Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
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' Vor alten Zeilen arbeiteten die biederen Slowaken für den Grafen, jetzt arbeiten sie' in den Fabriken; nur für das eigene Vorwärtskommen können sie noch nicht sorgen. Was sie besaßen, das hat auch' schön der Zahn der Zeit genagt. Von den, meisten Häusern hat - sich der Mörtel losgelöst, und das Strohdach hat der Wind davongetragen, just als ob die vielen ungedeckten Häuser vor dem Schlosse den Hut abgenommen hätten. Nur hier und da sieht man ein ziegelgedecktes Hans. In dem anspruchslosen Städtchen sind natürlich auch die Juden arm. Ein solches Nest bringt keine Millionäre hervor, doch gibt es auch da einige reiche Leute, das sind hier große Herren, hochmütig, selbstbewußt und für den Armen unzugänglich. Gern sähe ich den Mann, der sich unterfinge, in Gegenwart von Reb Kolmen Eschkeles ebenso zu stehen, zu sitzen, zu sprechen oder zu rauchen, als etwa vor Haschl Rech-- nitzer oder vor Mendt Leb Scholer. Dieses sind arme Leute, Juden wie-andere Juden: Häutljuden, Pinkeljuden; Eschkeles jedoch ist ein reicher -Mann, demzufolge angesehen. Reb Efrojim Friedländer ist ebenfalls reich, doch er genießt kein solches Ansehen wie. Eschkeles. Erstens, weil er sein Vermögen als Schneider erworben hat, zweitens, weil er bis zur Lächerlichkeit mager ist, Eschkeles hingegen ist wohlbeleibt, und Korpulenz erweckt Achtung bei armen Leuten, besonders im Winter, wo den fettgepolsterten Wohlstand ein kostbarer Pelz sorgsam einhüllt. Aus diesem Grunde also imponierte Reb Kolmen Eschkeles in hohem Maße, Er besaß Grund und: Boden, viel Hornvieh, hatte ein großes Haus, das, wie seine Hand für die Armen, immer-osten stand. Man sprach und erzählte viel von seinem guten Herzen, vielleicht noch mehr von seinem schönen Hause. Dieses war groß, geräumig, bestand ans sechs Zimmern mit großen gardinengeschmückten Fenstern und hohen Flügeltüren. Im Innern der weiten Räume paarte sich Komfort und Reichtum in diskret unauffälliger Art. Eschkeles ging aus weichen Teppichen herum, schlief in weißbezogenen Betten, ruhte in behaglichen Armstühlen aus, doch beim Arbeiten ließ er sich^s sauer werden. Ja, nur ein zurückgebliebener Mensch hätte unter solchen Umständen Eschkeles die Achtung versagen können, da er nicht nur an irdischen, sondern auch an geistigen Gütern reich war. Verstand hatte, er von seinem Vater geerbt, die Wissenschaft selbst erworben. Er hatte den ganzen Talmud im kleinen Finger, wo doch der Talmud mit dazugehöriger Literatur wohl kaum in seiner berühmt großen Getreidekammer Platz gehabt hätte. — Kurzum, er. war ein großer Geist, Scharf wie ein Rasiermesser waren seine Worte, wenn er nach der Sabbatpredigt vor den Rabbiner hinlrat und sagte: ■ „Rebe, efschor gur aderabe.“1) Der Rabbi erbebt. Die Leute drängen sich enger aneinander, stecken die Köpfe vor, denn daraus kann eine große Schlacht werden. „Aderabe Hot ck gefugt," raunen sie einander zu und erwarten voll wonniger Lust den Zweikampf. Der Rabbi ist auch ein großer Gelehrter, von amtswegen ein noch größerer als Reb Kalmen und gibt in der Regel nicht nach. Wenn sich Reb Kolmen auf den Rambam2) bezieht, so zitiert er eine andere Autorität. Reb Kolmen lacht leise vor sich hin, so, daß sein Bäuchlein erzittert, streichelt seinen schöngewellten Bart, nimmt eine Prise Schnupftabak und, wenn der Rabbi glaubt, ihn schon besiegt zu haben, sagt er nur wieder: *) Rabbi, ich kehre die These um (vielleicht umgekehrt). 2) Maim'onides. „Jetzt erst aderabe." y .Und er läßt eine neue Geistesrakete gegen den Ständers fliegen, noch sprühender, noch blendender denn zuvor, so, daß der Rabbi vor lauter Helle gleichsam betäubt wird. „Hast e Charef"b), rufen begeistert die Glaubensgenossen aus. Jeder ist begeistert, nur Reb Efrojim Friedländer ist nicht begeistert. Nach solchen Triumphen trägt auch er heißes Verlangen, aber seine Sehnsucht ist vergeblich. Doch glaube keiner, daß er seinen Neid merken läßt — nicht um die Welt. Er , verbirgt diesen vielmehr und tut, als ob er von der ganzen. Debatte kein einziges Wort hörte. Während* die anderen ihre Blicke unausgesetzt auf die Streitenden heften, lajnet er demonstrativ die Sedre, als ob dies wichtiger wäre. Den Nachbarn gefällt diese Demonstration nicht, doch sie schweigen wohlweislich. Reb Efrojim ist ein reicher Mann und es wäre gefährlich, mit ihm anzubinden. Nur beim Verlassen des Tempels murren sie darüber, doch nur ganz still. Berele Beer hatte einmal, die Vorsicht außer acht lassend, gesagt: „Benemnweß, e Chuzpe fün e Sproßtet."4); Er dachte nicht daran, daß diese unehrerbietige Kritik bis zu Friedländers Ohren dringen würde, doch dies geschah und dieser drohte ihm kurz darauf hin: „Nü Wut dü Pojlbutl."5) Was so viel hieß als: „Ich werde Dich Mores lehren." Berele Beer war nicht der Mann, der vor solcher Drohung erschrak. Gott verlieh ihm eine Seele, die der Traurigkeit unzugänglich war. Wenn vor Tempelbesuch, die Leute in Gruppen stehend, über ihre Armut klagten, lachte Berele: ■ „ „Was klagt Ihr? Sehet, ich klage nicht und bin doch der Aermste unter Euch allen. Und warum? Denn, wenn Ihr kein Brot habet, so habet Ihr doch Sorgen, ich habe kein Brot, aber auch keine Sorgen." Er sprach die reine Wahrheit. Berele kannte die Sorge nicht. Menschenzorn, Schicksalsungunst konnte ihn in seiner heiteren Ruhe nicht stören. Seine untersetzte kleine Gestalt konnte die Armut nicht beugen und die siebenmal sieben mageren Jahre, welche er bis nun von seinem Leben heruntergehaspelt hatte, vermochten in sein rotbäckiges Gesicht keine einzige Furche einzugraben. ' Auch an dem Tage, an welchem ihm der mächtige Friedländer drohte, trottete er wohlgemut aus dem Tempel heimwärts. Reb Ore Heimlich, der Spaßmacher der Gemeinde, schloß sich ihnen an. „Reb Berele," frug er ihn, „was würdest Du sagen, wenn ich zu Deiner Tochter einen guten Beschauero) schicken möchte?" „Was möchte ich sagen? Ich möchte sagen: Gilt!" „Nun denn, ich weiß einen. Willst Du ihn? Ein großartiger Jeschiwe-Bocher. Willst Du ihn?" r „Will ich ihn vielleicht nicht?" „Dann schreibe ich ihm noch heute. Samstag kann er hier sein." Sie einigten sich.. Reb Ore ging heimlich zu Hinz und Kunz und erzählte überall, daß es einen Spaß, wie er ihn jetzt dem Berele anstelle, in der Killet noch nicht gegeben hätte. Und Berele eilte nach Hause; er konnte die Freudennachricht nicht bei sich behalten. Was für ein Jubel! Es kommt ein Mädchenbeschauer und was für ein Beschauer: ein großartiger Jeschiwe-Bocher. Also darf man klagen? . h Jetzt ist erst recht das Gegenteil wahr. 2) Katheder. 3) Welcher Scharfsinn. 4) Auf Ehre, eine Keckheit von diesem Unwissenden. 3) Na, wart' nur, Du Müßiggänger. ß) 'Heiratskandidat. 7) Gemeinde.