Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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Natur ist, stets dem Kriegsminister, und Herr von Bethmann.Hallweg wird nicht willens sein, mehr als seine Vorgänger auf seine Schultern laden zu wollen. Der Kriegsminister wird ähnliche Erklärungen , wie früher abgeben, im übrigen aber darauf.Hinweisen, daß das.Militärkabinett seinem Ressort entzogen ist. Bekanntlich bildete es bis in die Mitte der 70er Jahre eine Abteilung des Kriegsministeriumß, wurde dann aber, noch während Albedyll Kabinettschef war, als besondere Abteilung aufgestellt und damit auch der Verantwortlichkeit des Kriegsministers entzogen. Das führt, wie schon wiederholt im Reichstage hervorgehoben wurde, zu Unzuträglichkeiten, da der Chef des Militärkabinetts sich nur dem König gegenüber, niemals aber dem Lande für verantwortlich hält. Tatsächlich ist der Chef des Militärkabinetts auch niemals am Regierungstisch erschienen, und wenn man ihn dazu zwänge, dann würde er sich zweifellos hinter das verfassungsmäßige Recht des Königs verschanzen, die Offiziere zu ernennen. Und es bliebe ilßn weiter das bequeme Mittel übrig darauf hinzuweisen, daß der Beförderung des jungen Offiziers dE Vorschlag des Truppenteils vorausgeheu muß, daß also mangels solcher Vorschläge von jungen jüdischen Soldaten auch keine Ernennungen erfolgen können. Mit diesem Hinweise sind wir an derjenigen Stelle angelangt die in erster Linie, für die Ablehnung des jüdischen Elementes im Offizierkorps verantwortlich zu machen ist. Hier muß mit deE Vorurteil gebrochen.werden, das gegen das Judentum besteht. Das wird freilich schwer halten, wenn nicht von oben herab und von der verantwortlichen Stelle der Kriegsverwaltung wiederholte und! energische Verfügungen und Belehrungen erlassen werden. > Freiwillig wird niemand etwas zugestehen, nur durch den Kampf erreicht man das Gewollte. Alle Proteste werden ver-, hallen — die jungen Leute selbst müsien für sich eintreten. Sie> haben das verfassungsmäßige Recht, auch ihrerseits Offizierstellen im Heere, sei es in der aktiven Armee oder in der Reserve und Landwehr zu bekleiden, ohne vorher einen Glaubenswechsel vorgenommen zu haben. Von dem verfassungsmäßigen Recht muß der junge jüdische Soldat Gebrauch machen. Es ist uns sehr wohl bekannt, daß junge Israeliten, obgleich alle Vor- V bedingungen erfüllt waren, sich nicht zur Wahl zum Reserve-Offizier : stellten, weil sie den'sicheren Echekvoraussahen. Diese Nachgiebigkeit und.H dieser Verzicht müssen fallen gelassen werden. Und sie können das ' um so eher, als jeder wählende Offizier verpflichtet ist, sein Nichteinverständnis zu begründen. Konfeisionelle Gründe werden, das hoffen wir, kaum noch Anerkennung finden. Sind sie dennoch ausf schlaggebend gewesen, so ist eine Behandlung der Sache in breitester Oeffentlichkeit und unter Heranziehung der verantwortlichen Stellen 7 angebracht. Tie Zeit wird dann schon kommen/ in welcher der Wider» ' stand gebrochen ist. Es ist ganz selbstverständlich, daß die wissenschaftliche Vorbildung <ii und die Hand voll Dienstkenntnis allein kein Titel für die Befähigung zum Offizier sein kann. Unerläßlich ist, daß der Aspirant eine gute häusliche Erziehung und gute Formen in die Armee mitbringt, daß cr in den Anschauungen groß geworden, die in der Armee gepflegt und gehütet werden. Niemand wird behaupten wollen, daß diese nicht auch in jüdischen Familien ihre Pflegstätte haben, und daß sie erst mit dem Uebertritt zum Christentum erworben werden können. Die Geschichte Preußens hat gezeigt, welcher Opfersinn auch in dem Judentum steckt, und die Schlachtfelder Böhmens' und Frankreichs haben bewiesen, daß unsere jüdischen Mitbürger sich ebenso gut geschlagen haben, wie ihre christlichen Kameraden. Grund genug, den ersteren deshalb auch volle Gleichberechtigung imHeere zuzugestehen. ♦ Sehr erfreulich sind die Auseinandersetzungen, die Adolf Philippsborn über den jüdisch-liberalen Jugendverein in Berlin macht (Liberales Judentum Jahrgang 3 Heft 1). Die Begründung des Bundes, sein Kampf gegen den Zionismus und sein wackeres Eintreten für den Liberalismus werden hier sehr würdig dargelegt. Wir sehen der Ausbreitung dieser Bewegung mit Vertrauen und Hoffnung entgegen. . . * Die Kampfesweise der Antisemiten in ihrer ganzen Erbärmlichkeit ist schon oft genug gekennzeichnet worden. Wir sind nicht der Ansicht, daß es sich lohnt, jeden Anwurf dieser Partei zu erwähnen oder gar zu berichtigen, aber die folgende Notiz der „Deutsch-sozialen Blätter" verdient wegen ihrer ganz unerhörten Gesinnungslosigkeit kurze Erwähnung. Sie lautet: „Der Vorsitzende der freisinnigen Volkspartei in Duisburg ist der'jüdische Rechtsanwalt Saul, während der Führer der nationalliberalen Partei der getaufte Jude Tr. Liebreich ist, der in zweiter Ehe wieder eine Jüdin geheiratet hat. Beneidenswertes Duisburg! Wie man hört, blüht uns der letztere als nationalliberaler Reichstagskandidat, wir werden schon wissen, was wir dann zu tun haben/ Man kann darauf nur mitder Bemerkung antworten, die „Die Welt am Montag" dieser Notiz hinzufügt: „Kann man sich etwas Niedrigeres denken als die Familienverhältniffe eines Gegners zum Mittelpunkt des politischen Kampfes zu machen?" £ Bei den Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses am 3. Februar ergriff bei der Besprechung des Justizetats der Abgeordnete Peltasohn das Wort, um tadelnd hervorzuheben, daß bei der Annahme der Assessoren „immer noch nach der Herkunft, der Religion und der Gesellschaftsfähigst geforscht werde" und meinte, „über solche Absonderungsbestrebungen sollten wir doch endlich hinaus sein". Er betonte ferner, daß auch bei der Auswahl der Schöffen kein Unterschied wegen der Religion gemacht werden dürfe und begründete diese Bemerkung mit den Worten. „Die jüdische Bevölkerung hat darüber zu klagen." Der Minister .nahm keinen Anlaß auf diese wohlberechtigten Vorwürfe zu antworten. Sehr merkwürdige Nachrichten verbreitet die „Neue Jüdische Korrespondenz" aus Galizien. Sie teilen die unerhörte Rechtskränkung mit, die darin besteht, daß den Juden in Galizien, die 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, nicht ganz 1 Prozent, d. h. 3200 Kronen von der für Bildungszwecke zur Verfügung stehenden Gesamtsumme' von 293 600 Kronen bewilligt worden sind. Sie berichten ferner, daß am 12. Februar eine Massendeputation der jüdischen Schänker Galiziens unter Führung der Abgeordneten Stand und Breiter im österreichischen Reichstag erscheinen wird, um bei der Regierung Protest einzulegen gegen die Verfügungen der galizischen Statthalterei in der Popinationssrage durch die viele Tausende jüdische Schänkerfamilien Galiziens brotlos geworden sind. Endlich geben sie Kunde von dem nachstehenden auffallenden Vorgang : , „Trotzdem die galizischen Behörden jeden Juden, der es wagt, sich bei der Volkszählung wahrheitsgemäß zur jüdischen Umgangssprache zu bekennen, in der unerhörtesten Weise drangsalieren, haben viele Tausende Juden aller Berufe die Rubrik Umgangssprache mit dem Vermerk „Jüdisch'" ausgefüllt. Dem Rabbiner Gedalja Schmelkes in Przemysl, der ebenfalls „Jüdisch" als seine Umgangssprache angab, wurde deswegen eine Geldbuße von 40 Kronen auferlegt. Der Rabbiner verweigerte jedoch die Zahlung der Buße und erklärte, lieber eine Freiheitsstrafe erleiden zu wollen. Diesem Beispiel werden zweifellos viele Hunderte und Tausende folgen. Man wird also das merkwürdige Schauspiel erleben, daß in Galizien Tausende von Juden wegen einer nach bestem Wissen und Gewissen abgegebenen wahrheitsgeteuen Erklärung — verhaftet werden . . / *