Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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wirtschaften könne: so legte er das Hauptgewicht auf gleichmäßig durchgeistigte Vorstellungen, diesem Sinne der Dichtung gerecht werden, auf' verständnisvolle, aber nichtprunkende Inszenierungen und auf die Erziehung junger Talente. Einige dieser Talente sind als Stützen des Ensembles seinem Unternehmen treu geblieben; andere fanden kraft seiner Schulung den Weg zu den ersten Kunstanstalten Deutschlands; immer aber wußte er durch neue Akquisitionen das Ensemble auf der Höhe zu erhalten, die den Bedürfnissen der Gebildeten entspricht. Der Erfolg war und ist ein überaus erfreulicher. Von Jahr zu Jahr steigerte sich der Besuch des Schiller- Theaters; immer größer wurde die Bewerbung um die Abonnementsplätze — keine zweite Bühne Berlins kann sich rühmen, ein so ständiges treues Publikum zu besitzen, das nicht bloß dieser oder jener Neuheit mit Vertrauen entgegenkommt, sondern das in immerwährender Fühlung mit der Kunstanstalt bleibt, das jeden ihrer Schritte mit Teilnahme begleitet, und das sich mit dem Hause dauernd verbunden fühlt. Geistige Bedürfnisse waren hier befriedigt und geweckt worden, und nachdem die Probe auf die Rechnung so glänzend gelungen war, ging Löwenseld daran, die Wohltaten des Schiller-Theaters noch weiteren Volkskreisen zu erschließen. Vor bald zehn Jahren pachtete er das alte Friedrich'Wilhelmstädtische Theater in der Chausseeftraße für ein zweites Schiller-Theater, das einige Jahre blühte, aber später dem Friedrich- Wilhelmstädtischen Schauspielhause seinen Platz räumte, als Löwenfeld in die Lage kam, seine Erweiterungsgedanken in wirksamerer und originellerer Weise auszuführen. > Mit Hilfe der Stadt Charlottenburg hatte er nämlich zwischendurch ein neues Schiller-Theater im Westen begründet, das als Neubau seiner Vorstellung von den Einrichtungen einer Volksbühne vollkommen angepaßt war. Am 1. Januar 1907 * wurde dieses Schiller-Theater- Charlottenburg wie die ältere Schwesteranstalt mit Schillers „Räubern" eröffnet, und die Vorstellung fand ebensoviel Beifall, wie das neue, amphiteatralisch gehaltene Haus, das von allen mählich ansteigenden Plätzen -einen vorzüglichen Blick auf die Bühne gewährt, und deffen ganze Einrichtung den demokratischen Gedanken ausprägt. Dieses neue Gebäude 'wurde zugleich mit einem prächtigen Konzertsaal ausgestattet, in dem allsonntäglich durch Dichter- und Komponistenabende, deren Einführung in Berlin gleichfalls auf Löwenfelds Initiative zurückzuführen ist, für die edelste Volksunterhaltung gesorgt wird und bildet nun seit Jahren ein Zentrum für das geistige Leben des mächtig anwachsenden Charlottenburg. Ein großer Reichtum humanen, echt volksfreundlichen Wirkens war in das Leben des rastlosen, geistigen Arbeiters eingeschlossen, den wir betrauern. Raphael Löwenfeld hatte jene Art des Enthusiasmus, den Eduard Süß einmal „die kalte Begeisterung" genannt hat, jenes zur Tat hindrängende Gefühl, das nicht nach dem ersten Aufflammen verflackert und erlischt, sondern die Energie andauernd in Bewegung setzt und zur Ueberwindung aller Hindernisse wappnet, bis der gute Zweck erreicht ist. Alle seine geistigen Kräfte, sein Literatur- und Kunstverständnis, seine erfinderische Teilnahme für Volksbedürfnisse, sein reiches Wissen und seine kluge Rhetorik stellte er in den Dienst des Altruismus, der seine Arbeit für Volksbildung beseelte. Ein liebenswürdiges, grundsatztreues und' doch konziliantes Wesen, das ihm von Natur gegeben war, eine anheimelnde Schlichtheit der Umgangsformen, die seine Propaganda für geistige Interessen von jeder Afsektion frei hielt, eine vertrauenerweckende Wärme des Herzens unterstützten ihn bei allen wohltätigen Unternehmungen. In seiner Schöpfung im Schiller-Theater werden zugleich mit seinen fruchtbaren Gedanken die sympathischen Grundzüge seiner Persönlichkeit, die individuellen Vorzüge seines Wesens, die sich in seinem Werke ausprägen, weiterleben. Ludwig Stein dessen Bild wir den Lesern heute vorführen, und von dem wir gleichzeitig eine grundlegende Abhandlung zur Veröffentlichung bringen, ist im Jahre 1859 zu Erdö-Benhe in Ungarn geboren. Er besuchte die Gymnasien in Papa und Zwolie, studierte auf der Universität Berlin, promovierte in Halle. Im Jahre 1886 wurde er Privatdozent der Philosophie an der Universität und am Polytechnikum in Zürich, in welcher Stadt er gleichzeitig das Amt eines Rabbiners bekleidete. Im Jahre 1889 wurde er ordentlicher Professor der Philosophie am Polytechnikum, im Jahre 1891 erhielt er einen Ruf in gleicher Eigenschaft an die Universität Bern, wo er bis Ende 1909 mit dem bedeutendsten Erfolge lehrte und wirkte. Neben einer außerordentlich bedeutsamen akademischen Lehrtätigkeit entfaltete er eine reiche schriftstellerische Arbeit. Von seinen Werken seien genannt: die „Willensfreiheit" 1880; die „Psychologie der Stoa" 1886; die „Erkenntnistheorie der Stoa" 1888; „Leibnitz und Spinoza" 1890: „Friedrich Nietzsche" 1893; „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie" 1897, 2. Auflage 1903; „An der Wende des Jahrhunderts" 1899; „Der Sinn des Daseins" 1904; „Der soziale Optimismus" 1905; „Anfänge der menschlichen Kultur" 1906; „Philosophische Strömungen der Gegenwart" 1908. Außer diesen selbständig erschienenen Arbeiten leitete Stein während seiner Universitätstätigkeit die Berner Studien für Philosophie und ihre Geschichte und gibt das Archiv für Geschichte und Philosophie sowie das Archiv für systematische Geschichte heraus. Das im Verein mit Eduard Zeller 1887 gegründete und vortrefflich geleitete Archiv für Geschichte der Philosophie tritt in diesem Jahre in seinen 25. Jahrgang. Die neueste Schrift Steins „Dualismus oder Monismus?" Berlin 1911, ist für Steins Stellungnahme wie zum Judentum so zum Monistenbund von Belang. Der Verfasser gedenkt sich mit den Professor Dr. Ludwig Stein.