Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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r deutschen -Volkes Hätten alle über die Juden, absprechend geurteilt, s Ä und es sei nicht zu bestreiten, daß die Juden in der Diaspora nichts Großes oder Hervorragendes geleistet haben. Dann nahm Dz^Ja^fa, ein Gegner des Zionismus, das Wort und erwiderte, mar^ollte -dafür sorgen, daß die Juden treue Volksgenossen seien. Die Judent öie in den Tempel gehen, verstehen gar nicht Hebräisch. Worauf i es hier vor allem ankomme, sei die Frage, ob der Zionismus in seiner eigentlichen Wirksamkeit eine Gefahr für das Judentum sei, und diese Frage sei keine religiöse, sondern eine nationale. Diese ^/Bewegung sei eine schwere Gefahr für das Judentum. (Stürmischer ^'Beifall.) Der Zionismus habe zwar das Selbstgefühl der Juden gestärkt, aber sonst habe er nichts Positives hervorgebracht. Daß er so wenig leiste, sch on das sei eine schwere Gefahr für die Juden heit. Wenn Dr. Witkowski sage, daß die Juden nun einmal in daS deutsche Milieu nicht hineinpassen, so sei dies aus zionistischem Munde nur eine Bestätigung dessen, was die antisemitischen Gegner gesagt haben. (Stürmischer Beifalls Diese Tatsache allein schon zeige die Gefahr des Zionismus. Es sei nicht wahr, daß Juden nichts Hervorragendes geleistet haben, man denke nur an Liebermann, Ehrlich und andere. Wir wollen, so ruft der Redner aus, die Kultur unseres Vaterlandes,In dem wir leben, in uns ausnehmen. Der Zionismus gibt dem Judentum falsche Ideale und entzieht diesem die jungen Kräfte. - Man solle dahin wirken, daß die Juden, gleichberechtigte Glieder des Vaterlandes seien und das Trennende abstreisen- Minutenlanger stürmischer Beifall lohnte den Redner, nach welchem Dr. Löwe nochmals den zionistischen Standpunkt verteidigte. Dr. Osborn sprach gegen den Deutschen Jugendbund, den vorher Ä^Hnnon verteidigt hatte. Erst um V/2 Uhr nahm die Versammlung ihr Ende. Der folgende Vorgang, der sich im österreichischen Abgeordnetenhaus abspielte, verdient eine Erwähnung. In der Sitzung vom 7. Februar kam es bei Verhandlung des Hausiergesetzes zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen dem, jüdischen nationalen Abgeordneten Mahler und dem deutschnationalen Abgeordneten Malik. Eine.Berliner Zeitung berichtet darüber: Der Abgeordnete Malik rief dem Abgeordneten Mahler zu: „Saujud, Dreckjud, Affe, ich hau Dir ein paar Watscheln runter", worauf ihm Mahler. „Lügner" zurief und „Sie sind ein Lausbub" sagte. Abgeordneter Malik griff den Abgeordneten Mahler tätlich an; darauf ließ der Abgeordneten' Mahler den Abgeordneten Malik durch seine Zeugen fordern. Der Abgeordnete Malik erklärte, keine Satisfaktion zu geben, machte einen Formfehler geltend, da die Forderung um einige Minuten zu spät erfolgt sei. Der jüdische Abgeordnete Mahler, der acht schlagenden Verbindungen angehört, hat vier Säbelduelle und ein Pistolenduell ausgefochten. Er erklärte: Wenn ich nicht Jude wäre, so wäre es mir nicht im geringsten eingefallen, auf diese Angelegenheit zu reagieren. Als Jude fühle ich mich verpflichtet, dem Märchen von der jüdischen Feigheit entgegenzutreten. Ich halte es für meine Pflicht, zu beweisen, daß es keine spezifisch jüdische Feigheit gibt. , Auf die Erklärung des Abgeordneten Malik erfolgte ein Schreiben des Vertreters Mahlers, des Abgeordneten Pittaco: Es wird darin festgestellt, daß das Verhalten Maliks gleichbedeutend ist mit einer Satisfaktionsverweigerung. Abgeordneter Mahler erklärt, daß es ersichtlich sei, daß der Abgeordnete Malik nicht gesonnen sei, für seine Worte und Handlungen elnzustehen. Er überlasse die Kritik ruhig der Oeffentlichkeit. Es kann uns gewiß nur erfreulich sein, daß ein Jude auch öffentlich Mut zeigt, und man wird einem temperament- . vollen Mannwenn er von einem rohen Gegner angepöbelt wird, es nicht weiter übel nehmen, wenn er sich zu Ausdrücken Hinreißen läßt, die in der guten Gesellschaft nicht üblich sind. Nach unseren Begriffen von Ehre vermag freilich ein Duell, keine Beleidigung aus der Welt zu schaffen, denn durch den Zufall der Waffen wird keine Ehre, wenn sie verletzt sein sollte, wieder hergestellt. Daß auch wir das unerhörte Verfahren des. deutsch-nationalen Abgeordneten höchlichst miß billigen, bedarf keiner besonderen Erklärung. * Wiederum ist einer von dem Hause Rothschild dahingegangen. Der Chef des Wiener Bankhauses Albert v. Rothschild ist zu Wien am 11. Februar gestorben. Aus einem Artikel des „Berliner Tageblatts" sei folgende kurze .-Lebensskizze entworfen: Um 1I210 Uhr vormittags hatte Barou Rothschild, der im ( Alter von 68 Jahren stand, soeben ein Bad genommen und wollte sich ankleiden. Hierbei wurde er von einem Schlaganfall getroffen und war nach wenigen Sekunden tot. Er ist nur drei Tage unwohl gewesen, fühlte sich heute besser und wollte ins Bureau. Hierbei hat ihn der Tod ereilt. Baron Rothschild hatte seine kaufmännische Erziehung in dem Bankhause Wehrend in Frankfurt erlangt. Noch zu. Lebzeiten seines Vaters Anselm trat er in die Firma ein, besuchte die Wiener Börse, und beteiligte sich auch an den Geschäften des Hauses. Mitte der siebziger Jahre trat er nach dem Tode seines. Vaters an die Spitze des Wiener Hauses. Er hielt darauf, die Ueberlieferungen des Hauses Rothschild fortzusetzen. Er fühlte sich in erster Linie als Kaufmann und Finanzmann. Stets wollte er eS vermeiden, nur der reiche Rothschild zu sein. Besonders an allen großen staatlichen Finanzgeschäften, die seit vier Dezennien in Oester«; reich-Ungarn zur Durchführung gelangten, hat er persönlich hervor- I ragenden Anteil genommen. Er hatte einen sicheren Blick für die j[ Gestaltung der wirtschaftlichen Konjunktur und war stets eifrig bej müht, sich ein genaues Bild von den Strömungen auf dem Weltmarkt zu schaffen. Er stand mit den hervorragendsten Finanzleuten in stetem Kontakt, unter anderem auch mit dem alten Bleichröder .in Berlin. Baron Rothschild hat sich ungemein lebhaft an dem gesellschaftlichen Leben in Wien beteiligt und überall, wo sich die vornehme Welt versammelte, konnte man die hohe, schlanke Gestalt des Barons Rothschild auftauchen sehen. Er hatte eine Menge von Passionen und trieb alle mit. Leidenschaft. Er war ein hervorragender Kunstsammler; mit besonderer Vorliebe beschäftigte er sich mit der photographischen Kunst und galt als einer der besten Amateurphotographen Oesterreichs. Seine photographischen Porträts waren häufig in Kunstausstellungen zu sehen. Er war auch ein eifriger Sportsmann. Seine Jagd war bekannt. Er war ein ausgezeichneter Schlittschuhläufer und fand auch noch die Zeit, sich mit astronomischen Studien zu beschäftigen. Wiederholt wies er den staatlichen Observatorien namhafte Geschenke zu. Er war auch ein guter j Schachspieler, und man sah ihn fast täglich im Wiener Schachklub mit den bekanntesten Meistern spielen. Seinen gesellschaftlichen Verkehr suchte er zumeist in den Kreisen des Hochadels. Vor einer ' Reihe von Jahren wurde ihm und seiner Familie die Hoffähigkeit zugesprochen. Damit waren Einladungen zu jenen Hoffestlichkeiten! verbunden, zu denen, nur die blaublütigsten Aristokraten zugezogen werden, die auf mindestens 16 aristokratische Ahnen Hinweisen können. In seiner Familie hatte er viel Unglück. Seine Frau starb vor 18 Jahren. Sein ältester Sohn wurde nach einem Sturz vom Pferde geisteskrank, sein zweiter Sohn hat sich im vorigen Jahre erschossen, da er eine junge Amerikanerin, die er in Chicago kennen gelernt hatte, nicht heiraten durfte. Es leben noch drei Söhne und eine Tochter. Sein Sohn Louis ist der neue Chef des Wiener Hauses. Der „Neuen Freien Presse", die vier Riesenseiten ihrer Nummer vom 11. Febrüar dem Verstorbenen widmet, entnehme ich über die Wohltätigkeitsaktion, speziell die, die den Juden zugute kam, die nachstehenden Notizen: „Nach dem Tode seiner Gattin Bettina, welche nach - längerem Leiden an einer schweren Erkrankung der Brust gestorben ist, stiftete Albert Freiherr v. Rothschild ein Spital für kranke, einer Operation bedürftige Frauen, den sogenannten Bettina-Pavillon, welcher als Teil des staatlichen Elisabethspitals durch einen Fonds für ewige Zeiten erhalten wird. An der Einrichtung und musterhaften