Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228968--67210-3279415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ü§ t f der Religion sprechende Antwort. Die Geschichte lehrt uns, daß beide einer Wurzel entsprossen sind, daß sie ferner5kange nur einen einzigen Stamm bilden, daß sie endlich, ob auch irnLaufe der Zeiten eine. Auseinanderzweigung stattgMnden, doch voneinander nicht 'losgerissen werden kpnnten:Nicht nur in ihrer Erscheinung als Volksmassen, die ohne tieferes Nachdenken lediglich ihren geistigen Instinkten folgensondern auch in ihrer höchsten geistigen Vertretung,, in ihren maßgebendsten Denkern und Forschern, die den Gründen alles gemeinhin Geltenden aufs eingehendste nachspüren, erweist sich die Menschheit in der Beleuchtung der Geschichte als einig darüber, daß Moral und Religion irgendwie — den einen' mit mehr, den anderen mit weniger Innigkeit — zusammengehören. Aber die Antwort der Geschichte dürfte doch noch keine völlige Befriedigung gewähren.' Man wird sie gelten lassen ' im Hinblick auf die Vergangenheit. In der Vergangenheit war offenbar — wird man zu geben — Moral ohne Religion nicht möglich. Die Menschen waren noch zu sehr in den alten Zuständen der Verwilderung befangen, als daß sie von sich aus selbst das klar erkannte Richtige ohne religiöse Stütze und Aneiferung immer hätten einhalten können. Man denke Nur wieder an das Gebot der Nächstenliebe, diesen Zeytralpunkt aller höheren Ethik. Ohne den Glauben an den einen Vater aller Menschen würde man sich nie der Förderung gebeugt haben, den Eingebungen des Egoismus, der Abneigung gegen andersgeartete Mitmenschen, die man, fei es, weil sie mit unliebenswürdigen oder gar abstoßenden Charaktereigenschaften behaftet sind, sei es aus irgendwelchen instinktiven Gründen nicht leiden mag, zu widerstehen. Noch weniger würde man ohne jenen Glauben sich dazu verstanden haben, sogar den Feind mit Milde zu behandeln, ja ihm Liebe zu erweisen, Herr zu werden über den Durst nach Rache und Vergeltung, Denn man Unbill und Unrecht erfuhr, oder mit Gefährdung des eigenen Lebens dem bedrohten Fremden zu Hilfe zu eilen. Alles, dies mag man früher ohne .Vermittlung der Religion, nicht einmal zu .erkennen, geschweige denn zur Richtschnur des Handelns zu machen, imstande gewesen sein. Aber warum sollte das in alle Zukunft sich so verhalten müssen? t Ist der Gedanke abzuweisen, daß das durch Bildung aufs höchste verfeinerte Menschengemüt von selber wissen wird, was ' es sich und anderen schuldet, daß es aus sich selber aufs sicherste und erschöpfendste alle irgend in Betracht kommenden sittlichen Obliegenheiten herzuleiten, dann auch zu betätigen und in dem gleichen Geiste auch die Jugend zu unterweisen die Fähigkeit wird erlangt haben? Das Christentum freilich unterbindet solchen Einwand von vornherein. Nach ihm ist Mt dem Sündenfall die Natur des Menschen so grundverderbt, daß er nur durch göttliche Gnade sich aus seinem sonst .unheilbaren. Sündenhange zu tugendhaftem Denken und Leben aufzuraffen und darin zu erhalten vermag. Die Erbsünde verhindert ein für allemal eine selbständige Erhebung zur Sittlichkeit. „Alle christlichen Konfessionen, wie mannigfach sie sich auch sonst voneinander unterscheiden mochten, hielten doch an dem einen Satze fest, daß ohne den Glauben, d. h. ohne die Zugehörigkeit zu dieser bestimmten, allem die religiöse Wahrheit repräsentierenden kirchlichen Gemeinschaft, kein sittliches Verdienst für den Menschen und kein Heil zu hoffen sei."*) „Der Grundgedanke, von dem man auf jeder Seite, bei allen christlichen Konfessionen — sowohl katholischen als reformierten — ausging, war immer der: Was soll die Tatsache der Erlösungchedeuten, Jo dl. Geschichte der Ethik, I, ©; 85. welchen. Nutzen und welche Notwendigkeit hat eine so unge- I* ti V heure LeistuHtz Gottes (dessen Selbstaufopferung) gehabt,-wenn der Mensch leine Bestimmung zu - erreichen vermag, auch ohne an den übernatürlichen Ergebnissen dieses Sühneopfers zu partizipieren V'1 2) Aber das IUllentum kennt doch all dergleichen gar nicht. Das Judentum lehrt, daß jedes Menschen Seele rein und sündenlos sin diese Welt eintritt, daß sie zwar frühzeitig von allerlei zur Sünde neigenden Trieben angefochten wird, aber durch ihre Willensfreiheit sich über sie zu erheben und nur das Gute zu ergreifen vermöge, ja auch dann, wann sie zur Sünde^ sich hat verleiten lassen, aus eigener Kraft wieder zur ursprünglichen /Reinheit zurückzukehren - fähig sei. Ja, während, christlicherseits noch zur Zeit Bacons die Frage viel verhandelt wurde, ob die tugendhaften Heiden der Seligkeit teilhast zu werden vermöchten?) finden wir im Judentum die gleiche Frage schon in der ersten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts durch den zum Glaubenssatz gewordenen Ausspruch entschieden: „Die Gerechten aller Völker — auch der götzendienerischen — haben Anteil an der künftigen Welt". Da also das Judentum erstens zu allen Zeiten die Disposition jedes in dieses Leben, eintretenden Menschen zu einem untadligen Wandel statuiert, und zweitens sogar dem Götzendiener die Möglichkeit des Gerechtsßins, d. h. der Moralität zuerkennt, so erscheint die erwähr^^ besonders von so manchem unserer Zeitgenossen gern geA^MFrage in vollkommenem Rechte: ob denn jenes Votum Geschichte über die enge Zusammengehörigkeit, über die Aneinander^tzbundenheit von Moral und Religion auf ewige Geltung Anspruch habe, auch für Zeilen allgemeinstß-p und vollster Durchdrungenheit von dem, was bislang, als wahrhaft gut und sittlich erkannt wurde? Obgleich wir nun eingangs die Tatsache erwähnten, daß das Judentum vermöge seiner durchaus ethischen Grundanschauungen über Gott am frühesten die innigste Verwachsenheit der Moral mit der Religion darstellt, so ist es doch gerade auf Grund dieser Tatsache und in voller Uebereinstimmung mit ihr in der Lage, in der Beantwortung der eben aufgeworfenen Frage fürs erste die weitgehendste Liberalität walten zu lassen. Sein herrlicher Optimismus befähigt es nämlich nicht nur, an die ursprüngliche Reinheit jeder neu in diese Zeitlichkeit eintretenden menschlichen Seele und somit auch an deren unvertilgbare Empfänglichkeit für alles Gute zu glauben, sondern auch an eine erhabene messianische Zeit zu glauben, in welcher der Mensch völlig Herr geworden über die seine edle Veranlagung hemmenden und verkümmernden Triebe und Irrungen und nach langer Läuterungsarbeit sich allenthalben zu vollendetster Sittlichkeit wird hindurchgerungen haben. Ja, in Konsequenz dieses Glaubens lehrt das Judentum weiter, daß, wenn jenes Vollendungsziel wirklich erreicht ist, die religiösen Gebote (d. h. die zeremonialen Verpflichtungen) in der Tat aufgehört haben werden, verbindlich zu sein?) Wenn es wirklich einmal dahin gekommen, daß die Menschen sich allerwegen von selber ihrer sittlichen Aufgaben aufs lebendigste bewußt sind und sie auch ganz und gar erfüllen, so werden alle äußeren religiösen Obliegenheiten — und darum nur, daß die Moral von diesen für unabhängig erklärt wird, handelt es sich, ja wohl wesentlich — mit ihrer Notwendigkeit auch ihre Verbindlichkeit verloren haben. Das bedeutet aber, wie man leicht einsieht. 1) Io d l, Geschichte der Ethik, I, S. 86. 2j Jo dl, Geschichte der Ethik I, S. 94. 2) Babli Nidda 61b. Vgl. Tosaphoth das.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.