Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 7 Berlin, 17. Februar Ml Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Lätung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel o^er die Post (in Berlin und vororten 1>urch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin KW., Jerusalemer Straße 46/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Vf Wnftitff Religion und Moral. Von Dr. M. Steckelmacher- "**""'*- Mannheim. — Die Woche. — Raphael Löwenfeld. — Ludwig Stein. — Das Nassonproblem und das Judentum. Von Professor Dr. Ludwig S tei.n. — Zigeuner und Juden. Von Ir. Wilh. Lrepohl- Wiesbaden. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums'). Berlin, Danzigs Posen, Lissa i. P., Breslau, Hamburg, Leipzig, Aus Westfalen, Hoya a. d. Weser, Lörrach, Wien. — Von Nah und Fern. Religion und Morst. Von Dr. M. Steckelmacher-Männheim. III. ft2$ ist nicht als ein Widerspruch gegen diese Auffassung, vielmehr als ein Beleg für sie anzusehen, wenn ander-, wärts im Midrasch (Num. 21) zu lesen ist : Die Sabbate und Feste, von denen es heißt: „Dies sind die Feste des Herrn", werden nie aufhören.. In der Feier solcher Tage, in denen die Seele sich ihres innigen Verhältnisses zu Gott mit gesteigerter E nergie chMußt wird und zugleich eine allenthalben Ruhe, Frieden und Freude spendende sittliche Kraft empfindet, tritt gleichsam das Religiöse, losgelöst von allem Materiellen, in seiner reinen Geistigkeit und zugleich in seiner intensivsten Verbindung mit der Moral hervor. Als „F e st e des Herrn" — v. h. eben als ganz göttlicher und darum auch als ganz moralischer Art — werden sie ihre ewige Geltung behaupten. Damit sind wir aber auch schon bei dem Punkte angelangt, der für uns von entscheidender, aktueller Wichtigkeit hinsichtlich der Beantwortung der eingangs gestellten Fragen ist. Wir haben nämlich nun den Maßstab vor uns, an dem wir bemessen können, ob denn diejenigen, die etwa schon für unsere Gegenwart eine völlige Emanzipierung der Ethik von der Religion glauben verlangen zu dürfen, mit diesem Verlangen im Rechte sind. Es ist klar, daß eine objektive Beurteilung unserer tatsächlichen moralischen Zeitverhältnisse zu einem verneinenden Bescheide führen muß. Es liegt ja ganz offen zutage, daß unsere Gegenwart in ihrem Durchschnitt wenigstens mit Nichten schon jene sittliche Vollendung zeigt, die alle religiöse Anregung und Stärkung entbehrlich machte. Das bloße Bekenntnis zürn Atheismus bedeutet doch wahrlich solche Vollendung noch nicht. Es mögen sich uns erst die Menschen präsentieren, die in Wahrheit ihre sinnlichen Triebe derart geläutert, ihren Egoismus in dem Maße niederbekämpft, ihre Gerechtigkeit und Menschenliebe zu d er Entwicktungshöhe gebracht habendaß wir wirklich nicht umhin können, sie als vollendet sittlich anzusprechen: und wir werden ihnen — selbst wenn sie. als eine Gesellschaft' von Atheisten sich ausgeben — mit dem Psalmisten zurufen: „Götter seid ihr!" Euer Seelenadel widerlegt eure Gottesleugnung, aus euren Tugenden strahlt das Göttliche. Unbewußt bezeugt ihr das Walten einer sittlichen Weltordnung, eines Gottes als Inbegriffs aller Moral, aller sittlichen Gesetzgebung, vor dem ihr euch beugt. Aber wie unendlich weit , sind wir noch von dieser erhabenen Stufe entfernt! Die Welt 'starrt von Kriegswaffen, was beweist, wie tief noch die Staaten und die Völker sittlich stehen. Dies aber wäre nicht möglich, wenn die Individuen, aus denen jene sich zusammensetzen, nicht etwa nur ausnahmsweise — was ja der Fall sein mag — sondern durchweg auf viel höherer Stufe standen. Tatsächlich gewahren wir denn auch unter den einzelnen und in den kleineren Gemeinwesen innerhalb der verschiedenen Staaten und Völker — um von anderen Gebrechen und Lästern zu schweigen --- als herrschende Züge kleinlichen Rassen- und Klaffendünkel, Neid und Mißgunst, Engherzigkeit und Lieblosigkeit. Freilich an schönen sittlichen Redeweisen ist das Zeitalter überreich. Welches Schlagwort wäre heute volkstümlicher als soziale Gesinnung, Humanität, Nächstenliebe? Es hat fast den Anschein, als ob all dergleichen dem modernen Menschen das Selbstverständlichste wäre. Aber auch der Gebildetste und Feinfühligste, oder vielleicht gerade er, wird an dem dritten oder vierten Nebenmenschen, dem er begegnet, dieses und jenes unleidliche Charaktermerkmal ge- ' währen und kaum Unterdrückung seiner Abneigung, geschweige denn Gefühle nachsichtsvoller Liebe in sich bewirken können. Nur indem er sich einen Gott vor Augen hält, der gegen die . Menschengeschwister, wie sie auch feien, Milde und Sanftmut walten zu lassen, sie unter allen Umständen zu lieben ge- J bietet, wird er jenes erhabene Sittengebot: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst", überhaupt erst begreifen und zu ^üben sich gedrungen fühlen. Auch die besten der Zeitgenossen, geschweige denn die unzähligen gewöhnlichen, werden also 'noch den alten Psalmspruch: „Ich halte mir Gott stets gegenüber"', sich zur Losung machen müssen. Solange eben die Menschen den heiligen Weltengott noch nicht ganz und ^gar in sich ausgenommen,, noch nicht mit ihrem durchgängigen ^.Bewußtsein erfaßt haben, noch nicht in sich besitzen, solange ^werden sie ihn sich außerhalb ihrer aufs lebhafteste zu verßgegenwärtigen haben und sich diese Vergegenwärtigung auch durch äußere religiöse Symbole und Handlungen immer wieder Hervorrufen müssen, .um das, was jener Gott will, voll? führen, das heißt um wahrhaft sittlich sein zu können. Das gilt von jeder Art ausrichtiger und lautet .gemeinter ^Religiosität, wie es ja der Talmud mit der" erwähnten so toleranten Sentenz . sogar' im ' Hinblick ans'., die Helden - ■ —