Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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In Rußland finden neue Ausweisungen statt. Diesmal galt die gesetzlose Maßregel den Apothekern in Kiew. Außerdem veröffentlichte das. „Berliner Tageblatt" einen merkwürdigen Artikel: „Witte und die Pogroms". Er ist gearbeitet nach einer eben erschienenen russischen Flugschrift „Der Ausgang der russischen Revolution im Jahre 1905 usw." Das für uns wichtigste ist das Eingeständnis, daß der Graf Witte die Pogrome als ein wichtiges Mittel seiner Politik betrachtet hat. Die betreffende Stelle lautet: „Mit Veröffentlichung des Oktobermanifestes änderte sich das Bild jäh: das Manifest, das einen Teil der Gesellschaft politisch befriedigte, brachte eine Spaltung in der revolutionären Bewegung hervor und lenkte die ganze Arbeiterbewegung nicht mehr gegen die Negierung, sondern gegen die Industriellen. Die unversöhnliche Taktik der Revolutionäre rief eine Gegenrevolution hervor, die zwischen dem 1.. und 6. November 1905 an hundert Städte und Dörfer erfaßt. Mord und Totschlag richteten sich nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die revolutionären Elemente und überhaupt gegen alles, was mit der freiheitlichen Bewegung im Zusammenhang stand. Dieser offene Zwist zwischen den verschiedenen Klaffen wurde einzig und allein durch das Oktobermanifest .hervorgerufen und entkräftete die Revolution. Da die Regierungsgewalt sich in einer Periode des Schwankens befand und glaubte, sich weder auf die Armee noch auf die Flotte stützen zu können, so war die nach dem Oktobermanifest zutage tretende Gegenrevolution eine wohlüberlegte Folge." Daraus würde dann in der Tat hervorgehen, daß nicht der Gendarmerieoberst K o m m i s s ar o w, dem man bisher die Aufrufe zu Pogroms zugeschrieben hat, als der eigentliche Sündenbock zu betrachten ist, sondern daß Graf Witte als der Hauptschuldige zu gelten hat. Ldusrd Lohen. mit dem am 12. Dezember 1910 gestorbenen, am 15. in Frankfurt a. M. beerdigten Herrn Eduard Cohen ist einer der Mäzene großen Stils zu ,Grabe getragen worden, wie es glücklicherweise solcher unter uns immer gegeben hat. Der Verstorbene, der in Frankfurt in einem behaglich und künstlerisch geschmückten Hause wohnte, entzog sich, soviel er konnte, der Oeffentlichkeit, er ivar ein still für sich lebender, seiner Kunst ergebener Mann. Er hatte offenen Sinn, wie für alles Jüdische, so für Kultur und geistige Bestrebungen überhaupt, und darum beschränkte er sich in seiner großartigen, aber still geübten Wohltätigkeit nicht nur auf Arme, begnügte sich nicht damit Einzelne und Anstalten zu fördern, die dem Elend unter den Juden zu steuern suchten, sondern hatte auch, einer der wenigen in Israel, reiches Verständnis und eine offene Hand für geistige Bestrebungen. Noch in den letzten Jahren seines Lebens wendete er der hiesigen Lehranstalt für Wiffenschaft des Judentums eine reiche Spende zu. Mir selbst war es nur einmal vergönnt, den verehrten Mann in seinem Hause zu Frankfurt a. M. zu besuchen, um ihn für eine literarische Angelegenheit zu interessieren. Da ich infolge dieser flüchtigen Bekanntschaft nicht vermag, das Lebensbild des Verstorbenen zu zeichnen, und auch selbst bei näherer Bekanntschaft seiner eigentlichen Tätigkeit zu fern stehe, so darf ich hier den Ausführungen von Julius Hülsen in Nr. 48 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes einen Platz gewähren, die ich mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verfassers und der Redaktion hier folgen lasse: Cohen hat als Maler eine selten vielseitige und gründliche, in der Dauer weit über das gewöhnliche Maß hinausgehende Ausbildung genossen. Seine ersten Malstudien absolvierte er in seiner Vaterstadt Hannover unter Edmund Kokens sieben Jahre lang, dann zog er nach Wien zu dem koloristisch und zeichnerisch temperamentvollen Albert Zimmermann und schließlich, zu Friedrich Preller nach Weimar, von . dessen Persönlichkeit und Künstlerschaft er immer mit hoher Begeisterung und Achtung sprach, und dessen Schüler er sich mit Stolz nannte. Das neuromantische, landschaftliche Stimmungsbild dieser Meister hatte jedoch sein eigene Wege gehendes Talent nicht gänzlich in Fesseln geschlagen, und schon damals machte sich an seinen Bildern ein weicheres, sonnigeres, ausgeglicheneres Kolorit bemerkbar, das, ohne die etwas härtere Durcharbeitung jener Zeit, nichts von der ausführlichen Dar- . stellung der Einzelheiten ausgab und der Technik jener Jahre vorauszueilen schien. Nach Weimar wurden verschiedene Künstzentren Deutschlands, darunter München, besucht, und endlich 1867 wurde des jungen Malers Sehnsucht nach einem längeren Aufenthalt in Italien erfüllt. Dort blieb er, unermüdlich an einer großen Zahl selbständiger Werke schaffend, bis 1870- Aber als Cohen sich späterhin schon in Frankfurt niedergelassen hatte, ergriff ihn nochmals der für ihn charakteristische Drang weiter hinzu zu lernen, und so faßte er den Entschluß, in der Städelschen Kunstschule figürlichen Studien obzuliegen. Von 1889 bis 1893 arbeitete er dort unter Frank Kirchbachs Leitung. Der mehr als fünfzigjährige „Malschüler" erfreute sich der größten Achtung und Zuneigung seitens seiner meist mehr als drei' Jahrzente jüngeren Mitschüler, die in staunender Bewunderung von dem jugendlichen Lerneifer, und dem ernsten Streben des gereisten, welterfahrenen und hochgebildeten Mannes mit fortgerissen wurden. In jenen Jahren hatte auch der Schreiber dieser kurzen Erinnerungsworte, damals ebenfalls Schüler der Städelschen Kunstschule, das Glück, Eduard Cohen kennen zu lernen. Es war damals nicht die schlechteste Generation von Schülern, die dieser Kunstschule angehörte: Böhle, Altheim, Gies, Kalb, Kilb, Graetz, Beithan seien unter anderen genannt. Sie alle hatten ihren an Jahren so viel älteren Mitschüler,, der an Pünktlichkeit und künstlerischem Ernst allen ein Vorbild war, in ihr Herz geschlossen. — Auch der greise Meister Hasselhorst hat rückhaltlos seine Bewunderung Eduard Cohen. mm