Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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damit beabsichtigt ist: man will d em deutschen Judentum als solchem wieder einmal ein voll gerüttelt Maß Verantwortung für die sozialdemokratische Bewegung aufbürden. Ich leugne nun nicht, daß — wie ich von meinem Standpunkt aus sage: bedauerlicherweise — auch Juden in nicht geringer Zahl zu den führenden Geistern der sozialdemokratischen Partei gezählt haben, und noch gehören; aber doch immer der Zahl und Bedeutung nach hundertfach weniger, als von evangelischen und katholischen Christen das gleiche gilt. Viele der sozialdemokratischen Juden mögen zu ihrer radikalen Stellungnahme durch Kränkungen gekommen sein, die sie unverdient ihres Glaubens und ihrer Abkunft halber erfahren haben. Und kaum einer von ihnen wird sich nach seinem Uebertritt zur Sozialdemokratie noch eine Verbindung mit seinen Glaubensgenossen als solchen offen gehalten haben. Mindestens kann ich als einer von denen, die den Kampf um die tatsächliche — nicht bloß formelle — Gleichberechtigung der deutschen Juden in vorderer Reihe führen, bezeugen, daß nicht einer der in Ihrer Notiz genannten Redner — ja meines Wissens überharrpt kein Sozialdemokrat an der Leitung der allgemein anerkannten Organisationen des deutschen Judentums beteiligt ist, übrigens auch niemals nach einer solchen Beteiligung gesucht hat.. Diese Organisationen sind unpolitisch; aber die überwältigende Mehrheit ihrer Vorstände — mir ist, obwohl ich seit Jahren dazu gehöre, nicht eine einzige Ausnahme bekanntgeworden — steht aus fest monarchischem Boden und ist fortschrittlich oder nationalliberal, vereinzelt vielleicht auch konservativ gesinnt oder politisch gar nicht interessiert, aber nicht sozialdemokratisch. Wenn neben Millionen christlicher Sozialdemokraten sich ein paar tausend jüdischer finden, was an sich betrachtet ihr staatsbürgerliches Recht ist, wie kann mandaraus den 600000 deutschen Juden in ihrer Gesamtheit gerechterweise einen Vorwurf machen? Und ist es nicht auch unklug, in dem schweren Kampfe gegen die Sozialdemokratie, in dem der Staat der Mitwirkung aller seiner Bürger bedarf, die deutschen Juden von vornherein in das Lager der Gegner zu weisen? Gerade wer wie ich gegen die Sozialdemokratie seinen Mann gestanden hat und sich dabei dochder Mitwirkung an der Gleichberechtigungsbewegung unter den deutschen Juden nicht entzogen hat, hak Anspruchdaraufeiner Notiz wie der eingangs angeführten gegenüber hervorzuheben: Judentum als solches und Sozialdemokratie als solche haben nicht das mindeste miteinander zu tun, so wenig wie Christentum und Sozialdemokratie; die weitaus größte Zahl der deutschen Juden gehört der Sozialdemokratie nicht an und will ihr nicht angehören; wenn dennoch! Juden vereinzelt zu den sozialdemokratischen Führern zählen, so hat dasmit deren „Judentum" wahrlich nichts zu tun, wie denn, auch diese Tatsache oft genug schon die Sozialdemokratie nicht abgehalten hat, nach Bedarf auch zu „antisemiteln". Die sozialdemokratische Bewegung ist eine, politische und soziale, mit Glauben ünb Abkunft hat sie nichts zu tun. Wir deutschen Juden, die:wir gewillt sind, mit gleich er Treue unsere Pflichten als Deutsche und als Juden zu erfüllen, legen Wert daraus, daß aus dem Jdeenkreise anständig denkender, aber' nicht hinreichend unterrichteter Politiker die Mär schwinde, daß die . deutschen Juden zur Sozialdemokratie neigen : solche Neigung ist vielmehr unter den Juden verhältnismäßig viel seltener als unter ihren christlichen Landsleuten, sie ist keineswegs im Zunehmen begriffen und wird in dem Maße schwinden, in welchem die leider-noch zu oft vorhandene staatliche und gesellschaftliche Ausnahmebehandlung der deutschen Juden ihr Ende finden wird." Die Redaktion der Zeitung, die offenbar nur infolge eines Versehens den antisemitisch anklingenden Schlußsatz der Notiz hatte passieren lassen, erklärte darauf, daß ihr dieser Schlußsatz nicht konfessionell, - sondern, nur psychologisch inter- . essant gewesen sei. Sie stünde sicherlich nicht im Verdacht des Antisemitismus. Die Angelegenheit mit der anhaltischen Zeitung kann somit als erledigt gelten. Oft aber, im kommenden Reichstagswahlkampf werden Antisemiten und — wenn es ihnen vorteilhaft erscheint — auch skrupellose Anhänger anderer Parteien in schärferer und noch mehr zugespitzter Weise die Lüge aufwärmen, daß die deutschen Juden systematisch die sozialdemokrätische Partei unterstützen. Darum erscheint mir gerade jetzt angezeigt, meine grundsätzliche Erörterung der Frage den jüdischen Leserkreisen — wie ihren Gegnern — zur Kenntnis zu bringen. Dir Stellung der Lsdbiner. Von Felix Makower. or einer Reihe von Jahren wurde bei dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund eine Revi-! sion des Preußischen Judengesetzes von 1847 angeregt. Der! Gemeindebund ging auf diese Anregung ein, in erster Reihe wohl, um auf diesem Wege eine Zusammenfassung der Kräfte zu erzielen und so dem Notstand der kleinen Gemeinden abzuhelfen. Eine Kommission des Verbandes der Deutschen Juden und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat dann einen Gesetzentwurf veröffentlicht, dem wohl nicht entgegengehalten werden kann, daß er den Notstand der kleinen Gemeinden zu mildern wich sei. Er räumt auch den Rabbinern neue Rechte ein, welche diesen im Gebiet, des Gesetzes von 1847 bisher nicht zustehen. Er hält aber grundsätzlich fest an dem Selbstbestimmungsrecht der Gemeinde, auch gegenüber dem Rabbiner. 1 Dieses SeLbstbestimmungsrecht der Gemeinde aber ist den Rabbinern ein Dorn im Auge. Sie wollen, unter Anleh nung.- an christliche Vorbild er, die bisherige freie Verfaffung 'der jüdischen ' Gemeinde in Altpreußen dahin '--L <