Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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dennoch nichts weniger als einen Bruch mit dein Ausgangspunkte, d. I). mit dem ursprünglichen, Religion und Sitttichkc-it als untrennbare Einheit betrachtenden Grundgedankenes bedeutet vielmehr nur die alleridealste Und erhabenste Art seiner Rechtfertigung und Verwirklichung. Die aufs vollkommenste veredelten und versittlichten Menschen sind eben dann gleichsam selber vergöttlichte Wesen geworden, Wesen, die das sittliche Ideal — die Gottheit — ganz in sich ausgenommen, in sich widerspiegeln, gleichsam verkörpern,-Wesen, bei denen sich jenes Jeremianische Zukunftswort erfüllt hat: „Ich habe meine Lehre in ihr Inneres gegeben, und ich habe sie in ihr Herz geschrieben." Die Mache. Berlin, den 7. Februar. er Tod Paul Singers, des Führers der sozialdemokratischen Partei, darf in dieser Uebersicht nicht unerwähnt bleiben. So energisch wir gegen den Vorwurf protestieren, daß die Juden Schildträger und Gefolgsknappen der Sozialdemokratie sind, so brauchen wir uns doch nicht zu scheuen, diejenigen Sozialdemokraten, die Juden sind oder von Juden stammen, uns zur Ehre zu rechnen, sobald sie Erfolgreiches leisten. Aber nicht von Singer, dem Führer einergroßen Partei, nicht von dem unermüdlich tätigen Arbeiter, von dem gewandten, mit voller Autorität seines Amtes waltenden Vorsitzenden großer Versammlungen soll hier die Rede sein, sondern von dem hervorragenden, tüchtigen Menschen, der echt menschliche Tugenden in reichem Maße besaß. Einem uns zur Verfügung gestellten Privatbriefe entnehmen wir folgendes: „Die Eindrücke, die ich persönlich von Paul Singer empfangen habe, sind die einer bedeutenden Persönlichkeit von objektivem, scharfem Verstand und gütigem, zartbesaitetem Herzen. Die, die ihm nähergetreten sind, werden ihn nie vergessen und ihm ein liebevolles Andenken bewahren. Seiner Familie war er der liebevollste Sohn und Bruder; bis zu seiner letzten Stunde war er in Liebe mit den Seinen vereint. Er war der zarteste, hingehendste Freund, voll Verständnis und Mitgefühl. Für jedes Anliegen wußte er Rat und Hilfe. Auch als Gesellschafter verdankt man ihm viele angenehme Stunden. Singer stand viele Jahre Herrn Sanitätsrat Dr. Neumann sehr nahe, er war ein häufiger Gast bei dessen Freitag-Abenden. Trotz seiner großen Arbeitslast war er unermüdlich, Herrn Dr. Neumann während seiner Krankheit zu besuchen, um ihn anregend von seinen Schmerzen abzulenken." Zwei Fragen, die schon in den letzten Wochen die allgemeine Aufmerksamkeit erregten, haben auch in der vergangenen Woche nicht aufgehört, die Zeitungen zu beschäftigen: die Schächtfrage und die Ausschließung der Juden aus dem. Offizierstand des deutschen Heeres. Die Reichstagsdebatte über die erstere, namentlich der Beschluß des Reichstages haben den heftigen Zorn der - antisemitischen Blätter erregt, den Gipfel der Verlogenheit erklommen die „Deutschsozialen Blätter", die folgendes Märchen ihren Lesern aufzutischen wagen: ,, . . . Wenn man weiß, daß der Talmud den Juden erlauben soll (!), einen ganzen Tag an einem lebenden Tier herumzufchächten, dann fühlt man, daß der mosaische Kultus uns Deutschen so fern steht, wie der Abgrund der Hölle dem strahlenden Himmel ist." * Ueber die Juden im Heere bringt die „FrankfurterZeitung" eine sehr ruhige Ausführungvon einem alten Offizier, deren Ansichten vielleicht nicht in jedem Punkte von unseren Lesern geteilt werden, die aber doch so viel Beherzigenswertes enthalten, daß wir sie hier folgen lassen: . ' Der Verband der Deutschen Juden und der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens haben kürzlich in einer Resolution Protest gegen die Tatsache erhoben, daß seit einem Vierteljahrhundert kein einziger Soldat jüdischer Konfession innerhalb des preußischen Kontingentes zum aktiven oder Reserveoffizier befördert worden ist, während wiederholt christliche Söhne jüdischer Eltern zu solchen ernannt wurden. Dieser grundsätzliche Ausschluß von Personen jüdischen Bekenntnisses, so besagt der Protest weiter, sei Verfassungs¬ und reichsgesetzwidrig, widerspreche den Einrichtungen der.zivilisierten Großstaaten und der Ueberlieferung <des preußischen Heeres, ferner der allgemeinen Verfügung des Krieg^ministers vom 10. Juni 1908 und dem Armeebefehl des Kaisers. Der Vorsitzende der Versammlung wurde schließlich beauftragt, die Resolution zur Kenntnis des Reichskanzlers, des Chefs des Militärkabinetts, des preußischen Kriegs- Ministers und der Mitglieder des Deutschen Reichstages zu bringen. . Hierzu sei zunächst bemerkt, daß das preußische Heereskontingent auch die kleinen norddeutschen Staaten sowie das Großherzogtum Baden umfaßt. Die Offiziere dieses Kontingentes werden vom König von Preußen auf Vortrag des Chefs des Militärkabinetts entännt; die Vorschläge zur Beförderung gehen von den Truppen üüs und können nur dann erfolgen, wenn die gesetzlichen Prüfungen abgelegt sind, und das Offizierkorps den Aspiranten durch die Wahl für würdig befunden hat, in seine Mitte zu treten. Aus dem Proteste der obengenannten Zentralverbände könnte geschlossen werden, daß nur seitens des preußischen Kontingentes die Ablehnung zur Aufnahme des jüdischen Elementes im Offizierkorps erfolgt sei und die übrigen Heereskontingeute — Bayern, Sachsen, - Württemberg — sowie die deutsche Marine eine wesentlich andere Stellung dem Judentum gegenüber einnehmen.. Es ist uns nicht bekannt, in welchem Umfange das jüdische Element in diesem Offizierkorps vertreten ist, es darf aber angenommen werden, daß auch hier nur ausnahmsweise Juden zu Offizieren befördert worden sind. 'Bildete doch in der bayerischen Kammer während der letzten Session derselbe Grund Gegenstand zur Klage. Die Juden sind politisch und rechtlich ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt, und es liegt aus diesem Grunde kein Anlaß vor, sie aus dem-Offizierkorps auszuschließen. Alle anderen europäischen Heere haben auch längst ihr Vorurteil gegen das Judentum fallen-lassen; das Osfizierkorps hat dadurch sicherlich keinen Schaden genommen. Wir finden unter anderem im französischen und österreichischen Heere eine namhafte Anzahl von jüdischen Offizieren in den oberen Führerstellen. Warum zeigt Deutschland allein sich so rückständig? Ganz sonderbar muß es aber anmuten, wenn man getauften Juden die Tür zum Eintritt öffnet, ihren dem alten Glauben aber treugebliebenen Genossen den Eintritt verwehrt. Ist man wirklich noch so naiv, der Taufe irgendeine Wunderkrast beizumessen? Oder hält man die Glaubenssätze des Christentums für ein unveräußerliches Element eines militärischen Führers? Man wirft dem Juden Eigenschaften vor, die ihn als ungeeignet für eine Führerstelle in der Armee erscheinen lassen. Die Wahrheit ist, daß es sich um Schwächen allgemeiner Natur handelt, die hüben und drüben gleichmäßig verteilt sind. Und das Offizierkorps, das ja schließlich auch nicht so erhaben dasteht, hat gar keine Ursache, anzunehmen, daß es durch jüdische Elemente in seinem inneren Werte herabgehen werde. Nein, es handelt sich um alt eingewurzelte Vorurteile gegen das Judentum, die in dem Ausschluß seiner Angehörigen aus dem Osfiziersstande ihren Ausdruck finden. Und es kann deshalb nur freudig begrüßt werden, wenn jüdische Körperschaften sich gegen solche Vorurteile und Ungerechtigkeiten auflehnen. Ob die Mittel freilich, zu denen sich die oben bezeichneten Verbände entschlossen haben, dem abhelfen werden, erscheint mindestens fraglich. Dem Reichstage hat die Frage schon öfter Vorgelegen, er hat nichts erreicht. Nach parlamentarischem Gebrauch überläßt der Reichskanzler ' die Vertretung der Armee, soweit sie nicht budgetärer