Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin* 10, Februar 1911 75. Jahrgang Nr. 6 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die gost (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. Begründet von Rabbiner Dr, Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Uuclolk Glosse, SerUn» Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straß 4S/4S, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Religion und Moral. Von Dr. M. Steckelmacher- Mannheim. — Die Woche. — Eduard Cohen. — Dr. med. Karl (Karpel) Lippe. — Sozialdemokratie und Juden tum. Von Rechtsanwalt Dr. Cohn-Dessau. — Die Stellung der Rabbiner. Von Felix Makower. — Antoninus und Rabbi. Von Professor Tr. Samuel Krauß-Wien. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri — Literarische Mittei,' lungen. — Sprechsaal. Der Gcmeindebotc (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Kolberg, Petersburg. — Von Nah und Fern. Nkligion und Moral. Von Dr. M. Steckelmacher-Mannheim. II. biefern sittlichen Bankerott rettet nun die Menschheit -4-V — das Judentum. Im Judentum geht der Menschheit erstmals auf: Es gibt einen einzigen heiligen Gott, der die Welt und als ihre Krone den Menschen geschaffen, der also mit diesem Schöpfungsakte zugleich den Willen kundgegeben, daß sie, somit auch das Leben, erhalten und nicht zerstört werden er ist der Vater aller Menschen, will also, daß sie einander als Geschwister lieben, wie er denn auch ausdrücklich gebietet: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst; er ist ein gerechter und über alles Niedrige erhabener Gott, der den Menschen in zahlreichen Weisungen geboten hat, daß sie heilig sein sollen, wie er heilig ist, sich also über alle niedrigen Begehrungen zu einem heiligen Leben erheben sollen, womit zugleich die höchste Würde und Verpflichtung gegeben ist. Im Judentum, wie es der alten Welt durch die griechische Bibelübersetzung, dann durch Schriftsteller, wie Philo und schließlich — in freilich dogmatisch stark alterierter Form — durch das Christentum und später durch den Islam vermittelt wurde, fanden sich denn die zwei ursprünglich vereinten, aber durch die Gewalt der Verhältnisse voneinander gesonderten wesentlichsten Elemente einer höheren Menschlichkeit — Religion und Moral — und zwar beide mit gegen früher unvergleichlich gesteigertem Wertgehalt, wieder zusammen. Und sie fanden sich zusammen, ohne seitdem wieder getrennt zu werden, obgleich es an Versuchen dazu, namentlich - seit dem Anbruch der Neuzeit, nicht gefehlt hat. Was Haben nicht hervorragende Köpfe wie Charron, Hobbes, Shaftesbury, Hu me, Bayle, Kant und Fichte in tiefgründigen Erwägungen für die Aufzeigung. der absoluten oder teilweisen Selbständigkeit der Ethik und deren Unabhängigkeit von irgendeinem Glaubenssystem getan! , Es hatten, zu diesen Bemühungen um eine Verselbständigung der Ethik namentlich auch die Mißbräuche und Greueltaten, die auf die Autorität des Christentums hin verübt würden, die' fanatische Verfolgungssucht, die mannigfach verunsittlichenden Wirkungen des Aberglaubens, der sich im Gefolge der Gläubigkeit eingestellt hatte, ähnlich wie einst beim Verfall der alten Heidenreligionen, den Ansporn gebildet. *) Aber Religion und Moral blieben trotz alledem beisammen, ja, mit ganz wenigen Ausnahmen, hahen ebendieselben Denker, die vorher das Gebäude der Ethik ganz auf sich selbst zu errichten sich bemüht hatten, es doch wieder durch Religion zu fundamentieren, oder zu stützen, oder zu krönen für nötig gehalten. Sei es, um für die Gesetze der Bernunstmoral die erforderliche Sanktion zu beschaffen, wie bei Hobbes, Locke, Cumberland, Butler; sei es, um die unbedingte Hoheit des Sittlichen zu sichern, wie bei Cud- Morth; sei es, um den Antrieben zur Unsittlichkeit, den Leidenschaften wirksam entgegenzuarbeiten, wie bei Clarke; sÄ es, um ein ideales Vorbild-der Tugend zu haben, das Begeisterung für das Gute und Edle erwecke, wie bei -Shaftesbury; sei es, um eine Richtschnur für den moralischen Sinn zu besitzen, wie bei Hartkeh; sei es, um die Erreichung des mit der Moral geforderten höchsten Gutes zu verbürgen, wie bei Kant; sei es wegen des Glaubens an den Beruf des Menschen für die Mitarbeit an dem Aufbau einer übersinnlichen Weltordnung, wie bei Lotze, oder, was damit verwandt ist, wegen des Bedürfnisses einer Gewähr dereinstiger sittlicher Vollendung der Menschheit, wie bei Cohen; sei es endlich, um die sich vollendende Sittlichkeit zu krönen, wie schon bei Charron und später bei Fichte — soll religiöse Gesinnung weiterhin ihre Pflege finden, werden Glaube an Gott und Unsterblichkeit, Offenbarung und sogar Lohnverheißungen und Strafandrohungen für nötig erachtet. Ist doch sogar einem Spinoza, der alle Heteronomie für minderwertig hält, Sittlichkeit gleichwohl „nicht nur Handlung der autonomen Vernunftsondern zugleich Produkt der ewigen Kausalität Gottes" unv gewinnt ihm offenbar erst so ihre erhabene Bedeutung. Ja, selbst ein Voltaire hält den Atheismus für die Moral schädlich, und ein Proudh on nennt den über den Trieben stehenden „Rechtswillen" einen-„übernatürlichen", und ein Schopenhauer redet von einer „unbegreiflichen Leitung der Dinge". Und sogar Männer wie David Friedrich Strauß und Eduard v. Hartmann können einer Art metaphysischer Grundlage für ihre ethischen Lehren nicht entraten.* 2) : Die Geschichte erteilt uns somit auf die eingangs gestellten Fragen eine entschieden für die Untrennbarkeit der Ethik von y Vgl. Jodl, Geschichte der Ethik. I, S. 90. 93, 288 u. a. a, St. 2) Die bezüglichen Nachweise in meinem „Prinzip der .Ethik". S. 152 ff.