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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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Sündigt nicht, wer da klagt gegen Gott, wo doch Gottgelobt sei sein heiliger Name, dem armen Menschen soviel Gutes erweist? Siehe, sie.konnten nicht hoffen, das Blümele so bald zu verheiraten, denn wer mag ein armes Mädchen wollen und wäre es noch so schön. IM ein Handwerker oder ein Kaufmann, so braucht er'Geld, iM ein Bocher, so muß man ihn mindestens drei Jahre lang verpflegen, damit er ruhig lernen kann, bis er eine Stelle erhält. Sie aber haben kein Geld, ja wirklich keines, und wenn sie welches hätten? Was täten sie, wenn sie welches hätten? Das liebe Herz einem Handwerker geben? Ist Blümele ein solches Mädchen und sie Leute, die sich bis zu einem Handwerker erniedrigen? Welche Schande ist es, wenn der Mensch einen Bräutigam zum Tempel führt, der nicht nur kein Morene^) rst, sondern nicht einmal den Chuwer2) hat. Nein, er will keinen solchen Schwiegersohn. Sein Schwiegersohn muß an dem Samstag vor der Trauung vor den Ständer hintreten und eine solches Drusche sagen, wie es der Rabbi nicht besser kann. „Lange wäret Ihr im Tempel," empfing ihn mit mildem Vorwurfe die Frau. „Die Suppe ist gewiß schon verkocht." „Ich habe zu tun gehabt," erwiderte Berele und tat dabei geheimnisvoll. „Viel zu tun, ja, sehr viel." (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. ----- Emma Usthal-Jaeckel: Die Tochter des Jairus. München, R. Piper L Co. Diese Novelle gehört wohl hierher, obgleich sie mehr christlich als jüdisch ist. Sie erzählt nämlich, wie das. von Jesus zum Leben erweckte Mädchen eine solche Leidenschaft zu ihrem Netter gewinnt, daß sie sich den Tod gibt, um nicht einem sonst wünschenswerten Freier zu folgen. Die Novelle gehört aber in diesen Kreis, weil ihre Verfasserin es wohl verstand das jüdische Milieu in Palästina zu schildern, wenn auch von einem etwas einseitigen Standpunkt aus. L. G. Sprechsaal. Zur „Schulfeier" und zu anderem, ochgeehrter Herr Professor! Ihrem Neujahrswunsch an die Leser der „Grünen", „Hoffnungsvollen" (eigentlich müßte ich sagen: Ihrem Wunsche zum Beginn des Sonnenjahres) soll auf dem Fuße die Erfüllung werden, und zwar in erster Linie in bezug auf jenen Artikel, der Ihnen den maßlosen Haß derer eingetragen, die alles und jeden verdammen, der nicht vor dem Lelmleban arueb auf dem Bauche kreucht; den Haß, die Rache derer, die nichts sehnlicher wünschen als einen Judenkrummstab im allgemeinen, denn im besonderen machen sie von ihm „gar guten Gebrauch"; derer, hie sich in nichts von ve Lantos des Üriel Acosta unterscheiden, sintemalen und alldieweil sie ihnen unbequeme abhängige Beamte | „denunzieren", damit diese gemaßregelt oder doch zum mindesten? „mundtot" gemacht werden. Und diese traurige Sippe denkt in j ihrem Zeloteneifer nicht daran, daß Druck .Gegendruck erzeugt; daß f man wohl jemand zum Schweigen bringen, seine Gesinnung ihm [ aber nicht aus dem Herzen und Geist reißen kann, ahnt nicht, daßh sie mehr zur Diskreditierung der Judenheit und zum Jndifferentis»« mus innerhalb derselben beiträgt, als der inrituelle, mikwah-i verletzende Auchjude. Auchjude mit einem verschämten Fragezeichen.« Z Gelehrtendiplom. Morenu heißt:, unser Lehrmeister. 2) Ein geringerer Titel als „Morenu", welchen der Rabbi ungebildeten, doch religiösen Juden verleiht. s) Predigt. Nach diesem politisch-religiösen Erguß, der einmal von der Seele k wollte, möchte ich Ihnen, verehrter Herr Professor, einen treffenden Beweis für die Berechtigung Ihres Artikels „Schulfeiern" liefern. . * In unserer Stadt gibt es eine kleine evangelische und eine große katholische Volksschule. Nach einem vor Dezennien getroffenen Abkommen zwischen der Shnagogen-Gemeinde und der Kommune besuchen die jüdischen Schüler die katholische Schule, und noch nie hat? man etwas, von Antisemitismus unter den Lehrern noch den christlichen Kameraden gehört. Wie alljährlich wurde auch zu Weih" nachten 1910 eine Einbescherungsseier angesetzt, und die jüdischen Kinder erhielten die Aufforderung, sich an der Feier, namentlich.am" gemeinsamen Gesang zu beteiligen. Gleichzeitig erklärte der Eesanglehrer aufs bestimmteste, er werde jeden Schüler, der nicht erscheine, in die Strafliste für Schulversäumnisse schreiben. Ersteres. weil die jüdischen Kinder bisher, ohne Schaden an Leib und Seele genommen zu haben, der Feier beigewohnt hätten, und weil zweitens eine Schulfeier einer Schulstunde gleichkäme. Natürlich hat kein . Elternpaar sein Kind sich ausschließen lassen. Einmal, um der Strafe zu entgehen und zum anderen: um einen Skandal zu vermeiden, der ja erst das „Trennende" provoziert und den Antisemitismus genährt hätte. Und soweit man bis heute wahrnehmen kann, hat - kein Kind einen Defekt davongetragen, denn als das erste Chanukalicht entzündet, das ülodus zur gesungen und den Kindern die Bedeutung des Weihefestes klargelegt wurde,' da merkte man es der jungen Schar an, daß sie erfüllt war von Bewunderung für die Helden von Modim,und daß sie stolz darauf sei: „deutsche" Juden zu sein. Bei dieser Gelegenheit drängt es mich geradezu Ihnen, ver-1 . ehrter Herr Professor, allerherzlichsten Dank zu sagen dafür, daß sie k den so dreist auftretenden „Zionisten" kräftig auf die Fingers ' sehen und klopfen und. ihre verachtenswerte Kampfesweise bloßlegen, j Denn in der Tat, die Waffen dieser Herren sind nicht mehr ganz blank, und nur eines ist, was sie ein wenig entschuldigt: die' Flagge hat viel von ihrer Zugkraft verloren, da nachgerade so mancher deutsche, sein Vaterland liebende, an der Heimat hängende Jude zur Einsicht kommt, in welchen Zwiespalt er gerät, wenn er sich zum „Staat im Staate" bekennt. Darum sinken auch manche Ortsgruppen, insonderheit die -grüppchen zu Geselligkeitsvereinen hinab, die die Teilnehmer zu den Chanukafesten förmlich herbeischleppen müssen. Zum mindesten tun sie das in jesuitischer Art: Sie machen jetzt die „so beliebt" gewordenen „allgemeinen" Gemeindefeste und lassen ihre Einladungen von einem „Komitee" unterzeichnen: nomina odiosa sunt! Auch „allgemeine" Wohltätigkeitsfeste für Oelbäume sind ' modern. Zum Simchaßtora-Feste drängen sie ihre zionistischen Fahnen auch den Kindern derjenigen Eltern auf, die dem Zionismus nichts weniger als freundlich gegenüberstehen. Und wohl oder übel müssen diese, um einem öffentlichen Nenkontre im Gotteshause zu entgehen, die Fahnen fürs „künftige" Zion im gegenwärtigen deutschen Tempel von 'ihren Kindern tragen lassen. Terror auf der ganzen Linie! Von Neutralen lassen die Zionisten „Jugendbünde" gründen, und erst wenn der Verein wirklich geboren, der Gutgläubige düpiert ist, * dann geben sie sich zu erkennen. Terrorismus auf der ganzen Linie! * Unb ceterum censeo, verehrter Herr Professor, muß man Ihrem Streben, den Dunkelmännern jedweder Richtung heimzuleuchten, aus vollem Herzen beistimmen und Sie bitten, unentwegt auf dem lichtspendenden Pfade weiterzuschreiten. Sie haben doch die große Menge der Intellektuellen hinter sich,, ob sich auch mancher scheut, sich hüten muß, Farbe zu.bekennen. Leider! Denn es wird dabei stets an das letzte Wort, das der einstige, hochverdiente Landesrabbiner Dr^_Adler-Kassel auf dem Sterbebette sprach: „Jeder « Rabbiner — hnV jeder gute Jude — soll Farbe haben und bekennen" I erinnert. Ihr ergebener Löb Ko rach reäwirus. Druck und Verlag.von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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