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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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auch mehr, sich cur dem Erwerb und der Besiedlung passender Ländereien seitens der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation respektive der von ihr gegründeten Erwerbsgesellschast zu beteiligen. Ebenso hat der Bodenerwerbsverein Agudath Jisrael in Jaffa der Leitung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation nachstehende Erklärung zukommen lassen: „Ter Verein Agudath Jisrael hält es für dringend geboten, den von der Allgenieinen Jüdischen Kolonisations-Organisation vertretenen Gedanken, daß sämtliche die jüdische Kolonisation im Orient auf wirtschaftlicher Grundlage anstrebenden Körperschaften sich zu einer einzigen, kapitalkräftigen Institution aus kommerzieller Basis zusammenschließen sollen, raschestens zu verwirklichen." „Indem sich der Verein Agudath Jisrael mit seinem ganzen Kapital an der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation respektive der von ihr gegründeten Erwerbsgesellschast beteiligt, fordert er alle verwandten Körperschaften aus, sich ebenfalls der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation anzuschließen, um das gemeinsame Werk auf gesicherter Grundlage und' in größerem Maßstab sortzusühren." Die Bedingungen der Beteiligung an der Erwerbsgesellschast werden demnächst veröffentlicht werden. Anfragen sind zu richten an das Bureau der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation, Berlin W., Nollendorfplatz 6. -- Potsdam, 29. Januar. Vor wenigen Tagen konnte der hiesige Israelitische Frauenverein das Fest seines 60 jährigen Bestehens feiern. Aus kleinen Anfängen ist der Verein zu immer höherer Blüte gelangt, und welche Bedeutung er heute für unser Gemeindeleben gewonnen hat,- das geht aus dem aus Anlaß des 60. Stiftungsfestes herausgegebenen Jahresbericht deutlich hervor. Danach zählt der Verein, der seine vornehmste Aufgabe in der Unterstützung verschämter Armut, in der Verpflegung und Ausstattung armer Kranker sowie in der Unterstützung würdiger Bräute und in der Fürsorge für Witwen und verwaiste Kinder sieht, zurzeit 108 Mitglieder, während sein Etat in Einnahme und Ausgabe die Höhe von 2300 Mark erreicht. Daß der Verein zu einer solchen Blüte gelangen konnte, dankt er, neben der freudigen Mitarbeit der Vereinsmitglieder, den Damen, die ihn in diesen sechs Jahrzehnten geleitet haben, dankt er vor allem aber auch den Damen, unter deren Vorsitz er zurzeit steht und die mit Umsicht und Hingebung ihres schweren Amtes walten. So war es denn nicht zu verwundern, daß das Fest dieses Vereins zu einem Fest für die ganze Gemeinde wurde, bei dem der Ortsrabbinrr sowie der Vor- .sitzende des Gemeindevorstandes und der Chewrahkadischah dem Verein und den Damen des Vorstandes, Frau Anna Zielenziger, Frau Bertha Lehmann, Frau Hermine Brauer und Frau Ernestine Philippsborn, für die ersprießliche, segensreiche Tätigkeit, die der Verein allezeit entfaltet habe und noch entfalle, in von Herzen kommenden Worten aufrichtigen Dank sagten. Möge es dem Verein vergönnt sein, noch lange Jahre zum Segen unserer Gemeinde zu wirken. F. Hamburg, 27. Januar. Ter Gemeindeverein von St. Pauli hielt am Dienstag, 24. Januar, im Restaurant Heldt eine Versammlung ab. Der Protektor des Vereins, Pastor Clemens Schultz, begrüßte die Anwesenden und gab Herrn Tr. Leimdörser das Wort zu einem Vorlrage über die „Humanität in der Bibel". Ter Redner ging von dem Wort Ludwig Fuldas aus: „Das Größte in unserer Zeit ist die Erweckung des sozialen Gewissens." Diese sittliche Verantwortlichkeit für den Menschen, eben weil er Mensch ist, war immer vorhanden, und wird schon in der Heiligen Schrift, besonders in den fünf Büchern Moses gelehrt und gefordert. Tas ist eben die Humanität, die echte Menschlichkeit. Der Redner tat systematisch dar, wie die Humanität und damit die Kultur der Menschheit entstanden ist. Das erste Buch Moses zeigt die Erschaffung des Menschen 'nach dem Ebenbild Gottes, der Mensch in seiner Würde und in seinem Adel, wie er solches ganz besonders in seinem Familienleben beweisen soll. Die Genesis enthält die wichtigsten und ältesten Familiendökumente, und weist auch schon auf jene un" heimlichen Mächte hin, die das Familienleben in seinem Glück stören können. Das zweit Buch Moses enthält die Erziehungsgeschichte der Menschheit durch Leid und' Freud. Das dritte Buch Moses bringt die ersten Gedanken und Forderungen sozialer Art. Aller Sozialis' mus und alle Sittlichkeit, das ist das rechte Verhalten der Menschen untereinander, normiert sich an der Religion; an dem rechten Verhalten der Menschen zu Gott. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig," spricht Gott. Im vierten Buch Moses werden die negativen, im fünften Buch Moses die positiven Mächte dargestellt, die den einzelnen Menschen zu einer Persönlichkeit und das Volk zu einem Kulturvolk erziehen. Mit einem Hinweis auf das große Humanitätsdrama unseres Lessing, „Nathan der Weise", und einem Appell zur Einigkeit und zur Betonung des Gemeinsamen in allen Religionen und Konfessionen — mag der Glaube verschieden sein, die Liebe muß dieselbe sein — schloß der Redner seinen nach Form und Inhalt geradezu glänzenden Vortrag. Helle Begeisterung und reicher Beifall lohnten ihm seine schöne Gabe. Kassel, 30. Januar. In Ausführung einer Anordnung des Kaisers ist auch dem hiesigen israelitischen Seminar ein wertvolles Werk zu Prämienzwecken durch Vermittlung des Königlichen Provinzialschulkollegiums zugegangen. Bestimmungsgemäß mit der Widmung „Geschenk Sr. Majestät des Kaisers und Königs" versehen, wurde dasselbe bei der weihevollen Kaiser- Geburtstagsfeier in Gegenwart von Lehrerkollegium, Seminaristen und etwa 80 Schülern der Seminarübungsschule dem Seminaristen Gustav Spier vom Anstaltsleiter Dr. Lazarus feierlichst überreicht. Tie schriftliche Entlassnngsprüfnng beginnt am 14. Ferruar, die niündliche am 21. Februar, die zweite Lehrerprüfung am 30. Oktober. Am 24. April beginnt die Seminaraufnahmeprüfung und der Unterricht in der neubegründeten Seminar - Vorbereitungsanstalt. Frankfurt a. M., 29. Januar. Bei dem vom Jüdischen Frauenbund zugunsten seines Jsenburger Heims für gefährdete junge Mädchen veranstalteten Vortragsabend sprach narb einem einleitenden Chorgesang Dr. Heinemann über Wesen und Wirken der Anstalt. Das Heim ist keine Entbindungsanstalt, wie irrtümlicherweise vielfach geglaubt wird, es ist ein „Sanatorium für sittlich Unterernährte". Gesangsvorträge von Fräulein Clara Lion und ein "von Fräulein Bertha Pappenheim verfaßtes Theaterstück, dessen Regie Fräulein Klinkhammer vom Schauspielhaus übernommen hatte, beschlossen den Abend, der einen in jeder Beziehung befriedigenden Verlauf nahm. Oesterreich-Ungarn. K. Lemberg, 26. Januar. Am 23. d. M. begann im Land- Hause die auf Grund eines vom Landtage am 10. März 1907 auf Antrag des Abgeordneten Tr. v. Löwen st ein gefaßten Beschlusses einberufene Enquete über die Judenfrage in Galizien. Den Enquetemitgliedern wurde ein Fragebogen übermittelt, in welchem die Materie in zehn Hauptfragen und zahlreiche Nebenfragen geteilt ist. Die Hauptfragen lauten im wesentlichen: 1. Welche ist die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien? Geht die jüdische Bevölkerung im Lande ökonomisch zugrunde? 2. Welche Erscheinungen hat die Verelendung zur Folge? 3. Was ist die Ursache des wirtschaftlichen Niederganges der jüdischen Bevölkerung? Die nächsten Fragen betreffen die Möglichkeiten einer Sanierungsaktion. Im siebenten Punkte wird die .Frage aufgeworfen, ob mit dem Faktum der jüdischen Emigration aus Galizien gerechnet werden muß und in welche Bahnen die Answanderuugssucht eventuell zu lenken wäre. Landmarschall Graf Badeni eröffnete die Enquete mit einer Ansprache, in der er ausführte: Dem Landtage war es darum zu tun, durch entsprechende Maßregeln die zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete etwa bestehenden Unterschiede möglichst auszugleichen. Die Armut und das Elend unter den galizischen Juden haben erschreckende Dimensionen angenommen; diese Armut ist jedoch auf die allgemeine Notlage des Landes zurückzuführen, der unbedingt abgeholfen werden müsse. Es wäre aber eine radikale und nicht bloß für den Augenblick berechnete Abhilfe notwendig. — Abgeordneter Dr. v. Löwenstein drückte seinen Dank für die Einberufung der Enquete aus und betonte, daß er in der galizischen Judenfrage jeht aus demselben Standpunkte stehe, den er vor drei Jahren bei der Begründung seines Antrages im Landtage eingenommen habe. Die jüdische Bevölkerung Galiziens sei mit der polnischen Nation eng liiert.

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