Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
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■'74' M yüsspritzt; vollends aber gilt es von den Bekennern derjenigen Religion, deren Lebensodem von allem Anfang an Sittlichkeit war, und deren höchstes Ideal vollkommenste Versittlichung der Menschheit bildet, und denen es als Priestermission auserlegt worden ist, durch Lehre und Beispiel die Wege zu jener allbeglückenden messianischen Aera zu bahnen. Der Jude wird am allerwenigsten sich ungeduldig gebärden und voreilig sich der zur Idealität im Denken und Handeln, zu echter Sittlichkeit immer wieder anregenden und erziehenden, wohlverstandenen Religiosität entledigen dürfen, wie denn schon der Talmud mit tiefem Sinn vor einem Drängen nach der : Mesfiaszeit hin warnt. Der Jude wird vielmehr das unzweifelhaft heilvolle Erziehungsergebnis der jüdischen Frömmigkeit, wie es. in sittlicher Selbstbeherrschung, Innigkeit des Familienlebens, in Wohltätigkeit und Herzensgute zutage liegt, gewissenhaft bedenken und solches fruchtbaren Erziehungsmittels sich nicht eher entschlagen, als bis er, auch ohne e§,s jenes Resultat für immer gesichert weiß. Er wird und soll darum — wie es die Erleuchteten in Israel zu allen Zeiten für ihre Pflicht gehalten haben — die Reinigung jener Frömmigkeit von allem ihre rechte Wirkung beeinträchtigenden abergläubischen und gar unmoralischen Element, das sich ihr in finsteren Jahrhunderten angeheftet hat, die Herausarbeitnng ihres wahren und unvergänglich wertvollen Wesens, auch heute sich angelegen sein lassen und mit aller Energie ansireben; dagegen sie heute schon zu beseitigen, für entbehrlich zu erklären, wird er keineswegs sich berechtigt glauben dürfen. Daß ein solches Recht noch lange nicht als erworben gelten darf, ist nach der doch so offenkundigen sittlichen Unreife der heutigen Menschheit eigentlich so evident, daß man sich wundern möchte, wie gleichwohl die Meinung, es sei schon erworben, so vielfach auftauchen. kann. - Das Phänomen aber durchweg nur aus Ueberhebung und Frivolität zurückzuführen, wäre verfehlt. Es gibt auch sehr ernste und ernst zu nehmende Instanzen, die solche Meinung ^vertreten. Wie ist sie bei diesen zu erklären?. Eine oben berührte geschichtliche Wahrnehmung gibt uns darüber Ausschluß. Die Bestrebungen, die Moral von der Religion völlig loszulösen, wurden vielfach durch Mißbrauch und Mißverstand, durch eine falsche Auffassung der Religion, durch Demoralisierung der Religiosität provoziert. Denn so gewiß es ist, daß die Religion für den Menschen noch andere Zwecke als seine Versittlichung erfüllt, so gewiß ist es doch auch, daß eben diese zu ihren vornehmsten Zwecken gehört und ohne sie ihrer Seele beraubt erscheint. In diesen von messianischer Glückseligkeit. noch so wenig berührten Zeiten bedarf wohl der Mensch Gottes als Stütze nicht nur zum Gutsein, sondern zum Sein überhaupt, auf daß er durch das Vertrauen auf ihn fest bleibe in den tausendfachen Nöten des-Lebens und nicht der Verzweiflung verfalle; aber Gott bedarf des Menschen — wenn solche Ausdrucksweise gestattet ist — lediglich dazu, daß durch ihn, den mit freiem sittlichen Willen ausgestatteten, die göttlichen Ideen des Guten und Wahren in dieser irdischen Welt die höchste Verkörperung erlangen, also lediglich um der Moralität willen. „Verkündet ward dir, o Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert: Recht tun, Liebesübung und bescheidenen Wandel." Das aber war oft — auch im Judentum — außer acht gelaffen worden. Man vergaß, daß nicht minder, wie die Moral mit der Religion, so auch die Religion mit der Moral verknüpft zu sein nötig hat. Religiöser Uebereifer riß nicht nur oft zu fanatischer Verfolgung Andersdenkender fort, sondern führte auch nicht selten zu spitzfindigen Sophismen und kleinlichen Ausflüchten. Man denke nur an die hin und wieder angewandte. Methode, der Umgehung Maarama). Statt offen) unb ehrlich alle Konsequenzen einer gesetzlichen Bestimmung auf sich zu nehmen, oder diese, wenn sie ihrem Buchstaben nach schlechterdings nicht mehr erfüllt werden konnte, für aufgehoben zu erklären, zog. man allerlei fromme List vor und kultivierte damit den Schein und die Unwahrhaftigkeit und die Veräußerlichung und ahnte gar nicht, wie weit man sich damit allmählich von der Gradheit und Großheit der Religion der Propheten entfernte. All dergleichen aber — verbunden mit unendlicher Häufung ritualer Erschwerungen — ist sicherlich mit in Anschlag zu bringen, wenn einerseits die traurige Entfremdung gegenüber der Religion und die absurde Neigung, nur auf deren Trümmern die Ethik aufzurichten, in ihren tieferen Entstehungsgründen erkannt werden, und anderseits, die Bemühungen, Religion und Moral wieder in ihrer tatsächlich ewigen, unzertrennlichen Zusammengehörigkeit aufzuweisen, von Erfolg gekrönt sein sollen. Die Woche. Berlin, den 14. Februar. ftjin Bericht der „Vossischen Zeitung" über eine am 6. Februar in Berlin stattgehabte Versammlung ist von so allgemeinem Interesse, daß ich ihn in diesem Teile der Zeitung zur Kenntnis bringe. Er lautet: „Die Berliner Zionistische Vereinigung hielt am 6. Februar eine Versammlung ab, in der es zu stürmischen Szenen.kam. Zionisten sowie deren Gegner hatten sich pünktlich eingefunden, um der Diskussion über das Thema, ob der Zionismus eine Gefahr für das Judentum sei, beizuwohnen. Die beiden Referenten wurden verhältnismäßig ruhig ongehört, als aber dann die Aussprache folgte, bei der auch die Gegner zu Worte kamen, brach der Sturm los. Die Erregung wurde so lebhaft, daß schließlich einer der temperamentvollen Gegner des Zionismus aus dem Saal gedrängt wurde. Zunächst sprach der Referent Rechtsanwalt Dr^lea und gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß in dem^urzlich in der hiesigen jüdischen Gemeinde stattgefundenen Wahlkampf, der im Rahmen dieser Gemeinde geradezu eine epochale Bedeutung habe, Tausende gezwungen worden seien, .eine Reihe von jüdischen Problemen durchzudenken. Der Zug der Zeit gehe zu einer wesentlich positiven Weltanschauung. Wenn sich das Reformjudentum wirklich positiv gerichteten Ideen zuwendete, so wäre er, Redner, auch Reformjude. Der uralte historisch-jüdische Gedanke solle erhalten werden. Einen Liberalismus gebe es im Judentum nicht, ebensowenig eine Orthodoxie. Außer dem Glauben an einen Gott..kenne das Judentum kein Dogma, und wie sich der einzelne zu Gott stellt, diese Frage, habe das Judentum nie gestellt. Die Differenz sei hier eine andere, es handle sich hier um die Gestaltung des Kultus, (um das Werden der Form. Es bestehe die Gefahr einer Atomisierung des Judentums, wenn jeder Vorstand in der Lage ist, ein besonderes Judentum in seiner Gemeinde heranzubilden. Wenn die deutsche Sprache mehr und mehr im Gottesdienst eingeführt würde, dann-könnten die Juden in anderen. Ländern mit demselben Recht ebenso Vorgehen, man werde dann überall in der Landessprache beten, und der historisch gerichtete Jude wäre dann im Gotteshause ein Fremdling. Deshalb müsse der Gebrauch der. hebräischen Sprache gewahrt werden. Auch durch die Einführung des Sonntagsgottesdienstes, durch welche der Sabbat geopfert würde, sei die Einheit des Judentums auf dem Erdenrunde bedroht. In deutschen » Dingen deutsch, in jüdischen jüdisch. Die Zionisten seien treue k deutsche Staatsbürger, aber sie lassen 'sich zugleich von niemandem übertreffen an Liebe zum jüdischen. Volke. Der Korreferent Dr. Wit-. kowski betont, der jüdische Nationalismus sei ein Faktum, das man in "Wirklichkeit nicht bestreiten könne. Von den zwölf .Millionen Juden fühlten sich gewiß zehn Millionen als-nationale Juden. Die Auffassung, daß die Juden vom deutschen Volke als vollwertig betrachtet werden könnten, sei ein Luftgebäude. , Die Heroen des -mr HM;-.