Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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Ausgestaltung dieses Pavillons nahm Freiherr v. Rothschild persönlich den lebhaftesten Anteil. Auch an der Erweiterung des von Salomo» v. Rothschild errichteten und in die Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien übergegangenen Spitals am Währingergürtel hat Albert Freiherr v. Rothschild großen Anteil genommen. Ihm ist es zu verdanken, daß vnr zwei Jahren das Spital durch einen Neubau vergrößert; wurde, in welchem die chirurgischen Abteilungen für Männer und Frauen, mehrere Operationssäle und mustergültige, für die Krankenbehandlung und Krankenpflege notwendigen Einrichtungen geschaffen wurden. Albert Freiherr v. Rothschild hat ein großes Privatbureau für Wohltätigkeitszwecke eingerichtet und, ließ sich über die Agenden dieses Bureaus und jedes der eingelaufenen Ansuchen berichten. Dieses Sekretariat war mit einer großen Machtvollkommenheit ausgestattet, Um in wichtigen Fällen sofort tatkräftig einzugreisen. Eine große Zahl von Humanitären Institutionen erfreute sich seiner ständigen wirksamen Förderung. Die große Stiftung für arme Nervenkranke, welche von Nathaniel Freiherrn v. Rothschild begründet wurde,'hatte der Dahingegangene im mannigfaltiger Weise gefördert. Die Erbauung des Sanatoriums für Nervenkranke auf dem Rosenhügel ist auf seine Initiative zurückzuführen. Ein Artikel der „Vossischen Zeitung" „Juden als Einjahrig-Freiwillige" rekapituliert die bekannten Vorgänge, die Erklärungen der früheren Kriegsminister und des gegenwärtigen, daß sie nicht glauben, jüdische Freiwillige seien wegen ihres Glaubens schlecht behandelt worden, und daß sie nicht der Meinung sind, Juden könnten ihres Glaubens wegen nicht zu Reserveoffizieren befördert werden. Der Artikel weist ferner auf die Bemerkung des jetzigen Kriegsministers hin, daß offiziell keine Daten vorlägen, daß Juden ihres Glaubens wegen vom Avancement ausgeschlossen seien, so wie auch dessen Versprechen, Remedur eintreten zu lassen, sobald derartige Fälle bekannt würden. Endlich erwähnt er eine Verfügung des Kriegsministers, wonach die anstandslose Ernennung der Inden zu Unteroffizieren im Widerspruch stände mit der Bef merkung, daß die Juden sich nicht zu Vorgesetzten eignen, in gleichem eine Bestimnuing desselben Ministers, laut der die einzelnen Offiziere zur Zurückhaltung in Erteilung von Einzels Zeugnissen ausgesordert würden, da solche von den Benachteiligten oder deren Familienangehörigen als Grundlage von Beschwerden benutzt würden. Der sehr ausführliche Artikel schließt mit folgenden Worten: Indem das Kriegsministerium die außerdienstlichen Aeußerungen möglichst einschränkt, erschwert es, vielleicht gegen seine Absicht, den Nachweis der wahren Gründe für die Nichtbejörderung im Einzelfall, nachdem ursprünglich der Departementsdirektor Sixt v. Armin ausdrücklich zur Erbringung dieses Nachweises aufgefordert und neuerdings der Kriegsminister v. Heeringen Abhilfe nur für den Fall versprochen hatte, wenn in einem Einzelfall der geforderte Nachweis-erbrachte werde. Zedenfalls wird in Zukunft das Kriegsministerium eine Beantwortung der allgemeinen Beschwerde nicht mehr damit abweisen können, daß ihm zunächst bestimmte Einzelfälle ungerechter Benacheiligung nachgewiesen werden möchten. Vielmehr wird der Kriegsminister seinerseits den Nachweis zu führen haben, daß gegenüber allen jüdischen Einjährigen gerecht vorgegaugeu sei, obwohl die auffällige Tatsache vorliegt, daß — im Gegensatz zum früheren Zustand — seit 30 Jahren im preußischen Kontingent kein einziger Soldat jüdischen Bekenntnisses, aber zahlreiche Christen reinjüdischer Abstammung Reserveoffizier geworden find. .ß>\ Einen kleinen antisemitischen Skandal gab es auch in Paris. Dort wurde.Professor W'ahl, der Lehrer des bürgerchen Rechts, durch eine. Studentendemonstration gehindert. seine Vorlesung zu halten; die Studenten brachten ihm vor seinem Hause eine Katzenmusik und mußten durch die Polizei ' vertrieben werden. Als Grund für diese wüste Demonstration wird angegeben, daß Wahl bei den von ihm veranstalteten Prüfungen allzu große Strenge geübt habe;, wahrscheinlich ist aber der wirkliche Grund in dem Umstand zu suchen, daß Wahl Jude ist. * . Den Freunden der Bestrebungen, die Juden in Palästina anzusiedeln und sie dort zu Ackerbauern zu erziehen, denen wir schon aus dem Grunde keine Begeisterung entgegenbringen, weil durch solche Ansiedlung der Gedanke gestärkt wird, als betrachteten wir wirklich Palästina als unser Vaterland, nach welchem die Rückkehr uns erwünscht scheint, möge ein Vortrag zu denken geben, den Regierungsbaumeister Stephan im Zweigverein der deutschen Kolonialgesellschast zu Berlin am '6. Februar gehalten hat. In seinem Vortrog berührte er auch die viel erörterte Frage einer etwaigen Besiedlung Mesopotamiens mit deutschen Kolonisten. Selbst vorausgesetzt, daß die uns befreundete türkische Negierung hierzu ihre Einwilligung gäbe, könnte vor einem solchen Unternehmen nicht dringend genug gewarnt werden. Das Klima mit seinen hohen Temperaturen bei Tage — bis zu'50 Grad Celsius — und seinen Temperaturstürzen während der Nacht, dazu die ungünstigen Verhältnisse in gesundheitlicher Beziehung, wie Fieber aller Art, Bagdädbeulen, Augenentzünduugen, würden die dauernde Niederlassung deutscher Kolonisten geradezu unmöglich machen, ganz zu schweigen von den für Andersgläubige aus dem religiösen Fanatismus der Mohammedaner erwachsenden Gefahren. Ein ununterbrochener Aufenthalt von mehr als zwei Jahren, zumal bei anstrengender körperlicher Beschäftigung, wäre für einen abendländischen Ansiedler nicht durchführbar. Ein lohnendes Arbeitsfeld kann sich dagegen in Mesopotamien der Kaufmann schaffen, und es ist erfreulich zu sehen, wie auf kommerziellem Gebiete der deutsche Kaufmann mit dem englischen in einen erfolgreichen Wettbewerb getreten ist. v Der Großrabbiner von Konstantinopel, R. Haim Nachum, der schon lange seitens der Regierung mit großen Ehren bedacht wurde, ist zum Senator ernannt worden. Das ist jedenfalls eine ganz ungewöhnliche Auszeichnung, der man sich um der Sache und um der Person des Geehrten willen, freuen darf. Ganz glatt scheint aber die Angelegenheit nicht abgehen zu wollen. Die „Neue Jüdische Korrespondenz" berichtet nämlich: . - „Rabbi Haim Na hu in beabsichtigt, dem Vernehmen nach, an den Sultan die Bitte zu richten, es möchte ihm nach seiner Ernennung zum Senator noch gestattet werden, provisorisch als Großrabbiner zu fungieren, bis die türkischen Gemeinden sich über die Wahl seines Nachfolgers schlüssig geworden sind. Rabbi Nahnm möchte jetzt die Wahlen in den Mselüiseli Urnumi möglichst rasch durchgesührt sehen, damit sein Nachfolger geordnete Gemeindeverhältnisse in Konstantinopel vorfinde. Vorläufig kann man über die Person des zukünftigen Großrabbiners noch nichts Bestimmtes sagen, doch werden in maßgebenden Kreisen folgende Kandidaten genannt: Rabbi Jakob Meir, Chachambaschi von Saloniki. Rabbi Haim Bejsrano, Chachambaschr von Adrianopel, und Rabbi Abraham Tanon, Rektor des Konstantinopler Nabbinerseminars. Inzwischen verlautet in gutunterrichteten Kreisen, daß zahlreiche Notabeln der jüdischen Gemeinden des Reiches sich telegraphisch an den Großwesir, an den Kultusminister und an den Minister des Innern mit dem dringenden Ersuchen gewandt haben, mit Rücksicht auf die zerrütteten Gemeindeverhältnisse und die vielfachen Parteikämpfe innerhalb der ottomanischen Judenheit von der Ernennung Rabbi Nahums zum Senator abzusehen, um nicht neue heftige Kämpfe und Leidenschaften heraufzubeschwören, die bei der Wahl eines Großrabbiners unvermeidlich wären. *