Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Derselben Quelle entnehmen wir nachstehenden Bericht über den Handwerkerkongreß in St. Petersburg und die; Beteiligung der Juden daran. Nachdem die Regierung seinerzeit die Erlaubnis zur Abhaltung , einer Konferenz jüdischer Handwerker mit dem Hinweis auf den bevorstehenden allgemeinen Handwerkerkongreß, wo die jüdischen^Handwerker auch ihre speziellen jüdischen Interessen würden vertreten können, abgelehnt hatte, sah man sich in jüdischen Handwerkerkreisen veranlaßt, an dem allgemeinen Handwerkerkongreß teilzunehinen. Nach großen Schwierigkeiten gelang es, für die jüdischen Kongreßdelegierten das Aufenthaltsrecht in Petersburg für die Dauer des Kongresses, freilich unter recht lästigen und umständlichen Bedingungen, zu erwirken. Und so nehmen denn an dem gegenwärtig in Petersburg tagenden Kongresse etwa 75 jüdische Delegierte aus verschiedenen Städten des Ansiedlungsrahons teil. — Ter Kongreß hatte bereits wiederholt Gelegenheit, jüdische Angelegenheiten zu berühren. So wurde von den Vertretern verschiedener russischer Handwerkergruppen im Interesse einer freien Entwicklung des Handwerks die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrahons verlangt. Diese Forderung rief natürlich den stürmischen Protest eines Teiles der Kongreßteilnehmer hervor. Auf der Tagesordnung des Kongresses steht unter anderem auch die Frage der Sonntagsruhe. Das vorbereitende Komitee beanlragt diesbezüglich die Aufrechterhaltung des Status guv, wonach der Sonntag als offizieller Ruhetag gilt, den kommunalen Selbstverwaltungsbehörden aber das Recht zusteht, den lokalen Verhältnissen entsprechend eventuell einen anderen Ruhelag als den Sonntag festzusetzen. Hingegen fordert die Warschauer Sektion der russischen Handelsgesellschaft die absolute Sonntagsruhe. Es fehlt auch nicht an Anträgen, die direkt gegen die Interessen der jüdischen Handwerker gerichtet sind. So verlangte ein Petersburger Delegierter das absolute Wohnverbot für jüdische Handwerker in Stadt und Gouvernement Petersburg, ähnlich wie dies in Moskau . der Fall ist. Die Vertreter der Handwerkerorganisation der Stadt Tula gehen einen Schritt weiter und verlangen ein ähnliches Verbot für das gesamte Innerrußland. ' In Amerika, und zwar in New Jork fand vom 17. bis 19. Januar die 22. Versammlung der amerikanischen irdische nGeme in den (Kongregatious) statt. Sehr viele Reden wurden gehalten, unter anderen auch eine wuchtige von Karl Köhler für die Reform. Andere Redner versuchten die Bedeutung der Orthodoxie und die Berechtigung des Zionismus auseinanderzusetzen. So bedeutsam auch diese Reden waren, das wichtigste bei dieser Versammlung, wie bei jeder derartigen, bleiben die Beschlüsse. Diese bestehen im wesentlichen in einem Protest gegen die russische Regierung. Der Protest lautet folgendermaßen: „Seit länger als einem Menschenalter sind Pässe, die von unserer Regierung amerikanischen Bürgern ausgestellt werden, von Rußland offen und andauernd mißachtet worden. In Verletzung seiner Vertragspflichten und der Gewohnheiten zivilisierter Völker. Während dieser Zeit hat eine jede Verwaltung, welcher Richtung sie auch angehörte, gegen diese Beleidigung und Erniedrigung protestiert, der Kongreß hat wiederholt Verwahrungen eingelegt gegen diese Beschimpfung unserer nationalen Ehre, die Diplomatie hat sich in erfolglosen Anstrengungen erschöpft. Das amerikanische Bürgertum, das sein Vaterland liebt, ist dadurch erniedrigt worden, und empfindet es ernst, daß ein solcher Zustand nicht länger geduldet werden darf. Daher wird beschlossen: es ist Ansicht dieses Kongresses, der nicht als Vertretung der Juden spricht, sondern als eine Körperschaft amerikanischer Bürger, die die Ehre der Nation zu wahren beflissen ist, der gemeinsam mit allen anderen Bürgern von dem edlen Wetteifer erfüllt ist, das moralische und politische Banner zu erheben, das Bewußtsein ihrer idealen Mission unter allen Völkern der Erde verbreiten, es ist seine Ansicht, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, das Staatsdepartement und der Kongreß ehrerbietigstund ernstlich angegangen werden solle, unmittelbare Maßregeln zu ergreifen, im'Anschluß an die zwischen Amerika und Rußland bestehenden Verträge und an das Völkerrecht, daß, wenn Verträge zwischen diesen beiden Nationen bestehen sollen, dies nur unter solchen Bedingungen und Garantien geschehen dürfe, wie sie der Würde des amerikanischen Volkes zukomme." Wir können diesen männlichen Worten nur hinzufügen: Bravo! Lsphsel Läwenkeld. Bild des ausgezeichneten, in seiner Eigentümlichkeit . einzigartigen Mannes begleiten wir mit einer Würdigung seines Wesens und seiner Leistungen, die Alfred Klaar, der feinsinnige Redakteur der „Vossischen Zeitung" unmittelbar unter dem Eindruck des Todes des vortrefflichen Mannes geschrieben hat. Der Abdruck des nachstehenden Artikels erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers: „Das geistige Berlin hat einen schweren Verlust erlitten, und alle Freunde volkstümlicher Kulturbestrebungen sind in Trauer um einen der tatkräftigsten und erfolgreichsten Vorkämpfer ihrer Ideale versetzt: Dr. Raphael Löwenfeld, der Begründer und Direktor der Berliner Schiller-Theater, ist einem langen, tückischen Leiden erlegen. In diesem praktischen Idealisten, der frei von Dünkel, Modesucht und Jch-Kultus, eine hohe Bildung und ein starkes Talent in den Dienst der volkstümlichen Kunstpflege stellte und mit bewundernswerter Hingebung fruchtbare Gedanken verwirklichte, geht uns eine unersetzliche Kraft verloren, und der Schmerz Um seinen Hingang wird nur durch den Ausblick auf sein Lebenswerk gemildert, das er so energisch und weise angelegt und durchgeführt hat, daß es in seiner lebendigen Blüte wohl für alle Zukunft gesichert erscheint. Raphael Löwenseld wurde zu Posen am 11. Februar 1854 geboren und stand somit erst im 57. Lebensjahre. Seine zähe Natur, die sich mit rastlosem Arbeitseifer betätigte, schien eine längere Lebensdauer zu verheißen. Als jugendlicher Doktor der Philosophie trat er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in das Berliner Literaturleben ein, tat sich als Mitarbeiter großer Zeitungen hervor und erlangte eine spezielle Bedeutung durch seine Arbeiten über russische Literatur, die ihm im Originale vertraut war und mit deren Häuptern er wiederholt lebhaften Verkehr pflegte. Er erwarb sich das Verdienst, Leo Tolstois Persönlichkeit und Werke den Deutschen vertraut zu machen. Seinem ersten Buche über den großen Russen „Gespräche über und mit Tolstoi" ließ er 1891 eine ausgezeichnete Tolstoi-Biographie folgen, und bald daraus begann er eine sorgfältige Uebertragung der Tolstoischen Werke, deren acht Bände am meisten dazu beigetragen haben, den Ruhm des russischen Dichters und Denkers m Deutschland zu verbreiten. Auch Tolstois Hauptdrama „Die Macht der Finster-, nis" ist in Löwenfelds Uebertragung auf unsere Bühnen gekommen. Es macht einen tragischen Eindruck, daß dem großen Meister von Jasnaja Poljana sein in kräftigstem Mannesalter stehender Apostel. sobald in das Schattenreich folgen mußte. Löwenfeld war mit Tolstoi nicht nur durch literarisches Interesse, sondern auch durch die Verwandtschaft sozial-ethischer Empfindungen verbunden, und aus dieserGesühlssphäre heraus reifte dem künstlerisch veranlagten Humanisten der fruchtbare Gedanke, mit deffen Verwirklichung sein Andenken für immer