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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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verknüpft bleiben wird, nämlich der Plan zur Errichtung einer volkstümlichen Bühne, die — abgelöst von Erwerbszwecken, Sensationssucht und Zugstückkultus — den bildungs- und kunstsreudigen Elementen des Volkes nach einem wohlüberdachten Plane die. alten und neiM,.Schätze der dramatischen ^Literatur vermittelt, und die ökonomisch derart eingerichtet ist, ' daß den Minderbemittelten nicht etwa bloß der gelegentliche Besuch dieser oder jener Vorstellung, sondern der regelmäßige Theatergenuß, die anhaltende Teilnahme an den Darbietungen der Bühne, die ein organisches Element des geistigen Lebens bildet, ermöglicht wird. Mit Tatkraft und^Besonnenheit ging er in der ersten Hälfte der neunziger Jahre an die Ausführung dieses Plans, und was ihmdabei ganz besonders das Vertrauen hilfreicher Kräfte, namentlich der opferwilligen finanziellen Stützen des Unternehmens erwarb, das war die seltene Vereinigung literarischer Tüchtigkeit und künstlerischen Sinnes mit eminent praktischen Fähigkeiten, die alle gewählten Mittel dem großen Kulturzwecke anzupassen. Während Löwenfeld auf der einen Seite auf Grund ausgezeichneter Kenntnisse und eines gesunden Urteils ein Programm für die Pflege der nationalen und der Weltliteratur entwarf, das dem Gefühl und Verständnis weiter Volkskreise entgegenkam, arbeitete er zugleich mit altruistischer Phantasie und mit Klugheit die Gesetze und Einrichtungen der neuen Anstalt aus, der er den seither so populär gewordenen Namen „Schiller- Theater" gab. Er schuf mit der Uebersicht eines Finanzmannes ein Abonnement, das den Teilnehmern die Möglichkeit gab, um den Preis von nicht viel mehr als einer Mark alle neueinstudierten Stücke des Theaters von einem guten, bequemen Platze aus zu sehen, und das auf der anderen für den Bestand der Bühne neben den Reservekapitalien, die zur Verfügung gestellt wurden, eine sichere Grundlage bot; er schränkte die Zahl der Wiederholungen eines neuen oder neueinstudierten Stückes auf ein Dutzend ein, aus eine Zahl, die allen für die Darbietungen interessierten Freunden des Hauses die Möglichkeit gibt, die Vorstellung zu sehen, die aber anderseits die überwiegende Pflege des Zugstückes, die jeden Spielplan zerstört, ausschließt; er schaffte die für viele Theaterbesucher so drückenden Nebengebühren für Garderobe und Theaterzettel ab, führte einen überaus praktischen Garderobenmodus ein, der selbst bei massenhaftem Besuch des Theaters das - Gedränge der Davoneilenden ausschließt und schuf etwas Neuartiges von hohem Wert, indem er das Theaterprogramm, das jeder Besucher erhält, zu einem literarisch orientierenden Hefte erweiterte, das über Dichter und Dichtung belehrt und außerdem charakteristische Literaturproben in sich schließt. Alle diese Einrichtungen haben sich als mustergültig bewährt und sind an vielen Orten nachgeahmt, worden. Aber auch in den großen, entscheidenden Fragen traf er das Richtige. Er pachtete für "seine neue volkstümliche Bühne das'alte Wallnertheater, .das-iev entsprechend erneuern ließ, ein Haus, daß'durch seine Lage den volkstümlichen Elementen, auf die es ihm ankäm, bequem zugänglich ist, das eine große Menschenmenge fassen , kann, und das anderseits nicht zu groß und akustisch genug ist, um den Zwecken des Schauspiels zu dienen. Und er wußte mit Scharfblick für junge Talente ein Ensemble an sich zu fesseln, das unter seiner Leitung den Geist der Dichtung getreulich vermittelte und anderseits dem Unternehmen, das selbst bei lebhaftester Teilnahme aus keine allzugroßen Erträgnisse rechnen durfte, keine unerschwing-' lichen Lasten auserlegte. Als er am 30. August 1894 mit den „Räubern" sein Schiller-Theater eröffnete, feierte sein Gedanke einen vollständigen Sieg. _ Was uns heute schon ein Erwerb für Berlin geworden, an den wir uns gewöhnt haben, und den wir uns aus dem geistigen Leben der deutschen Weltstadt gar nicht mehr hinwegdenken können, wirkte damals mit Recht als eine große Errungenschaft; zum erstenmal war eine edlen Intentionen dienende Bühne für die Hunderttausende von Berlin geschaffen, war eine künstlerische Ehrenschuld an das geistig angeregte Volkstum von Berlin beglichen. Und Löwenfelds Eifer 'erlahmte nicht, als der nächste Zweck erreicht, als die Bühne begründet war. Lange Jahre hindurch wirkte er dafür, neuen Boden für seine Pläne zu gewinnen, dem Repertoire neue geistige Grundlagen zu geben, das Ensemble und die Inszenierungen zu heben und dem bewährten Gedanken neue Stätten zü schaffen. Während er fortsuhr, mit dem eisernen Bestand unserer klassischen Literatur zu arbeiten, war er zugleich darauf bedacht, das Lebensfähige der jüngeren Dramatik, soweit es ihm nur zugänglich war, für seinen Spielplan einzuführen; er wählte für diesen Teil des Repertoires iü kluger Weise die Stücke, deren Erfolg. nicht mit der Sensation verrauschte, so daß sein modernes Repertoire dem Publikum des Schiller-Theaters eine Auslese bot und den aufgenommenen Dramen das Zeugnis dauernden Wertes ausstellte. Er wagte es wiederholt mit Neuheiten, an denen die Einseitigkeit der Modebühnen vorbeiging, und — was besonders hoch anzuschlagen ist — er führte mit sicherer Hand sein Publikum von leichteren zu schwierigen Dichtungen empor; an seinem Theater fand in späteren Jahren der zweite Teil von Goethes „Faust", fanden „Der Kaiser und der Galiläer" von Ibsen, fanden die Lustspiele von Hebbel verständnisvolle Aufnahme. Was,die schauspielerischen Darbietungen.anlangt" so machte er sich klar, daß er mit dem Starshstem unmöglich

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