Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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1 WLM Prof, ©ei ger und.Benas L'evy hat eine andere Besetzung der Verwaltungskommissionen stattsinden müssen. Es wurden gewählt 'Herr Siegfried Sachs in die Waisenkommission und den Vorstand der Neuen Synagoge, Herr Emil Pi neu s in die Durchreisenden- Kommission, Herr Prof. Kalischer in die/Bibliothekskommission, Herr Dr. Minden in die Kommission zur Vorberatung"der Rabbinerwählen, Herr Dr. Ginsberg in die Kommission zur Auswahl von Ehrenbeamten. Auch in den gemischten Deputationen mußten einige Aenderungen vorgenommen werden. In die Deputation zur Beratung über den Gesetzentwurf der jüdischen Gemeinden in Preußen wurde Juftizrat Dr. Simon, in die Deputation über das Verfahren bei Kassenrevisionen Herr Oskar Tietz. in die Deputation betreffend den Ritus der'Shnagoge Fasanenstraße wurden die Herren Siegfried Sachs und Emil Pincus gewählt. — Zu einer sehr ausgedehnten Debatte gab auch die Vorlage betreffend Umgestaltung des Gottesdienstes in den Synagogen mit Orgel Veranlassung. Die Vorlage hat eine lange Vorgeschichte. ' Äm 2. Februar 1908 haben die Repräsentanten eine gemischte Deputation, bestehend aus zwei Äeltesten und vier Repräsentanten, eingesetzt, um unter Zuziehung von Fachmännern zu beraten, wie den Synagogenbesuchern der Inhalt der an den Sabbaten aus der Thora vorgelesenen Abschnitte in deutscher Sprache vorgetragen werden soll. Als Sachverständige wurden mit beratender Stimme die Herren Professor Dr. Mahbaum, Direktor Dr. H'ölzman unh.Dozent Dr. Elbogen zugezogen. Es sind, wie Herr Professor Blaschke referierte, zweimal Gutachten der Rabbiner eingeholt worden, diejenigen Stellen aus der Thora herauszusuchen, die sich zur deutschen Uebersetzung nicht eignen, weil sie entweder Wiederholungen oder Aufzählungen enthalten, oder aber ganze Gedanken oder einzelne Ausdrücke, die'sich im Gottesdienst zur Verdeutschung für die Ohren von Mädchen und Knaben oder Frauen nicht eignen. Die Herren Rabbiner Dr. Warschauer, Dr. Stier und Dr. Hochfeld sind alsdann ersucht worden, diejenigen .Stellen der Thora zu bezeichnen, von denen eine Uebersetzung nicht gegeben werden soll. Diese Vorschläge sind den übrigen Gemeinderabbinern zur gutachtlichen Aeußerung überwiesen worden. Die Deputation beschäftigte sich auch sehr eingehenderweise miff'der Frage derVerkürzung des Gottesdienstes und schlug vor, dasSchacharith- Gebet, nach, dem Vorgang von Oesterreich-Ungarn, dem Frühgottesdienst (Hasebkamab) zuzuweisen und den Mussafgottesdienst mit dem Ausheben der Thora und der Vorlesung aus jder Thora beginnen zu lassem Der Referent schließt-mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß die Einführung der Verdeutschung der Thor-Aabschnitte sehr bald allgemeinen Beifall finden werde. Die Deputation hat folgende Grundsätze aufgestellt: Es wird eine Verdeutschung der Torahvorlesung unter Beibehaltung des bisherigen dreijährigen Zyklus eingeführt. 2. Bis zum Erscheinen einer von der jüdischen Gemeinde zu^Berlin als mustergültig anerkannten Bibelübersetzung gibt der fungierende Rabbiner eine eigene, möglichst genaue Uebersetzung des vorgelesenen Thora-Abschnittes mit Ausschaltung derjenigen Stellen, die von der gemischten-Deputation für den deutschen Vortrag als ungeeignet erklärt worden sind. 3. Die Gemeindrrabbiüer sollen ersucht werden, auf Grund des von der gemischten Deputation vorgelegten Kanons, der bei der Verdeutschung der Thoravorlesnng fortzulassenden Stücke eine Neueinteilnng des dreijährigen Turnus in der Weise vorzunehmen, daß die Anzahl der Sabbate, an denen der verlesene Bibeltext sich nicht für eine Uebersetzung eignet, auf ^ein Minimum reduziert wird. 4. An denjenigen Sabbaten, an denen trotzdem eine wortgetreue Uebersetzung unterbleiben muß, soll Schrifterklärung stattsinden und ihr, 'soweit möglich, eine auszugsweise freie Uebertragung deS Thora-Abschnittes voraufgeschickt werben. 5. Die Uebersetzung der Thoravorlesung wird in unmittelbaren Anschluß an die .Thoravorlesung vorgetragen, nicht 'als Einleitung zur Predigt. 6. Zur Verkürzung des Gottesdienstes werden die folgenden Aenderungen vorgenommen: a) an Sabbaten und Festtagen beginnt der Hauptgottesdienst mit Einkomaucho, : an Festtagen mit Hallei: das Schacharith-Gebet wird in einen besonderen Frühgottesdienst verlegt. Am Neujahrs- und Verföhnungsfest verbleibt es bei dem bisherigen Zustand; b) an Sabbaten vor dem Neumonde, an denen EiysegnungSfeiern stattfinden, wird der Schluß- . satz des Gebetes des Rabbiners bei der Neumondsweihe „Es wird fürder nicht untergehen usw." nicht wie bisher zweimal vom Chor gesungen, sondern .einmal vom Rabbiner gesprochen; o)' die Tempi für die V.orbeter sollen genau festgelegt werden; dfv an Sabbaten sind sieben, an Festtagen fünf Herren zur Thora, äufzurnfen; von diesen Zahlen darf nur zugunsten von Narmwwab-Knaben abgewichen werden; e) die Gemeinderabbiner sollen ersucht werden, die Zeit der Predigten an Sabbaten auf höchstens 20 Minuten zu beschränken; k) sämtliche vorliegenden Beschlüsse gelten nur für die Orgelsynagogen. In der heutigen Sitzung bezeichnete es Herr Justizrat Simon als einenlogischen Widerspruch, Thorastellen im deutschen Text fortzulassen, ohne sie auch im hebräischen Text zu streichen, und stellte einen dahingehenden Antrag, der aber vom Vorstandstische aus durch Herrn Sanitätsrat Dr.' Feilchenfeld. nachdrücklich bekämpft wurde. /Herr Justizrat Tr. C o hn widersprach lebhaft der Umgestaltung des Gottesdienstes und-verneinte die Notwendigkeit, den.Gottesdienst, weil er angeblich zu lange dauere, zu zerreißen. Die Trennung des Gottesdienstes liege lediglich im Interesse der Lässigen./ Er bittet dringend, den Punkt 6 zu streichen.. Herrr Professor Blaschke weist auf' das Beispiel Oesterreich-Ungarns und einer großen Anzahl kleinerer und mittlerer Gemeinden Deutschlands hin, in denen' diese- Trennung' des Gottesdienstes üblich ist. Er wendet sich auch gegen den Antrag Simon, der nur neue Schwierigkeiten zu schaffen geeignet sei und bittet, dcn Antrag des Ausschusses in der vorliegenden Fassung anzunehmeu. Herr Emil Pincus weist noch auf die bedauerliche Zurücksetzung der Synagogenvorstände hin, die in erster Reihe mit . berufen gewesen wäre, bei einer so wichtigen Frage mitzüwirken. Herr Geheimrat Blumenthal beantragte zunächst die Drucklegung der Gutachten, um sie den Nepräsentauten zugänglich zu machen, ferner nur 15 bis 20 Minuten vor dem Mussafgottesdienste das Schacharith-Gebet beginnen zu .lassen. In der Abstimmung wurden die Anträge Blumenthal mit fünf Stimmen abgelehnt, auch ein Antrag Simon auf Zurückweisung der Vorlage an den Ausschuß konnte keine Mehrheit erzielen. Die Punkte 1 bis 5 des Ausschußantrages wurden angenommen, das Amendement Simon (Fortlaffung des hebräischen Textes) abgelehnt. ZU Punkt 6a ist die Abstimmung aüf Antrag Justizrat Cohn eine namentliche. Für die Trennung des Gottesdienstes stimmten die Herren Tietz> Siegfried Sachs, Dr. Ginsberg, Dr. Minden, Weile, Dr. Weigert,' Louis Sachs, Professor Blaschke, Rosenow, gegen diese die Herren Manheimer, Dr. Cohn, Gerson Simon, iLoeweNberg- Blumenthal. Justizrat Simon und Emil Pincus enthielten sich der Stimme. Punkt 6 a wurde also mit neun gegen fünf Stimmen angenommen; die Punkte 6b bis 6k wurden debattelos genehmigt, die ganze Vorlage mit acht gegen sechs Stimmen zum Beschluß erhoben. In schneller Aufeinanderfolge wurden die übrigen Punkte der Tagesordnung erledigt, es handelte sich hier meist um Wlederwahlen und Bewilligungen von Ausgaben. An Subventionen wurden - zugesprochen dem Verein für Statistik der Juden 3000 Mark, dem Luisenstädtischen Brüderverein 1322 Mark als Extrasubvention, dem Verein Schomre-Schabbat als einmalige Beihilfe 1000 Mark, dem Verein Tiergarten-Synagoge 2000 Mark. — Für den Ankauf zw eier Synagogengrundstück e im Nordwesten und am Kottbuser Ufer sind, die Vorlagen bei der Versammlung eingegangen, die sich am nächsten Montag in geheimer Sitzung über den Abschluß der Verträge schlüssig machen wird. — Berlin, 7. Februar. Der Ausschuß des Deutsch- Israelitisch en G emeindebundes hat beschlossen, am 11. Juni d. I in Berlin einen außerordentlichen GeMeindetag mit folgender Tagesordnung zu veranstalten: 1. Bericht des geschäftsführenden Vorsitzenden über die Wirksamkeit des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes seit dem 9. Deutsch-Israelitischen Gemeindetage. 2. Besprechung des Entwurfs eines Versicherungsgesetzes für Angestellte. 8. Organisation der Wanderarmenfürsorge. 4. Satzungsänderungen. V Berlin, 7. Februar. Von Herrn Emil Pincus, dem derzeitigen Vorsitzenden der Gesellschaft zur Ausstattung bedürftiger Bräute (Hachnassath Kallah), erhalten wir nachstehende beachtenswerte Zuschrift: Neben den vielen Wohltätigkeitsanstalten und Stiftungen, die der direkten Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde unterstehen, gibt es bekanntlich in der Gemeinde noch eine große Reihe von Wohltätigkeitsvereinen usw., die durch besondere'