und Hingebung den Betrachtungen folgen; er soll zum Selbstdenken und wiederholtem Studium aufgefordert werden. Ich bin gewiß, daß der Genuß, den ich beim Anhören des Vortrags und beim Lesen der Abhandlung empfand, auch von allen Lesern geteilt wird. . lg. fiaa Lsllenprllbkm und dss Judentum. Von Prof. Dr. Ludwig Stein. t Einleitung. ©eit Anbeginn der beglaubigten Geschichte känrpfen Denker und Forscher aller Zonen und Zeiten für die Auflösung alles scheinbar Irrationalen im Prozeß: von Natur und Geschichte in Rationales, für die Znrückführung. alles verschwommen Mythologischen, das . dem Kindheitszustand des Menschengeschlechts angemessen ist, in klare logische Begriffe. Je mehr wir in der Natur Regel und Ordnung, Maß und Gesetz entdecken, desto mehr Geistiges und Göttliches finden wir in ihr vor. Zur „Mathematik der Natur", welche das^ Schlagwort der Romantiker um Schelling am Anfang des 19. Jahrhunderts bildete, gesellte sich am Ausgang des 19..Jahrhunderts, welches soziologischen Problemstellungen zuneigt, eine „Logik der Geschichte". Zufall und Willkür, welche das Lebenselement der mythologischen Gedankenbildungen darstellen, weichen mit wachsendem Einblick in den streng gesetzmäßigen Bau der Natur der besseren Einsicht, daß Maß und Zahl die Welt regieren. Da alles in der Welt mit Intelligenz geordnet erscheint, so müssen wir notgedrungen folgern, daß es aus einer Intelligenz stammt. Bacon behält recht. Mag auch ein kleiu wenig Philosophie von Gott hinwegführen, so wird eine Vertiefung in die großen Probleme von Natur und Geschichte zum ewigen Urgrund aller Dinge zurückführen. Ein tieferes Versenken in die religiösen Ge- ' dankenbildungen der Vorzeit zeigt uns durchweg, daß sich hinter den großen mythologischen Weltkonzeptionen, wie sie uns in den schroffen Gegensätzen von Brahmanismus und Zarathustralehre entgegentritt, ein logischer Kern verbirgt. Zerbrechen wir getrost die unhaltbar gewordene Schale des Mythologischen und schälen wir beherzt den logischen Kern : heraus. Das ist die Aufgabe der Wissenschaft. Nur dürfen! wir njcht die echte Wiffenschaft, deren einziges Ziel die 'Wahrheit ist, mit jener Pseudowissenschaft der Rassentheoretiker verwechseln, die einer bestimmten Tendenz dienen. Unsere! Wiffenschaft kennt keine „Zweckbebachtheit", keinen Teleologis- | mus, wie ihn jüngst Sombart sogar Spinoza anzudichten versuchte. Leibniz schreibt an den Rand seines Handexemplars,; der spinozistischen Ethik: Spinoza hat mit Descartes die eausae linales geleugnet; sie beständen nur in der menschlichen Einbildung. Der größte Vorwurf, den Leibniz gegen Spinozas „Ethik" erhebt, besteht gerade darin, daß Spinoza allen Teleologismus grundsätzlich preisgegeben hat. Wenn es je einen zweckbedachten Philosophen gegeben hat, so hieß er nicht Spinoza, sondern Leibniz. Die Wahrheit ist Selbstzweck, oder wie Spinoza sie definiert: sie beleuchtet sich selbst und ihr Gegenteil. Pseudowissenschast nenne ich jede „zweckbedachte Theorie", die eine Tendenz verfolgt, einem Parteizweck dient oder einer Liebhaberei, einem Apercu, einem Paradoxon zum Siege verhelfen möchte, die einem geistreichen Einfall zuliebe die Tatsachen der Geschichte so gruppiert, wie sie ihr passen, aber geflissentlich vor solchen Tatsachengruppen die Augen verschließt, die ihrer Lieblingsthese widersprechen. Ist die wahre Wissenschaft | eilt „Evangelium", so ist jede Tendenzwissenschaft — mit einem k Nietzscheschen Ausdruck — ein „Dysangelium" zu nennen, l Unterscheiden wir also zwischen wahrer Wissenschaft, die nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck ist, von einer Tendenzwissenschaft,, welche subjektive Wertungen an die Stelle von objektiver Wahrheit setzt, so möchten wir ebenfalls zwischen jener naiven Mythologie unserer Vorfahren, die aus dem

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